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Mittwoch, 24. Januar 2018

Fossile Rohstoffe

„Pipelinegas schlägt Flüssiggas“

Von Robert Donnerbauer | 22. April 2016 | Ausgabe 16

Die niedrigen Öl- und Gaspreise belasten das Geschäft der Kasseler Wintershall GmbH. Trotz höherer Öl- und Gasförderung im vergangenen Jahr sank der Gewinn um über ein Drittel auf gut 1 Mrd. €. Zudem macht die russlandskeptische EU-Energiepolitik dem deutschen Energiekonzern sorgen.

w - Wintershall BU
Foto: Wintershall

Frostige Zeiten: Wintershall will in Zukunft Investitionen zurückfahren.

Sichere Planungsbasis? Fehlanzeige. Statt dessen Turbulenz und Instabilität. „Wir werden uns daran gewöhnen müssen. Volatilität ist die neue Normalität“, konstatierte Mario Mehren, Vorstandsvorsitzender der Wintershall, beim Jahrespressegespräch Anfang April in Kassel. „Volatilität wird uns auch auf niedrigem Preisniveau in diesem Jahr begleiten.“

Wintershall Holding GmbH

„Es sind nicht mehr die geopolitischen Konflikte, die die Öl- und Gaspreise bestimmen“, erläutert Konzernchef Mehren. Vielmehr bestimme derzeit der Ölpreis die Geopolitik. So sei das Ölangebot schneller gestiegen als die Nachfrage. Doch das werde sich wieder einpendeln. Denn die Nachfrage nach Öl werde nach Einschätzung von Experten weiter steigen.

„Öl und Gas sind kein Auslaufmodell. Sie haben Zukunft“, so Mehren. Daran ändere auch das Klimaabkommen von Paris nichts. Öl werde gebraucht als Rohstoff und Gas als Partner der regenerativen Energien.

Foto: Robert Donnerbauer

„Wir werden uns daran gewöhnen müssen. Volatilität ist die neue Normalität.“ Mario Mehren, Vorstandsvorsitzender der Wintershall AG, Kassel, zu schwankenden Ölpreisen auf niedrigem Niveau.

Aufgrund des langfristig steigenden Erdgasbedarfs in Westeuropa bei gleichzeitig abnehmender Eigenproduktion muss Erdgas in immer größerem Umfang importiert werden. Der Wintershall-Chef spricht sich dabei für die Gasversorgung über Pipelines aus und gegen Flüssigerdgas (LNG – Liquefied Natural Gas). „Pipelinegas schlägt LNG – ökologisch wie ökonomisch“, sagt Mehren.

Pipelinegas aus Norwegen und Russland sei für Europa die bessere Alternative als LNG, betont der Wintershall-Chef. Unter anderem ist Wintershall schon an der Ostsee-Pipeline Nord Stream beteiligt. Nun will man mit weiteren europäischen Partnern das Projekt Nord Stream 2 vorantreiben.

Der Bau zweier zusätzlicher Offshore-Pipelines würde zu einer langfristig zuverlässigen Versorgung Europas beitragen. Das Projekt sei wirtschaftlich sinnvoll und energiewirtschaftlich notwendig. „Das ist Erdgas zu wettbewerbsfähigen Preisen ohne Transitrisiko“, betont Mehren.

„Russland ist der wichtigste Energiepartner der EU – und wir müssen dafür sorgen, dass es auch so bleibt“, so Mehren. Dafür sei eine „nüchterne Realpolitik“ vonnöten, mit weitsichtigem und verantwortlichem Pragmatismus. Als positives Beispiel erinnert er an die langjährige Energiepartnerschaft von Wintershall mit der russischen Gazprom.

Zum 30. September 2015 wurde übrigens der Tausch von Vermögenswerten (Asset-Tausch) mit Gazprom vollzogen. Wintershall hat das bislang gemeinsam betriebene Gashandels- und Gasspeichergeschäft vollständig an den Partner übertragen und wurde im Gegenzug an der Erschließung neuer Kohlenwasserstoffvorkommen in Westsibirien beteiligt.

Für dieses Jahr basieren die Planungen bei Wintershall auf einem durchschnittlichen Ölpreis der Sorte Brent von 40 $/boe und auf einem Wechselkurs von 1,10 $/€. Boe (barrel oil equivalent) wird oft von Öl- und Gasunternehmen in Berichten als Einheit benutzt, um Reserven und Fördermengen zu beziffern. 1 boe entspricht etwa 1700 kWh, das ist die Energie, die in einem Barrel Öl, ca. 159 l, enthalten ist.

Die Preise der Energieträger Öl und Gas sind im Jahr 2015 weiter stark gefallen: Im Jahresdurchschnitt sank der Preis für die Referenzrohölsorte Brent gegenüber 2014 um 47 % auf 52 $/boe. Und der Preis für Gas auf den nordwesteuropäischen Spotmärkten verringerte sich gegenüber 2014 um 21 % auf 6,51 $/mmBtu (1 mmBtu – million British thermal units – entspricht etwa 26,4 m3 Gas).

Ein Versuch, dem Preisverfall geschäftlich entgegenzuwirken, ist für Wintershall die Ausweitung der Produktion an Öl und Gas. So erzielte die Kasseler BASF-Tochter 2015 mit 153 Mio. boe (ein Plus von 13 % gegenüber 2014) zwar einen neuen Rekordwert, das gesteckte Ziel von 160 Mio. boe verfehlte sie aber.

Höhere Produktionsmengen kamen vor allem aus Norwegen und Russland. Doch in Libyen konnte Wintershall angesichts der schwierigen politischen Bedingungen insgesamt nur an 125 Tagen produzieren – auf niedrigem Niveau. „Das Land braucht Stabilität“, unterstreicht Mehren.

Insgesamt sank bei Wintershall der Umsatz mit Dritten 2015 um 14 % gegenüber dem Vorjahr auf knapp 13 Mrd. €. Das Betriebsergebnis (Ebit) verringerte sich gar um 36 % auf 1,07 Mrd. €.

„Bestehen wird jetzt nur, wer seine Kosten im Griff hat, wer flexibel ist“, beschreibt Mehren die Situation im Markt. „Blick nach vorne, Kosten runter – für mehr Profitabilität“, laute das Motto.

Das laufende Jahr bezeichnet Mehren als Herausforderung. „Wir können die niedrigen Öl- und Gaspreise trotz steigender Produktion nicht kompensieren. Wir sparen, und wir investieren selektiv.“

So sollen in diesem Jahr 200 Mio. € eingespart werden. Dazu sollen die laufenden Betriebsausgaben weiter optimiert und Ausgaben für Exploration insbesondere in Ländern mit hohem Kostenumfeld reduziert werden. 2015 fuhr Wintershall seine Ausgaben für Investitionen und Akquisitionen bereits um 42 % gegenüber 2014 auf gut 1,8 Mrd. € zurück.

Geplant sei aber, weiter in ausgewählte Projekte zu investieren. In den kommenden fünf Jahren hat der Konzern dafür insgesamt rund 4,8 Mrd. € vorgesehen. Ziel ist, die Produktion von Öl und Gas auf 190 Mio. boe im Jahr 2018 auszubauen.

„Wir werden weiter die Basis für unser zukünftiges Produktionswachstum legen und investieren in Infrastruktur und vor allem Effizienz. Aber es gilt, jede Entscheidung sehr sorgfältig abzuwägen“, so Mehren. Zum Beispiel würden einzelne Entwicklungsprojekte in Norwegen, Großbritannien und Argentinien verschoben, optimiert oder langsamer entwickelt. 

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