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Dienstag, 23. Januar 2018

Logistik

Nadelöhr nach Norden

Von Wolfgang Heumer | 12. Februar 2016 | Ausgabe 06

Zwischen Hamburg und Flensburg rollt es nicht mehr. Wer in diesen Tagen Waren zwischen Deutschland und Dänemark transportiert, kennt das Nadelöhr des Nordens. Da sind die aktuellen Grenzkontrollen der dänischen Polizei nur ein weiterer Stopp.

Schengen BU 1
Foto: dpa/Carsten Rehder

Noch bis zum 23. Februar – mindestens – kontrolliert die dänische Polizei den einreisenden Verkehr und damit vor allem Flüchtlinge, die eine Bleibe in Skandinavien suchen.

Das Tempolimit auf der Autobahn A7 kommt für Lkw-Fahrer überraschend. 3 km hinter der Ausfahrt Flensburg-Harrislee – kurz nach einer leichten Linkskurve – müssen sie ihre Trucks auf 40 km/h abbremsen. 500 m weiter verengt sich die Doppelspur auf eine Fahrbahn. Ab hier geht es für knapp 1 km nur noch im zügigen Schritttempo. Grund für die Fahrbahnverengung sind zwei neongelbe Sattelzugmaschinen mit gut 3 m hohen blinkenden Richtungspfeilen, dazwischen ein weißes Zelt und drei dänische Polizisten. „Achtung Kontrolle“ warnt ein Schild.

Schengen garantiert die Freizügigkeit in Europa

15 Jahre nach der Demontage von Schranken und Kontrollhäuschen an der deutsch-dänischen Grenze hat das Nachbarland den Übergang zumindest provisorisch wieder geschlossen. Mindestens noch bis zum 23. Februar kontrolliert die dänische Polizei den einreisenden Verkehr auf mögliche Flüchtlinge, die – aus dem arabischen oder osteuropäischen Raum kommend –eine Bleibe in Skandinavien suchen.

Anders als an der deutsch-österreichischen Grenze sind die Auswirkungen noch überschaubar: „Die Wartezeit kann manchmal fünf Minuten betragen, meistens geht es relativ flüssig“, sagt der auf Skandinavien-Verkehr spezialisierte Spediteur Matthias Gödecke aus Lübeck und fügt hinzu: „Noch.“

Die A7 ist die schnellste Straßenverbindung zwischen Westeuropa und Skandinavien. Rund 1,7 Mio. Lastwagen passieren jährlich den Autobahn-Grenzübergang Ellund. Als Lkw-taugliche Alternativen kommen nur die Bundesstraße B200 über Flensburg-Kupfermühle sowie die B5 an der schleswig-holsteinischen Westküste infrage. Ansonsten gibt es nur die diversen Fährverbindungen von Kiel über Fehmarn und Rostock bis Rügen gen Norden und zurück.

Werksverkehr zwischen Deutschland und Dänemark

„Kaum ein anderes Bundesland hat eine so schlechte Verkehrsinfrastruktur wie Schleswig-Holstein“, meint Thomas Rackow, Geschäftsführer des schleswig-holsteinischen Verbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (VGL). Und weil auf der A7 zwischen Hamburg und Flensburg nahezu ständig irgendwo ein Stau stundenlang den Verkehr behindert, sind die aktuellen Grenzkontrollen für die Unternehmen im Norden allenfalls ein zusätzlicher Grund zur Sorge. Mit einer Gesamtlänge von 962,2 km gilt die A7 als längste Autobahn in Deutschland und als längste nationale Fernverbindung in Europa.

Doch die Strecke hat nicht nur eine immense Bedeutung für den innereuropäischen Warenverkehr von Nord nach Süd und umgekehrt – sie dient gewissermaßen auch dem Werksverkehr zwischen deutschen und dänischen Standorten von Unternehmen wie Danfoss oder der Beumer-Gruppe aus dem nordrhein-westfälischen Beckum.

