Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Mittwoch, 17. Januar 2018

Messe

Mitmachen, schlau machen

Von Anne Schneller | 17. Juli 2015 | Ausgabe 29

Deutschlands größtes Jugendevent für Naturwissenschaften und Technik fand vergangene Woche in Hannover statt. Die IdeenExpo basiert auf einem Mix aus Interaktion und Information – und zwar stets auf Augenhöhe: Azubis und Studenten erklären künftigen Azubis und Studenten technische Exponate, leiten sie beim Experimentieren an und berichten über ihre Erfahrungen in Ausbildung bzw. Studium.

BU schüler experimentieren
Foto: IdeenExpo GmbH

Der Cocktail-Reaktor, eine Entwicklung von Doktoranden der Universität Hamburg, führt Schüler an die Verfahrenstechnik und Sensorik heran – einprägsam und schmackhaft.

„Die Messe ist eine riesige Jobbörse“, weiß Volker Schmidt, der Aufsichtsratsvorsitzende der IdeenExpo. Noch während der Veranstaltung seien Ausbildungsverträge geschlossen worden. Von 25 000 Studenten, die 2013 die IdeenExpo besuchten, hatten in einer späteren Befragung 6000 angegeben, durch die Messe an ihren ersten Job gekommen zu sein.

IdeenExpo: Hintergründe und Zahlen

Im „Club Zukunft“, mitorganisiert von der Bundesagentur für Arbeit, können erste Weichen gestellt werden. Ein Schnelltest liefert Antworten auf die Fragen, welche technischen Fachgebiete zu den persönlichen Neigungen, Fähigkeiten und Interessen passen.

Speziell für Mädchen werden ein MINT-Typ-Test angeboten und geführte Touren. Eine der Betreuerinnen ist IdeenExpo-Botschafterin Carmen Fricke. Die 24-Jährige gibt das perfekte „Role Model“ ab, denn ursprünglich wollte sie Lehrerin werden. Doch durch den Besuch der IdeenExpo 2009 überlegte sie es sich anders. „Ich bin mit einem Studenten ins Gespräch gekommen, der mir vom dualen Maschinenbaustudium vorschwärmte“, erzählt sie. Schon auf der Rückfahrt von der Messe habe sie gewusst: „Das will ich machen.“ Bei VW absolvierte sie eine Ausbildung zur Industriemechanikerin und parallel dazu an der Hochschule Hannover das Studium „Bachelor of Engineering“. Inzwischen ist sie als technische Sachbearbeiterin im Karosseriebau bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover für die Sicherheitskontrolle der einzelnen Bauteile zuständig.

Foto: IdeenExpo

Selbst gegossen: Beim Kupferhersteller Aurubis stellten Besucher Anoden her.

Autos spielen auf der Messe eine große Rolle. So auch im „Produktionskosmos“, einem der fünf großen Themenbereiche in Halle 9. Dort sind VW-Azubis dabei, einen Golf Sportsvan zusammenzubauen. Knapp zwei Dutzend Auszubildende im 2. und 3. Lehrjahr haben sich in den Kopf gesetzt, in den neun Messetagen das Fahrzeug komplett fahrbereit zu montieren – ohne die übliche Hilfe von Robotern. Bei der Montage assistieren viele der (zumeist jungen) Messebesucher. Fast 700 werden es schließlich sein, die ihren Beitrag geleistet haben. Damit sie nicht nur als Handlanger fungieren, sondern richtig was lernen können, bekommen sie den vom Team verfassten Reparaturleitfaden in die Hand gedrückt. „Da können sie sehen, wie die jeweiligen Teile verbaut werden“, erklärt Carolin Köhler (19), Kfz-Mechatronikerin im 3. Lehrjahr.

Die Azubis haben das komplette Projekt gemeinschaftlich organisiert. Ein vierköpfiges Kernteam ist die ganze Zeit vor Ort, die übrigen wechseln sich ab. Die rund 10 000 für den Golf erforderlichen Teile lagern in einem Container hinter der Halle, und zwar exakt in der Reihenfolge, wie sie eingebaut werden sollen – eine logistische Meisterleistung der jungen Leute.

Foto: IdeenExpo

Clever: Schüler des Hölty-Gymnasiums Celle stellten einen Tisch vor, der sich unebenen Böden anpasst.

Unter den mithelfenden Messebesuchern seien viele Mädchen gewesen, berichtet Köhler. Neben technischen Fragen wurden beim gemeinsamen Arbeiten auch viele Fragen zur Ausbildung gestellt und beantwortet. Neun Tage lang konnten die Baufortschritte via Live-Stream im Internet verfolgt werden. Am Ende der Messe soll der Motor angeworfen werden.

Foto: Bernhard Mehl, VDI

Beim JeT Challenge Cup, mitveranstaltet vom VDI, bauten Schüler aus Bordmitteln und mit vorgegebenem Budget ein RC-Car.

