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Samstag, 20. Januar 2018

Arbeitsmarkt

Österreich ist das Tor zum Markt in Osteuropa

Von Blechner | 4. Januar 2013 | Ausgabe 1

"Achtung, die Piefkes kommen!" Immer mehr deutsche Unternehmen siedeln sich in Österreich an und nutzen das Land als Sprungbrett nach Osteuropa. Auch qualifizierte deutsche Arbeitskräfte, besonders Ingenieure, zieht es ins Nachbarland. Denn die Alpenrepublik hat aktuell eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der EU und leidet unter einem Fachkräftemangel.

Jörg Eberhardt, Manager der fränkischen Firma Rehau, fühlt sich pudelwohl in Guntramsdorf im Burgenland. Er bereut es nicht, ins kleine Nachbarland umgezogen zu sein. "Hier herrscht eine andere Mentalität als in Deutschland", schwärmt der Business Unit Leiter Gebäudetechnik. Die Österreicher sähen sich in einer Vermittlerposition gegenüber anderen Menschen und tummeln sich lieber in Nischenmärkten, vor allem in Osteuropa.

Der Deutsche hilft aktiv bei der internationalen Expansion von Rehau mit. Das Unternehmen liefert polymere Werkstoffe für die Autokonzerne, die Bauwirtschaft und die Möbelindustrie.
Rehau ist eines von gut 6200 deutschen Unternehmen, die sich in Österreich angesiedelt haben. In den letzten zehn Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt. Das Interesse wächst stetig. 2011 waren rund 40 % der 183 Neuansiedlungen in Österreich aus Deutschland.

"Österreich ist für viele Firmen der sichere Hafen", erklärt Heinrich Schaller, Vorstand der Wiener Börse. Er verweist auf das stabile rechtliche und soziale Umfeld. Ausländische Investoren schätzten besonders die gut ausgebildeten Arbeitskräfte, die niedrigen Steuern und die geographische Nähe zur Konzernmutter. Mit 4,5 % hat das Land die niedrigste Arbeitslosenquote in der EU.

Ein weiterer Trumpf sei die Nähe zu Osteuropa. "Österreich ist der Hub für Mittel- und Osteuropa", meint Manager Schaller von der Wiener Börse. Viele Gesellschaften, darunter zunehmend deutsche Konzerne, verlagern ihre osteuropäischen Aktivitäten nach Österreich.

Mehr als 300 Konzerne haben in der Alpenrepublik ihr Osteuropa-Headquarter eingerichtet. So hat jüngst BMW seine Osteuropa-Zentrale von München nach Salzburg verlegt. Der Handelskonzern Metro steuert ebenfalls seine osteuropäischen Geschäfte von Wien aus. Und Siemens betreibt in Österreich internationale Entwicklungszentren für Mautsysteme, E-Mobility und U-Bahn-Systeme.

Eine Gewerbesteuer gibt es in Österreich nicht. Die Körperschaftssteuer wurde auf den einheitlichen Satz von 25 % gesenkt. Gut ein Zehntel der 71 deutschen Firmen, die sich 2011 in Österreich neu ansiedelten, konzentriert sich in Österreich auf Forschung und Entwicklung (FuE). Schließlich erhalten forschende Unternehmen eine Prämie von 10 % für die FuE-Investitionen. "Die Forschungsprämie ist ein wichtiger Standortvorteil", meint Deloitte-Wirtschaftsprüfer Michael Weismann.

Die Mehrheit der deutschen Firmen lässt sich in Wien nieder. Otto Bock hat 2011 seinen Standort ausgebaut und 200 zusätzliche Jobs geschaffen. Auch der Chipkonzern Infineon setzt in Kärnten auf FuE. Der Konzern hat 2011 rund 250 Mio. € zum Ausbau des Werks in Villach investiert – so viel wie nie.

Im Gefolge der deutschen Unternehmen kommen auch immer mehr deutsche Arbeitskräfte in die Alpenrepublik. Inzwischen arbeiten bereits 83 000 Deutsche im Nachbarland und stellen bereits die zweitgrößte Ausländergruppe dar.

Die Zahl der beschäftigten "Piefkes", wie die Deutschen in Österreich scherzhaft genannt werden, hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu vervierfacht. "Die Sprache verbindet", sagt Siemens-Österreich-Personalchefin Sibylle Würthner.