Die Spezialisten für Förder- und Sortieranlagen haben vor neun Jahren das Unternehmen Crisplant im dänischen Aarhus übernommen, das sich auf den Bau von Gepäckförderanlagen für Flughäfen in aller Welt spezialisiert hat. Seitdem die Dänen zu der deutschen Gruppe gehören, werden Aufträge an beiden Standorten bearbeitet – einzelne Bauteile werden auf der Straße hin- und hergefahren. Noch habe es durch die Grenzkontrollen keine Probleme gegeben, sagt eine Sprecherin. Doch wenn sich größere Staus ergeben, müssten andere Abläufe und vorgezogene Lieferungen eingeplant werden.

Zu dem ganz besonderen Werksverkehr im Norden gehören die Schwertransporte der Windkraftindustrie. Unternehmen wie Senvion, Vestas und Siemens fertigen diesseits und jenseits der Grenze jährlich Hunderte von Windkraftanlagen für den gesamten europäischen Raum.

Foto: A1Pix/Michael Staudt

Schwertransporte der Windkraftindustrie, die nur begleitet fahren dürfen, bekommen schon jetzt die Überlastung der Polizei zu spüren.

Allein der Marktführer Siemens lässt bis zu 20-mal pro Woche Turmsegmente, Maschinenhäuser, Rotornaben und Rotorblätter mit genehmigungspflichtigen Spezialtransporten aus dem Norden Dänemarks nach Deutschland bringen. „Weil sämtliche Transporte mit fertiggestellten Komponenten für den Windbereich aus Dänemark in Richtung Deutschland erfolgen, gibt es keinerlei Verzögerungen durch die bestehenden Grenzkontrollen“, sagt ein Siemens-Sprecher. In der Tat bremsen die Dänen nur den Verkehr in Richtung Norden, auf der Südfahrbahn herrscht freie Fahrt.

Dennoch könnten die Schwertransporte als indirekte Folge der Flüchtlingskrise ins Stocken geraten, meint Thomas Rackow. Denn der Polizei in Schleswig-Holstein mangelt es zunehmend an Beamten, um die insgesamt 44 000 Schwertransporte im Jahr zu begleiten: Neben Personaleinsparungen des Landes „machen sich da auch die Mehrbelastungen bemerkbar, die durch die Flüchtlingskrise ausgelöst werden“, sagt Rackow. Mittlerweile überlege die Landesregierung sogar, die gesetzlich vorgeschriebene Begleitpflicht zu lockern und die eingesetzten Polizeibeamten durch private Sicherheitsdienste zu ersetzen.

Siemens fährt aber auch aus Deutschland nach Dänemark. Ein großen Teil der Zulieferkomponenten wie Schaltanlagen, Getriebe oder Generatorensegmente stammt aus deutschen Siemens-Werken oder kommt – wie die großen Gussteile von Rotornaben – aus einer Eisengießerei in Mecklenburg-Vorpommern. Diese Transporte laufen schon heute Gefahr, weit vor der Grenze auf der A7 in einen Stau zu geraten. Jahrzehntelang war der Elbtunnel das Nadelöhr, jetzt ist die A7 bis 2022 auf dem 82 km langen Abschnitt von Hamburg bis zum Bordesholmer Dreieck eine Dauerbaustelle. Ausweichmöglichkeiten gibt es kaum.

Elektronische Augen schauen weit nach Deutschland hinein

Deswegen weichen immer mehr Verlader auf die Schiene aus und lassen ihre Chassis auf Spezialwaggons der Bahn stellen. Grenzüberschreitend fahren inzwischen 34 Ganzzüge im Kombiverkehr auf dem Land- und Seeweg über Kiel, Lübeck und Rostock von Deutschland nach Skandinavien.

