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Samstag, 23. Februar 2019

GAS

Lothringen träumt vom neuen Energie-Eldorado

Von Lutz Hermann | 15. Februar 2013 | Ausgabe 7

Unter den Füßen der Bürger im ostfranzösischen Lothringen nahe der deutschen Grenze sollen - das Kohlebecken Pas-de-Calais mit einbezogen – etwa 400 Mrd. m3 unkonventionelles Erdgas schlummern, genauer Kohleflözgas. Das schätzt das Französische Öl-Institut IFP Energies nouvelles. Frankreich habe eine "neue, hervorragende Energiequelle" entdeckt, so Industrieminister Arnaud Montebourg. Wichtig: Die Förderung soll ohne die auch in Frankreich umstrittene Methode des Fracking erfolgen.

European Gas Limited (EGL), ein kleines Unternehmen mit Sitz in Freyming-Merlebach, hatte im letzten Herbst vier Bohrgenehmigungen von der Präfektur in Metz erhalten. Jetzt will die Gesellschaft nachweisen, dass Schätzungen des Instituts IFP Energies nouvelles begründet sind. Die Bohrungen sollen nachweislich bestätigen, dass Lothringen vor einem "Energie-Eldorado" steht. EGL-Exekutivdirektor Frédéric Briens zeigt sich hoch motiviert: Mit den geschätzten 400 Mrd. m3 an Gasvorkommen ließe sich die Gasversorgung ganz Frankreichs für sieben bis neun Jahre sicherstellen.

Die Lagerstätten für Kohleflözgase liegen häufig 1000 m bis 2000 m unter der Erde. In diesen Tiefen drückt der Wasserdruck das Methan an die Oberfläche der Kohle, wo es dann extrahiert werden kann. Das Gestein, in dem das Gas lagert, ist meist porös. Mit horizontalen Absaugbohrungen kann es aus den Kohleflözen leicht an die Oberfläche befördert werden. Wegen des weltweit wachsenden Energiebedarfs ist die Ausbeutung von Kohleflözgas, das zu den unkonventionellen Gasen gerechnet wird, wirtschaftlich interessant.

Kohleflözgas ist der Oberbegriff für alle natürlichen Gasgemische, die in Verbindung mit Kohle vorkommen, wie Flözgas und Grubengas. 2010 wurden nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris weltweit rund 80 Mrd. m3 Kohleflözgas gefördert. Die Gewinnung von Kohleflözgas erfolgt derzeit vor allem in den USA, Kanada, Australien und China. Die IEA rechnet bis 2035 mit einem Anstieg der Förderung auf fast 410 Mrd. m3 weltweit.

Der Unterschied zum Schiefergas liegt in der Technik der Förderung: Kohleflözgas kann anhand von Absaugbohrungen abgebaut werden, für Schiefergasförderung ist Fracking – das Einschießen von Sand, Wasser und Chemikalien in die Gesteinsschicht – nötig. Dagegen laufen Naturschützer Sturm, die in erster Linie Vergiftung und Verschmutzung des Grundwassers befürchten. Wegen möglicher Umweltgefahren hat die französische Regierung das Fracking im Juli vorigen Jahres gesetzlich verboten.

Vor zehn Jahren war in Lothringen – neben dem nordfranzösischen Pas-de-Calais das klassische Kohleabbaugebiet des Landes – das letzte Bergwerk geschlossen worden. Dann, 2008, forschte die Firma EGL mit einem kleinen Expertenteam von zehn Ingenieuren und Geologen im Untergrund nach Energiequellen. Die Präfektur in Metz hatte zunächst nur zwei Bohrgenehmigungen erteilt. Als das Unternehmen "immense" Gasvorkommen ortete, wurden zwei weitere Bohrerlaubnisse nachgeschoben.

Von energiepolitischem Gewicht war auch der Einfluss des Vorsitzenden des Generalrates der Region Lothringen, Jean-Pierre Maseret: "Eine Riesenchance für die Industrialisierung von Lothringen", gab er der Regierung in Paris zu verstehen.

Intensiv will das Unternehmen EGL die beiden kommenden Jahre für die Bestätigung der "Riesenvorkommen" nutzen. Die Firma beabsichtigt etwa 400 Mitarbeiter einzustellen. Als Gesamtinvestition werden 33 Mio. € bis 2015 genannt. Dreißig Kohleflözlagerstätten habe man ins Auge gefasst.

Der französische Industrieminister Arnaud Montebourg zeigt verhaltenen Optimismus. In der Öffentlichkeit war er heftig kritisiert worden, als er sich zum einen für den Ausbau der französischen Kernenergie und zum anderen für den Abbau von Schiefergas stark machte, obwohl ihm die Gefahren des Fracking bekannt waren. Die Töne des Ministers sind inzwischen leiser geworden. Er setzt auf Kohleflözgas, allein schon um sein Land vom Gasimport unabhängig zu machen und damit Frankreichs Energiekosten zu drosseln.

Umweltministerin Delphine Batho ist vom Gas-Energiefieber ihrer Landsleute nicht sonderlich angetan. Sie hat eine Studie über Flözgaslager, ihren Umfang und über ihre möglichen Auswirkungen auf die Umwelt in Auftrag gegeben. Die Französin verhält sich auch deshalb zurückhaltend, weil sie wegen des Schiefergases unter erheblichen Druck kommt. Die französische Industrie fordert Batho auf, alternative Fördermethoden zum Fracking entwickeln zu lassen. Das Verbot von Fracking sei verständlich, so argumentieren die Unternehmer, nicht aber ein Verbot der Suche nach anderen, umweltfreundlicheren Verfahren.

Die Umweltschützer der Region Lothringen verhalten sich dem Kohleflözgas gegenüber abwartend und misstrauisch. Der Vorsitzende des örtlichen Umweltschutzvereins, Michel Kaspar, glaubt nicht an eine Ausbeutung ohne Probleme. "Uns hat man versichert", sagte er der Abendzeitung "Le Monde", "dass kein Grundwasser und auch keine Bohrstoffe wie beim Fracking eingesetzt werden. Wir wollen das gern glauben, aber wir haben keine Garantie." Das Unternehmen EGL sollte, wenn es um die Wasserversorgung in Lothringen gehe, "öffentlich gehört" werden, meint der Ökologe. LUTZ HERMANN