Vor allem Ingenieure haben gute Job-Perspektiven. "Österreichische Unternehmen suchen händeringend nach Ingenieuren, insbesondere auch am deutschen Markt", sagt Ute Muellbacher, Geschäftsführerin der Muellbacher Personalberatung in Wien. Denn Österreich leidet unter einem akuten Fachkräftemangel.

Laut Schätzungen der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) fehlen rund 30 000 Fachkräfte. "Viele Unternehmen haben Probleme, genügend qualifizierte Techniker zu finden", sagt Personalberaterin Muellbacher. Besonders im Maschinenbau, in der Mechatronik, Elektrotechnik, IT und der Medizintechnik würden Fachpersonal und Vertriebspersönlichkeiten mit fundiertem technischen Background fehlen.

"Klassische Maschinenbauer sind gefragt", meint Harald Kuchelbacher, Regionalleiter Ost- und Südösterreich des Ingenieurdienstleisters Brunel. In Österreich nämlich sei die Ausbildung in der höheren technischen Lehranstalt (HTL) sehr breit ausgelegt. Damit könne man etwa 40 verschiedene Berufe ausüben. Kuchelbacher: "Uns fehlen aber richtige Maschinenbauer, die die Grundlagen des allgemeinen Maschinenbaues, wie zum Beispiel das Dimensionieren und Auslegen, können."

Bei Verfahrenstechnikern sieht die Lage noch düsterer aus. Laut Kuchelbacher gibt es in der Alpenrepublik keine adäquate Ausbildung für Verfahrenstechnik. Deutsche Experten in diesem Bereich sind folglich heiß begehrt im Nachbarland.

Einen "Kampf um die besten Köpfe" stellt auch Siemens-Austria-Chef Wolfgang Hesoun fest. So sei es schwer, beispielsweise "gute Vertriebsingenieure zu finden", beklagt Siemens-Personalchefin Würthner. Österreichweit suche der Konzern derzeit vor allem Elektrotechniker und Mechatroniker, erklärte Würthner gegenüber den VDI nachrichten. Deutsche Bewerber hätten den Vorteil der Mobilität und der gemeinsamen Sprache, müssten aber auch ein hohes Maß an Internationalität vorweisen aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtung mit osteuropäischen Ländern.

In mittelständischen Firmen, die in Österreich die Mehrheit ausmachen, sind noch andere Qualitäten wichtig. "Da kann man nicht nur in seiner eigenen Abteilung arbeiten, sondern muss auch in der Lage sein, über den Tellerrand zu schauen und sich zum Beispiel mit anderen Abteilungen abstimmen", weiß Harald Kuchelbacher.

Nicht immer freilich wird der Zustrom der Deutschen positiv gesehen. Das zeigt sich vor allem bei der Debatte um die zunehmende Zahl deutscher Studenten an österreichischen Unis. In manchen Studiengängen sind die österreichischen Studenten gegenüber den deutschen in der Minderheit.

Um nicht unangenehm aufzufallen als "Piefke", sollte man höflich sein und zuhören können, raten die Personalvermittler. Man sollte versuchen, sich auf die Geschäftskultur und die lokalen Gepflogenheiten einzustellen, lautet die Empfehlung von Personalberaterin Ute Muellbacher. "In Österreich ist die Arbeitsatmosphäre in einigen Bereichen weniger tough als in Deutschland, es läuft alles eine Spur familiärer, und der persönliche Kontakt hat im Vergleich zu größeren Märkten nach wie vor eine viel größere Bedeutung."

Vielleicht werden die Deutschen in ein paar Jahren ohnehin nur noch eine kleine Minderheit im Alpenland sein. Denn inzwischen versucht Österreich zunehmend, Ausländer aus anderen Teilen der Welt anzulocken. Wien hat seit 2011 die Rot-Weiß-Rote Karte eingeführt, die qualifizierten Arbeitskräften aus Asien, Amerika und anderen Kontinenten über eine definierte Quote eine Arbeitserlaubnis ermöglicht. Außerdem buhlt Österreich um Fachkräfte aus den südeuropäischen Krisenländern. NOTKER BLECHNER

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