Mitmachexponate sind ein erklärter Schwerpunkt der IdeenExpo. Die Teilnehmer des vom VDI-Bezirksverein (BV) Hannover in Kooperation mit der Hochschule Hannover (HSH) durchgeführten JeT Challenge Cups hatten allerdings schon vorgearbeitet. 16 Schüler-Teams hatten ihre für den Wettbewerb gebauten Modellautos im Maßstab von ca. 1:8 mitgebracht. Bis auf Akku, Motor und Fahrtregler mussten alle Komponenten selbst entwickelt, gebaut oder für maximal 250 € zugekauft werden. Im Finale traten die funkgesteuerten Flitzer auf einem von Zuschauern umlagerten Rundkurs in der Messehalle 9 an. Dabei ging es nicht um Geschwindigkeit. Kernaufgabe war, die Gefährte hinsichtlich Energieeffizienz, Beschleunigung und Straßenlage zu optimieren. Bewertet wurden letztlich aber nicht nur Qualität und Originalität der kleinen Fahrzeuge, sondern auch Konstruktionspläne, Dokumentation, Design, Marketingkonzept und die Präsentation des Gesamtkonzepts vor der Jury. „Im Hinblick auf die Berufsorientierung sind die Teams aufgefordert, in ihrer Präsentation auf technische Berufe einzugehen, die bei der Entwicklung und beim Bau des Fahrzeugs eine Rolle spielen“, erläutert der BV-Vorsitzende Uwe Groth. „Damit wird die Brücke zu den Zulieferern geschlagen, die ja häufig im Schatten der großen Hersteller stehen und gar nicht als potenzielle Arbeitgeber wahrgenommen werden.“

Draußen vor der Halle weht dunkelgrauer Rauch durch die Luft, es riecht nach glühender Kohle und heißem Metall. Auf dem von der Papenburger Meyer-Werft belegten Areal schlagen gelbe Flammen aus zwei Kohlebecken. Der Metallbildhauer Andreas Rimkus hat sein mobiles Schmiedelabor eingerichtet und vermittelt klassische Handwerkskunst. Hier wird Blechumformung noch nach alter Väter Sitte praktiziert, und ohne technische Hilfe direkt über dem offenen Feuer und auf dem Amboss. Gearbeitet wird an einem echten „Leuchtturmprojekt“. Das kunstvoll gestaltete Seezeichen soll später allerdings nur vor einer Schule stehen, erklärt Meyer-Mitarbeiter Christian Norda. Mittels einer „Schreibmaschine“ der ganz besonderen Art können die Kinder und Jugendlichen ihren Namen in kleine, selbst geschmiedete Metallplatten schlagen. Mit den Platten wird das Leuchtturmgerüst verkleidet – per Schweißgerät. Azubis im Blaumann erklären kleinen und größeren Jungs im Blaumann, wie sie das Gerät halten und bedienen müssen.

Foto: A. Schneller

Industrie 1.0: Metallbearbeitung nach alter Väter Sitte.

Über das Kochen wollen Uwe Neumann und Ludger Busch Kindern Zugang zu Naturwissenschaften verschaffen. Neumann ist Nachhaltigkeitspädagoge am Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Universität Osnabrück, Busch ein in der Sternegastronomie erfahrener Koch. „Wir machen den Kindern die Wissenschaft schmackhaft“, erklärt Busch. Dabei hält eine Pfanne voller Maisstärkebrei über die Theke und fordert auf, mit dem Hammer hineinzuschlagen. Erstaunlich: Je nachdem, wie kräftig der Schlag ausfällt, fühlt sich die Masse fest oder elastisch an.

Das Geheimnis dieses Phänomens verbirgt sich in der Mikrostruktur des Breis. Die winzigen Stärkekörner lösen sich – anders als Salzkristalle – nicht im Wasser auf, sondern bleiben als feste, kantige Partikel darin erhalten. Bei langsamer Belastung haben die Stärketeilchen genug Zeit, einem Gegenstand auszuweichen und werden zusammen mit dem Wasser verdrängt. Trifft ein Gegenstand allerdings sehr schnell auf die Masse, können die Stärketeilchen nicht schnell genug ausweichen und blockieren sich gegenseitig. Nur das Wasser zwischen den Teilchen wird verdrängt – die Masse wird an der belasteten Stelle schlagartig fest.

Im „Ideenfang“-Wettbewerb, ausgerichtet von der Stiftung NiedersachsenMetall, hatten sich 25 Schulteams mit naturwissenschaftlich-technischen Projekten fürs Finale qualifiziert. Mit dabei: ein intelligenter Campingtisch, der Unebenheiten im Boden automatisch ausgleicht und seine Platte waagerecht ausrichtet. Mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde eine Schuhsohle, die Reha-Patienten eine zu starke Belastung des verletzten Fußes signalisiert.

Sonntag, 17 Uhr: Auf dem VW-Stand in Halle 9 herrscht atemlose Spannung. Der Golf ist rechtzeitig fertig geworden. Wird er anspringen? Die Schlüsselszene wird auf der Abschlussveranstaltung live übertragen: In Großaufnahme ist zu sehen, wie der Schlüssel ins Schloss gesteckt und vorsichtig gedreht wird. Der Wagen springt an! Ein Weilchen später rollt er in die Halle, eskortiert vom Bauteam und Sicherheitspersonal. Auf der Bühne wartet Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Stolz erklärt er, dass er den Sicherheitsgurt auf der Fahrerseite eingebaut habe.  

stellenangebote

mehr