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Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Robotik

Per Anhalter durch Deutschland

Von Gudrun von Schoenebeck | 20. Februar 2015 | Ausgabe 08

Dem kleinen Roboter Hitchbot, der zurzeit trampend durch Deutschland reist, fliegen die Sympathien nur so zu. Zwar ist er auf menschliche Hilfe angewiesen, aber ein drolliges Aussehen, ein Hauch von künstlicher Intelligenz und eine clevere Medienstrategie bringen ihn an sein Ziel.

S4 Bildnachweis
Foto: Pro Sieben

 

Im Internet ist Hitchbot längst bekannt wie ein bunter Hund. Das muss man als Maschine, die zwar einiges kann, aber auf keinem Gebiet rekordverdächtiges leistet, erst einmal schaffen. Was den kleinen Roboter, der in einer zehntägigen Tour kreuz und quer durch Deutschland reisen will, so erfolgreich macht, ist eine Mischung aus sympathischem Äußeren, der Fähigkeit zum Small Talk und einer cleveren Medienstrategie seiner Erfinder.

Cleverscript und Pocketsphinx

Hilfreich ist ebenfalls, dass es nicht Hitchbots erste große Reise per Anhalter ist. Erst letzten Sommer trampte der Roboter durch sein Geburtsland Kanada. In vier Wochen legte er über 6000 km zurück und wurde von den Kanadiern überaus herzlich aufgenommen. Aus eigener Kraft fortbewegen kann sich Hitchbot zwar nicht, aber mobil ist er trotzdem. Das ist er schon seinem Namen schuldig, denn „hitchhiking“ ist das englische Wort für trampen.

Foto: Pro Sieben / Walter Wehner

Pool-Nudeln statt Muskeln: Hitchbot ist weder stark noch besonders beweglich. Aber er sieht gut aus.

Die Idee für den trampenden Roboter stammt von David Smith und Frauke Zeller, die an den kanadischen Universitäten McMaster in Hamilton und Ryerson in Toronto als Kommunikationswissenschaftler forschen. Zellers akademische Laufbahn startete in Deutschland: Im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität Kassel beschäftigte sie sich mit der Interaktion zwischen Roboter und Mensch aus einer linguistischen Perspektive. Speziell interessierte sie dabei, inwieweit sprechende Roboter im Dialog mit dem Menschen gesellschaftsfähig und sozial akzeptiert werden können. Ein Thema, das insbesondere im Zusammenhang mit Pflegerobotern, die z. B. in Altenheimen eingesetzt werden, zunehmend in die Diskussion kommt.

Hitchbot wiegt 8 kg und ist so groß wie ein sechsjähriges Kind

Um der Frage nachzugehen, ob der Mensch in einem Roboter mehr sehen kann als eine Maschine, hatten Zeller und Smith 2013 den kleinen Hitchbot entwickelt. Das Projekt begann mit einem Minimal-Budget im Wohnzimmer von Frauke Zeller. Für die Technik holten sich die Roboter-Eltern weitere Spezialisten wie Mechatroniker, Elektroingenieure und Computerwissenschaftler ins Team. Ziel war es, einen Roboter auf die Reise zu schicken, auf dessen Charme die Menschen positiv reagieren. „Normalerweise sorgen wir uns darüber, ob wir einem Roboter vertrauen können“, sagt Frauke Zeller. „In unserem Projekt fragen wir andersherum, nämlich ob Roboter den Menschen trauen können.“

Das Design der 8 kg schweren Maschine wird denn auch weniger von Hightech, als vielmehr von einem günstigen, aber witzigen Hinterhof-Chic geprägt. Der Torso besteht aus einem kleinen Kunststoff-Bierfässchen, Arme und Beine sind Pool-Nudeln mit Kupferrohr-Knochen. Handschuhe und bunt gemusterte Gummistiefel symbolisieren Hände und Füße. Stehen kann Hitchbot, der etwa die Größe eines sechsjährigen Kindes hat, nicht von alleine. Dafür bringt er aber seinen Autokindersitz gleich mit. Mithilfe eines ausklappbaren Gestells kann er am Straßenrand stehen und auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten.

Das freundlich lächelnde Gesicht des Roboters besteht aus vier LED-Paneelen, die von einer Kuchenglocke aus Kunststoff geschützt werden. Obenauf, als Haarersatz, sitzt ein Mülltonnendeckel. Dazu hat Hitchbot eine eingebaute Kamera, damit er auch selbst Fotos machen kann. Über ein Mikrofon und einen Lautsprecher kann er sprechen und durch den eingebauten GPS-Tracker ist sein Aufenthaltsort jederzeit bekannt und im Internet über eine Karte nachvollziehbar. Seine Energie bekommt Hitchbot über zwei Lithium-Polymer-Akkus, die nach ungefähr sechs Stunden nachgeladen werden müssen. Dann greift er entweder auf seine Solar-Paneele am Torso zurück, wird an eine haushaltsübliche Steckdose angeschlossen, oder praktischerweise direkt über den Zigarettenanzünder im Auto aufgeladen.

Das Hirn ist ein handelsüblicher Android-Tabletcomputer

Ein Android-Tabletcomputer, auf den die Wissenschaftler einiges an Software aufgespielt haben, ist das Hirn von Hitchbot. Gefüttert wird er via Schnittstellen zu Google, Wikipedia und verschiedenen Social-Media-Plattformen. Seine Posts auf Facebook, Twitter und Instagram schreibt Hitchbot zwar in Ich-Form, tatsächlich aber werden sie von seinem menschlichen Team, das seiner Tour durch Deutschland folgt, aktualisiert.