Auf dem Landweg stauen sich die Lkw derweil in Schlangen auf der A7, so dass das System der Lenk- und Ruhezeiten für die Fahrer häufig aus den Fugen gerät. An Wochenenden führt das zu denkwürdigen Situationen: Statt am Freitag noch rechtzeitig auf dem heimischen Hof in Holstein anzukommen, müssen immer mehr Lkw-Fahrer den nächsten Parkplatz in Niedersachsen ansteuern. „Damit sie dort nicht wegen des Sonntagsfahrverbotes stranden, holen die Spediteure ihre Fahrer mit dem Pkw dort ab und bringen sie montags wieder zum Lkw zurück“, berichtet Rackow.

Derartige indirekte Effekte sind nach Ansicht von Logistikexperten gravierender als die eigentliche Staubildung an der Grenze. „Aus zwei Stunden Wartezeit können schnell mal zwölf Stunden Verspätung werden“, warnt Gunnar Gburek vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME).

Letztlich könnten auf solche Weise entscheidende logistische Leistungen wie das Just-in-time-Prinzip nutzlos und eine Rückkehr zu teuren Lagerhaltungssystemen erforderlich werden. Schon heute haben die meisten Unternehmen, die von Transporten über die A7 abhängen, größere Zeitpuffer in ihren Warenströmen eingeplant.

Die dänische Polizei scheint derweil – auch wenn sie selbst nicht darüber redet – bereits technisch dafür gerüstet zu sein, die direkten Kontrollen an der Grenze auf ein Minimum zu beschränken. Die beiden Sattelzugmaschinen, die den Verkehr mit ihren weithin sichtbaren blinkenden Richtungspfeilen einengen, sind etwas verdeckt mit hohen Kameramasten ausgestattet.

Deren elektronische Augen schauen weit nach Deutschland hinein und erfassen Fahrzeuge bereits, wenn sie auf die Grenzkontrolle zu rollen. Zu sehen ist dort zum Thema Flüchtlinge aber offenbar nichts: Seit Beginn der Grenzkontrollen kommen kaum noch Flüchtlinge, berichten übereinstimmend Hilfsorganisationen und lokale Medien.

Statt 500 und mehr Flüchtlingen pro Tag verirren sich seit Beginn der Grenzkontrollen täglich nicht mehr als 30 in den hohen Norden. Eine ähnliche Entwicklung wurde auch in den Hafenstädten Kiel und Lübeck-Travemünde beobachtet – seitdem Schweden die Grenzen geschlossen hat, hat sich der Ansturm wieder gelegt. Die regionale Wirtschaft hofft darauf, dass die Dänen ihre Grenzkontrollen bald wieder einstellen. „Wir haben hier 9000 Pendler, die täglich über die Grenze zum Arbeitsplatz müssen“, sagt Petra Vogt, Sprecherin der Industrie- und Handelskammer Flensburg. Hunderte Dänen kommen täglich zum Einkaufen in die Stadt und ihre Nachbargemeinden – überall entlang der Grenze gibt es spezielle Supermärkte, die vor allem Bier verkaufen, das im Königreich um ein Vielfaches teurer ist. Seit der Demontage der Schlagbäume vor 15 Jahren fühlte sich Flensburg als Zentrum einer grenzenlosen Region.

Zu denen, die auf ein schnelles Ende der Kontrollen hoffen, dürften auch die Einwohner der Gemeinde Harrislee am westlichen Stadtrand von Flensburg gehören. Die verkehrsberuhigte Zone im Ortszentrum hat sich in den vergangenen Wochen zum Schleichweg für Lkw entwickelt, die möglichen Staus entgehen wollen und den kleinen Grenzübergang im Dorf nach Padborg ansteuern.

Ob sich der Umweg lohnt, ist fraglich. Denn auch dort kontrolliert die dänische Polizei. Sollte Dänemark die Grenzen weiter geschlossen haben, dürfte der Druck sowohl an der Autobahn als auch in Harrislee und in Flensburg-Kupfermühle immens wachsen. „Wenn es die Kontrollen während der Sommerferien gibt, wird sich der Verkehr kilometerweit stauen“, warnt IHK-Sprecherin Vogt.  

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