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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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DAtenschutz

Kredite und Verträge nur mit fragwürdigen Daten

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 23. Januar 2015 | Ausgabe 04

Eine Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums fordert umfassende Neuregelungen für das Scoring, das immer mehr Lebensbereiche erfasst. Das Bundesjustizministerium will diese jetzt auf einer Veranstaltung mit Datenschützern, Verbraucherschutz- und Wirtschaftsverbänden und der Wissenschaft diskutieren.

Die europäische Datenschutz-Grundverordnung ist noch gar nicht verabschiedet, schon tut sich eine neue Baustelle auf: das Scoring. In der Vergangenheit wurde es vor allem von Kreditauskunfteien wie Schufa, Bürgel oder Arvato betrieben, die mit bestimmten Prognosewerten feststellen, wie kreditwürdig ein Verbraucher ist. Dafür greifen sie nicht nur auf harte Bezahldaten, sondern auch auf Geodaten zurück. So entscheidet quasi die Nachbarschaft darüber, ob man einen Handyvertrag oder einen Kredit für ein neues Auto bekommt.

Scoring, was ist das?

Die Methoden nutzen mittlerweile Arbeitgeber, Vermieter, Versicherungsgesellschaften und die werbetreibende Industrie ebenso wie die Internetwirtschaft.

Auch die herangezogene Datenbasis wird immer größer. So überlegte die Schufa für ein Forschungsprojekt die Daten aus sozialen Netzwerken zu verwenden. Erst nach massiver Kritik nahm sie davon Abstand.

Gesetzlich geregelt wurde bislang allein das Finanz-Scoring in Deutschland im Jahr 2009. Die jetzt veröffentlichte Studie „Scoring nach der Datenschutz-Novelle 2009“ weist nach, dass die geltenden Regelungen nicht richtig greifen. Die Studie wurde im Auftrag der ehemaligen Verbraucherministerin Ilse Aigner vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein und der GP Forschungsgruppe erstellt. Die Verbraucherschutzministerkonferenz verlangte bereits 2013 gesetzliche Klarstellungen.

Die Studie kommt u. a. zu dem Schluss, dass die 2009 eingeführte kostenlose Selbstauskunft noch weitgehend unbekannt ist, wobei die Anbieter darüber nur unzureichend informieren. Viele Verbraucher kennen aber auch die Scoring-Firmen nicht, bei denen sie nachfragen und die Korrektur falscher Werte anmahnen können. Die Studien-Autoren schlagen deshalb ein gemeinsames Auskunftsportal vor.

Kritisch sieht die Studie es überdies, dass die Berechnungen der Kreditwürdigkeit auf Schätzungen beruhen, „deren individueller Aussagegehalt oft fragwürdig ist“. Viele Einzelfälle hätten gezeigt, so Studien-Autor Thilo Weichert, dass die Adresse der Verbraucher für die Bewertung eine zentrale Rolle spiele. So sind beispielsweise der baden-württembergischen Aufsichtsbehörde mehrere Fälle bekannt, in dem die Schufa einer Person einen Topwert von 98 % vergab, die alternative Auskunftei aber nur 60 %. Der Grund für den schlechten Scorewert: Zahlungsdaten lagen der Auskunftei nicht vor, aber die betreffende Person hatte 14 Nachbarn.

Foto: ULD

„Viele Einzelfälle haben gezeigt, dass die Adresse der Verbraucher für die Bewertung von Auskunfteien eine zentrale Rolle spielt.“ Thilo Weichert, Landesbeauftragter für Datenschutz in Schleswig-Holstein.

„Das ist schon nach geltendem Recht rechtswidrig“, meint Weichert. Anstatt auf eine Berechnung wegen einer zu dünnen Datenbasis zu verzichten, würden dann dubiose Werte zu Rate gezogen. Deshalb müsse zum einen die Verwendung von Geodaten verboten werden. Zum anderen müsse der Gesetzgeber konkretisieren, wann die verwendeten Verfahren als „wissenschaftlich“ gelten dürfen.

Thilo Weichert sagt: „Wir schlagen vor, die ’Wissenschaftlichkeit’ näher zu konkretisieren, etwa durch das Eingrenzen der Datenquellen, den Ausschluss von diskriminierungsträchtigen Merkmalen und durch die Aufnahme des Erfordernisses der Plausibilität.“

Verlangen Verbraucher die Korrektur eines offenbar falschen Scores, bieten die Auskunfteien oftmals nur eine Löschung an. Dabei wirkt sich ein schlechter Score noch besser aus als gar kein Score. Weichert verweist auf das Widerspruchsrecht der Nutzer, das aber wenig bekannt und praktisch nicht durchgesetzt werde.

Rechtlich ungeklärt ist ein neuer Trend in der Internetwirtschaft, nämlich die Verwendung von selbstlernenden Algorithmen, wie sie bei Big-Data-Analysen und Anwendungen mit künstlicher Intelligenz eingesetzt werden. Verwendet werden sie u. a. vom Hamburger Start-up Kreditech, das sich für die Ermittlung der Kreditwürdigkeit auch auf Ortsdaten, Internet- und Shoppingverhalten sowie Gerätedaten stützt. Gegenüber den Aufsichtsbehörden ist es allerdings nicht möglich, das Zustandekommen eines solchen Scores zu rechtfertigen, weil das Berechnungsverfahren nicht mehr vollständig nachvollziehbar ist. „Sollen solche Verfahren zugelassen werden, dann benötigen wir zusätzlich rechtliche Einschränkungen und Sicherungen“, sagt Weichert.

Bislang zögern Bundesinnenministerium und -justizministerium angesichts der kommenden europäischen Datenschutz-Grundverordnung selbst eine Neuregelung anzugehen. Doch nur sie könnte Deutschland zum Vorreiter eines glaubwürdigeren Scoring machen.  CSH

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