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Samstag, 17. Februar 2018

Arbeitsmarkt

"Leitplanken" für die digitale Arbeitswelt

Von Claudia Burger | 5. Oktober 2012 | Ausgabe 40

Die 4. Engineering und IT-Tagung "Zukunft der Arbeit" der IG Metall in der vergangenen Woche in Wolfsburg widmete sich den Arbeits- und Rahmenbedingungen der Arbeit von Ingenieuren und dem Thema Ökologie. Der Wissenschaftler Jan Marco Leimeister von der Uni Kassel forderte die Gewerkschaft dazu auf, "Leitplanken" für die moderne Arbeitswelt des Crowdsourcing zu entwickeln.

Eigentlich war es fast schon ein Muss, die IG-Metall-Tagung am VW-Mobile Campus in Wolfsburg stattfinden zu lassen. Denn bei VW ist der Organisationsgrad in der Forschung und Entwicklung hoch, Bernd Wehlauer, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates, bezifferte ihn auf 85 %.

Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, betonte vor 370 Gewerkschaftern, dass der Zuwachs gerade im Bereich der Ingenieure generell hoch sei. "Wir beobachten in den Ingenieurberufen eine Tendenz zu befristeten Arbeitsverhältnissen und Leiharbeit. Außerdem werden immer mehr Werkverträge abgeschlossen." Hier würden Unternehmen bestimmte Projekte an Entwicklungsdienstleister vergeben, aber nur nach Ergebnis und nicht nach Arbeitsaufwand bezahlen. Auch bei Ingenieuren gäbe es "unzumutbare Arbeitsbedingungen und Dumpinglöhne".

Oft ist die Anzahl der Werksvertragler in den Unternehmen gar nicht dokumentiert, weil diese vom Einkauf und nicht von der Personalabteilung engagiert werden. Darauf verwies IG Metall-Justiziar Thomas Klebe. "Der Grad der Leiharbeit ist so hoch wie vor der Krise", konstatierte er.

Vor allem die Automobilindustrie sei Hauptkunde. In der Stahlindustrie arbeiten laut Knebe etwa 8 % auf Werksvertragsbasis (Befragung 2011). "Wer als Leiharbeiter arbeitet, erzielt in der Regel die Hälfte des Einkommens eines Durchschnittsbeschäftigten.

Und es trifft auch gut Qualifizierte. 80 % haben einen Hochschulabschluss." Werner Kusel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Gummersbach, verwies auf den mit Ingenieurdienstleister Ferchau (Able Group) geschlossenen Tarifvertrag für Equal Pay. Kusel selbst hat im Netz nach der Meinung der Ingenieure gefragt und sich ausgetauscht.

Wenn es nach Jan Marco Leimeister vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Direktor des Forschungszentrums für Informationstechnikgestaltung an der Uni Kassel, geht, sollten das alle Gewerkschafter machen. Und noch mehr: Die Crowd, speziell das Crowdsourcing, solle nicht nur als Gefahr für bestehende Arbeitsverhältnisse gesehen werden. Die neue Arbeitsform, Anfragen oder Projekte ins Netz zu stellen und von der "Crowd" Lösungen zu erhalten, von manchen auch als "digitale Akkordarbeit" bezeichnet, werde ein neues Berufsbild auf Arbeitgeber- und auf Arbeitnehmerseite entstehen lassen. Crowdsourcing hätte bereits Einzug in die Unternehmen gehalten, wie IBM zeige, und sei eine neue Form der Wertschöpfung, die Chancen und Risiken für Arbeitnehmer und Selbstständige berge. Für jeden Bereich der Wertschöpfungskette gebe es bereits Angebote auf Crowdsourcing-Basis. Noch gebe es aber wenig funktionierende Modelle.

Und vor allem: Es fehlen laut Leimeister eindeutige Spielregeln und Leitplanken, wie diese moderne Arbeitswelt aussehen soll. Hier seien die Gesellschaft und die Gewerkschaften gefragt. Es werde nicht gehen, in starren Strukturen zu denken, beispielsweise in Tarifverträgen. "Ich habe aber keine Lösung." Nach seiner Erkenntnis gebe es keine Vollzeit-Crowd-Werker.

Sabine Wohlleben, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Infineon Technolgies AG, hat mit der Crowd und dem vernetzten Arbeiten so ihre Erfahrungen: Ingenieure verstünden manchmal gar nicht mehr den Projektkontext. Ihre Vorstellung von einer guten Arbeitswelt wäre, dass Ingenieure den Kontext verstehen und wissen, woran sie eigentlich arbeiten.

Die derzeitige Arbeitswelt und ihre Ausprägungen hält Holm Friebe, Berater, Buchautor und Gründer des Netzwerks Zentrale Intelligenzagentur, für ein Relikt mit dem Zuschnitt aus dem letzten Jahrhundert der Industriearbeit. "Wir haben jetzt die Chance, die Fehler des Industriezeitalters zu korrigieren", gab er zu bedenken. Dazu zähle beispielsweise die Abschaffung der Präsenzkultur und mehr Selbstständigkeit. Es sei zu begrüßen, dass Routinearbeiten und langweilige Arbeiten von Maschinen gemacht werden.

IG-Metall-Vorsitzender Berthold Huber hingegen sieht die wachsende Anzahl der von ihm als "Solo-Selbstständigen" bezeichneten Arbeitnehmer kritisch. Er betonte, dass Wissensarbeiter eine Chance auf einen fest bezahlten Arbeitsplatz haben sollten.

Die wachsende Bedeutung des Know-hows der Ingenieure betonte Horst Neumann, Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG. "Die Stärke der deutschen Automobilindustrie beruht auf der hohen Qualifikation der Beschäftigten, der Innovationskraft der Unternehmen sowie dem Prinzip der Mitbestimmung und Mitarbeiterbeteiligung."

Doch genau das Ingenieurwissen wird laut Christiane Benner nicht genug abgefragt, auch bei der Produktion. Deshalb startet die IG Metall im nächsten Jahr "Cradle-to-Cradle"-Seminare in Kooperation mit der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH. Dabei handelt es sich um ein Designparadigma, dass darauf ausgerichtet ist, die Qualität von Produkten durch Innovation zu erhöhen und alle Materialien als Nährstoffe zu behandeln, die in geschlossenen Kreisläufen zirkulieren. "Das Thema ist den Ingenieuren sehr wichtig", sagt Vanessa Barth von der IG Metall.   CLAUDIA BURGER

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