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Donnerstag, 21. März 2019

Verkehr

Nach Stellwerkbrand bleiben Fragen offen

Von Ralf Roman Rossberg | 16. Oktober 2015 | Ausgabe 42

In einem Stellwerk in Mülheim an der Ruhr (NRW) hat es gebrannt, und tage-, wochen-, vielleicht monatelang sind wichtige Teile des Eisenbahnnetzes an Rhein und Ruhr unbenutzbar. Die Spurensuche gestaltet sich schwierig.

z - Zug-Chaos - BU
Foto: Funke Foto Service/Gerd Wallhorn

Das Stellwerk in Mülheim an der Ruhr ist nach dem Brand völlig zerstört. Experten vermuten, dass die Löschwasserschäden größer sind als die, die der Brand verursacht hat.

Ein Brand in dem Stellwerk im nordrhein-westfälischen Mülheim an der Ruhr führte zum Chaos im Nah- und Fernverkehr: Auf der West-Ost-Magistrale zwischen Duisburg und Dortmund fuhr kein Zug mehr. Das anfängliche Chaos ging in einen Dauerzustand über, der zwar wieder einige Fahrmöglichkeiten bietet, aber von der Normalität meilenweit entfernt ist. Und noch kann niemand sagen, wie lange die Einschränkungen andauern werden.

„Wie kann es sein, dass ein Feuer in einem einzigen Stellwerk fast das komplette Ruhrgebiet lahmlegt“, lautet eine der Fragen. Ein Ingenieur aus der Signalindustrie wiegelt ab: „Dass dieser Fall nach über 65 Jahren zum ersten Mal in diesem Ausmaß eingetreten ist, beweist doch nur die hohe Zuverlässigkeit dieser Stellwerkstechnik, die es seit 1948 gibt.“ Tatsächlich lag es wohl an einer „Verkettung unglücklicher Umstände“.

Das begann schon damit, dass der Brand im Bedienraum offenbar nicht mit dem Feuerlöscher zu bekämpfen war und der Fahrdienstleiter sich nur ins Freie retten konnte. Ausschlaggebend war jedoch die Lage des Stellwerks an einem Knotenpunkt mehrerer Strecken.

Stellwerke haben die Aufgabe, Weichen so zu stellen, dass die Züge auf die richtige Strecke gelangen. Und sie müssen die hohen Anforderungen an die Sicherheit zu erfüllen. Wenn die Technik ausfällt, gehen erst mal alle Signale auf Rot.

Gleisbild- oder Drucktastenstellwerke wie in Mülheim werden an einem Stelltisch bedient, auf dem die Gleise des Stellbezirks schematisch dargestellt und Drucktasten integriert sind. Um einen Stellvorgang auszulösen, müssen zur Sicherheit immer zwei sinnvoll zusammengehörende Tasten händisch gedrückt werden. Elektronische Stellwerke bilden die neueste Generation mit Bildschirmen, Tastatur und Maus. Hier wird die Sicherheit dadurch gewährleitet, dass zwei Rechner einen Stellbefehl bearbeiten und nur bei übereinstimmendem Ergebnis ausführen.

Stellwerke sind gewissermaßen Unikate, die dem Gleisplan des Bahnhofs entsprechen. Daher gibt es keine Rückfallebene und auch keine Ersatzanlage, die rasch die Aufgaben übernehmen könnte.

Wie es weitergeht in Mülheim, blieb auch Tage später offen. Die Brandfahndung hatte das Stellwerk fast eine Woche lang versiegelt, so dass sich der genaue Schaden zunächst nicht begutachten ließ. Inzwischen laufen im Relaisraum die Aufräum- und Reparaturarbeiten auf Hochtouren.

Ersten Informationen zufolge ist der Stelltisch nicht reparabel. Über das weitere Vorgehen zur schnellstmöglichen Wiederherstellung der gesamten Anlage könne erst entschieden werden, wenn genaue Erkenntnisse über den Umfang der Schäden vorliegen, die auch durch das Löschwasser entstanden sind. Da 2017 ohnehin die Umstellung auf elektronische Stellwerkstechnik vorgesehen war, böte sich an, gleich eine moderne Anlage in Betrieb zu nehmen, statt die Anlage teuer zu reparieren.

Die Fahrgäste der Bahn, vor allem die Pendler, werden sich noch auf längere Einschränkungen einstellen müssen. Ohne Stellwerk kann zunächst in jeder Richtung nur ein Gleis benutzt werden.

Im Netz der Deutschen Bahn gibt es rund 3100 Stellwerke. Erst 425 davon gehören zur jüngsten Generation, wobei damit immer mehrere alte Stellwerke ersetzt werden. Bis 2019 will die Deutsche Bahn 4 Mrd. € in Leit- und Sicherungstechnik investieren und damit auch in elektronische Stellwerke.