Sprechen kann der kleine Roboter ebenfalls – mit einer angenehm klingenden weiblichen Stimme und auf Deutsch. Dafür mussten Frauke Zeller und ihr Team sämtliche Wörter und Dialoge aus Hitchbots Muttersprache Englisch ins Deutsche übersetzen und neu programmieren. Als Software stehen dem Anhalter die Spracherkennungs- und Sprachverarbeitungsprogramme Cleverscript und Pocketsphinx zur Verfügung. Wird Hitchbot etwas gefragt, sucht er nach Schlüsselwörtern und aktiviert dann programmierte Sätze aus seinem Sprachschatz, wobei er mit seinen Aussagen auch durchaus schon mal daneben liegt. Er kann aber auch von sich aus eine Unterhaltung beginnen und zum Beispiel von seinen Hobbies Fußball, Hockey, Reiten und Backen erzählen. Wissenswertes über die Sehenswürdigkeiten aus seiner Umgebung ruft er ebenfalls gerne ab.

Foto: Pro Sieben/Frauke Zeller

Einreise: An der Seite seiner „Mutter“ Frauke Zeller flog der Roboter von Kanada nach Deutschland.

Aktuell sieht es so aus, als ob Hitchbot an den Erfolg seiner Kanadareise anknüpfen könnte. Dort war der Roboter schon nach kurzer Zeit zum Medienstar geworden, womit Frauke Zeller nicht unbedingt gerechnet hatte. „Für ein Wissenschaftsprojekt ist das schon ein erstaunlicher Erfolg“, sagt die Deutsche, die ihr „Kind“ selbst nach Deutschland gebracht hat und ihm jetzt hinterher reist. Mit dabei ist auch ein Team der Wissenssendung „Galileo“ von Pro Sieben, das für die Fernseh-Präsenz von Hitchbot sorgt. Täglich gibt es Liveberichte, Status-Meldungen, Bilder, Videos. Der kleine Roboter hat außerdem sein eigenes Blog und die Zahl der Facebook-Follower steigt stetig.

Das bringt Hitchbot und letzten Endes auch seinen Erfindern in ganz Deutschland zwar eine gewisse Berühmtheit, aber die Frage drängt sich auf, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse hier überhaupt angepeilt werden. „Die verrückte Idee eines trampenden Roboters kann ohne die Mithilfe fremder Menschen gar nicht funktionieren“, sagt Frauke Zeller zu Recht. Aber wenn das Galileo-Fernsehteam im Auto hinter Hitchbot sitzt und jede Begegnung dokumentiert, die dann auf allen Kanälen im Internet und TV verbreitet wird, ist fraglich, ob es sich hier um ein wissenschaftliches Projekt oder um ein Scripted-Reality-Format mit wenig Spielraum für Unvorhersehbares geht.

Foto: Pro Sieben

Wenig Berührungsängste: Vor allem junge Menschen sind beeindruckt vom strahlenden Grinsegesicht.

Unterhaltsam ist es in jedem Fall: Nach seiner Ankunft in München am 13. Februar wurde Hitchbot zunächst auf Sightseeing-Tour geschickt. Gesichtet wurde er u. a. mit einem Bier im Hofbräuhaus. Wer seine Spur im Netz verfolgt hatte, konnte den Anhalter dann am Abend an einer Münchner Tankstelle auflesen. Das Netzwerk funktionierte von Anfang an sehr gut: Hitchbot hatte gleich zu Beginn seiner Reise die Qual der Wahl unter rund einem Dutzend Mitfahrgelegenheiten. Sein erstes Etappenziel, Schloss Neuschwanstein, erreichte der Anhalter am Valentinstag ohne Mühe und wurde darüber hinaus auch noch mit einer Einladung für eine Hochzeit in Frankfurt belohnt.

Auch „BOTtrop“ liegt auf der 4000 km langen Strecke

Damit die Aufmerksamkeit weiter erhalten bleibt, soll Hitchbot nicht nur weiter durch Deutschland reisen, sondern dabei auch bestimmte Aufgaben erfüllen. Ohne „Challenge“ geht eben inzwischen auch bei Wissenschaftlern nichts mehr. Am Rosenmontag führte ihn sein Weg in die Karnevalshochburg Köln, wo er mit zahlreichen Jecken und dem Schild „Ich will Spaß“ gesehen wurde. Danach stand das Ruhrgebiet auf dem Programm – u. a. die Stadt „BOTtrop“. Über Berlin ging die Reiseroute weiter bis in den hohen Norden nach Sylt, wo Hitchbot der beliebten Kegelrobbe Willi einen Besuch abstatten sollte. Schließlich, so der Plan, soll der Roboter über Görlitz wieder zurück nach München trampen – insgesamt eine Reise von rund 4000 km in zehn Tagen.

Wird der kleine Hitchbot sein „Road Movie“-Abenteuer durch Deutschland unbeschadet überstehen? Wird er mitgenommen, mit Energie versorgt, pfleglich behandelt und wirklich dort abgesetzt, wo er hin möchte? Wie werden echte Menschen auf das Angebot einer vermenschlichten Maschine reagieren? Wenn der Rauch der Tweets, Facebook-Meldungen und Instagram-Fotos sich ein wenig gelegt hat, müssen sich die Wissenschaftler die Frage stellen lassen, welche Erkenntnisse sie von der Deutschlandtour eines trampenden Roboters mitnehmen können. 

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