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Donnerstag, 21. März 2019

Industrie 4.0

Mehr Freiheit, mehr Risiko

Von Peter Steinmüller | 16. Oktober 2015 | Ausgabe 42

Die digital vernetzte Produktion ist an den Werkbänken angekommen. Nun wollen Politik, Unternehmen und Gewerkschaften das Verhältnis von Mensch und Technik neu ausbalancieren.

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Foto: Foto [M]: PantherMedia/Vitaliy Sokol/Irina Borsuchenko/VDI nachrichten

Handreichung: Wenn Maschinen immer anspruchsvollere Aufgaben übernehmen, hat das weitreichende Folge für die menschliche Arbeit.

„In Deutschland ist die Industrie mehr noch als in anderen entwickelten Volkswirtschaften Basis für Wohlstand und Beschäftigung“, betonte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel am Mittwoch bei einem Treffen des Bündnisses „Zukunft der Industrie“. An seiner Seite saßen der IG-Metall-Vorsitzende Detlef Wetzel, BDI-Präsident Ulrich Grillo und VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Zu den Eckpfeilern künftigen Wohlstands gehört die als Industrie 4.0 bezeichnete digitale Vernetzung von Produktion und Logistik. Dass diese Technologie mittlerweile die Werkbänke erreicht hat, demonstrierte kürzlich eine Veranstaltung im Raum Stuttgart. Dabei wurden die handfesten Ergebnisse der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Leuchtturmprojekte vorgestellt.

Prominentestes Ergebnis ist die Schichtdoodle genannte Einsatzplanungs-App. Über sie können Mitarbeiter per Smartphone selbst entscheiden, ob sie sich zu einer angefragten Zusatzschicht melden. Für Wilhelm Bauer, Chef des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO), ist Schichtdoodle ein gutes Beispiel dafür, dass Industrie 4.0 nicht nur als technische Entwicklung verstanden werden darf. „Technische Neuerungen erfordern immer auch organisatorische Veränderungen und diese sind klar erfolgreicher, wenn sie zum Nutzen und mit den beteiligten Menschen stattfinden“, sagte er den VDI nachrichten.

Deshalb hätten die Softwareentwickler großen Wert auf die aktive Einbeziehung der Mitarbeiter gelegt. Bauer erwartet, dass durch Industrie 4.0 die menschliche Arbeit anspruchsvoller und vielfältiger wird. Verbunden sei dies mit mehr Freiheiten für den Einzelnen. So würden dank der neuen Technik erstmals individuelle Arbeitszeiten in der Produktion möglich.

Bauer ist sich mit dem Berliner Zukunftsforscher Klaus Burmeister einig, dass Industrie 4.0 vor allen Dingen die Arbeitsplätze der Facharbeiter bedroht, weit stärker als die der Niedrig- und Hochqualifizierten.

Die Arbeitsmarktrisiken für ihre Stammklientel treibt auch die IG Metall um. Am Wochenende will sie den erfahrenen Tarifpolitiker Jörg Hofmann zum Vorsitzenden wählen.

Wenn Bundeswirtschaftsminister Gabriel im Frühjahr nächsten Jahres zur Konferenz seines Bündnisses nach Berlin lädt, wird er einen IG-Metall-Vorsitzenden an seiner Seite haben, der früh in seinem Werdegang die Arbeit in der digitalen Fabrik als sein Thema entdeckte. Anstatt einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeit favorisiert er mehr unbefristete Vollzeitbeschäftigung, die Spielräume für individuelle Arbeitszeitverkürzung lässt.

INTERVIEW ZUM THEMA

Bauer-BU

„Deutsche Unternehmen nicht  agil genug“

Drei Schaufensterprojekte von Industrie 4.0 zeigen nach Ansicht von Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer Instituts IAO, dass sich Mensch und Maschine inzwischen auf Augenhöhe begegnen. Er fordert Gesetzesänderungen, um die Flexibilität zu erhöhen.