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Samstag, 20. Januar 2018

Energiewirtschaft

Stadtwerke hadern mit Fallstricken der von ihnen begrüßten Energiewende

Von Manfred Schulze | 27. September 2013 | Ausgabe 39

Der Ausbau der Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen war besonders nach dem vorgezogenen Atomausstieg ein Lieblingsthema der kommunalen Versorger. Doch nachdem man sich als Vorreiter der Energiewende gefeiert und kräftig in Solar- und Windparks investiert hat, spüren die Stadtwerke nun die andere Seite der Medaille: Die eigenen konventionellen Kraftwerke lohnen sich nicht mehr.

Stadtwerke hadern mit Fallstricken der von ihnen begrüßten Energiewende

Energiewende-Investitionen in neue Gas- und Dampfturbinenkraftwerke – im Bild das Gemeinschaftskraftwerk Bremen – bringen derzeit auch Stadtwerke in die Bredouille. Foto: GKB

Es fielen überaus deutliche Worte auf der Jahrestagung des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU) in Dresden, auf der rund 300 Vertreter deutscher Stadtwerke ihre Forderungen an die künftige Bundesregierung formulieren wollten. Der Wandel in den Ansichten der kommunalen Energiemanager zur Energiewende in Deutschland, die für 11,7 % der deutschen installierten Leistung Verantwortung tragen, war einhellig.

Klaus Weimer, Geschäftsführer der Stadtwerke Iserlohn, brachte es schließlich auf den Punkt: "Wir wollten die Energiewende und leiden jetzt unter einem Effekt, den wir so nicht vorausgesehen haben. Und der wird uns noch richtig wehtun!"

Weimer hat für 24 Mio. € Anteile an Solar- und Windparks in ganz Deutschland erworben und kassiert für die Einspeisung bei dem jeweiligen Netzbetreiber des dort erzeugten Stroms einen guten Gewinn – zu subventionierten Preisen, fix auf 20 Jahre.

Verkauft wird der EEG-Strom an der Leipziger EEX, derzeit bringt die Megawattstunde dort aber nur noch knapp 40 €. Er ist binnen weniger Jahre um die Hälfte gesunken, statt, wie von den Machern des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) kalkuliert, stetig zu steigen.

Die Differenz aus dem Verkaufserlös und der Summe der garantierten Vergütungen wird als EEG-Umlage auf die Verbraucher – von besonders energieintensiven Industriebetrieben und der Bahn abgesehen – umgelegt.

Für Weimer und die anderen Stadtwerkskollegen bedeutet das zwei grundlegende Probleme: Die örtlichen Unternehmen – also die Gewerbekunden der Stadtwerke – ächzen unter stetig steigenden Abgaben. Neben der EEG- ist auch die Netzentgelt-Umlage drastisch angestiegen. Die Folge ist ein großer Trend hin zu eigenen Stromerzeugungsanlagen – die Unternehmen erzeugen mehr Strom selbst, damit aber sinkt der Absatz der Stadtwerke.

Zugleich aber geraten eigene konventionelle Kraftwerke der Stadtwerke in die roten Zahlen, so in Iserlohn. Die dortigen Iserlohner Stadtwerke haben 2011 als eher kleines Unternehmen bei einer Bilanzsumme von rund 154 Mio. € (2011) über eine Beteiligungsgesellschaft eine Scheibe am Gemeinschaftskraftwerk Bremen (GKB) erworben.

Noch befindet sich das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit 58 % Wirkungsgrad im Bau. Jetzt mussten die Sauerländer, so Weimer, erstmals Drohverlust-Rückstellungen bilden. 100 000 € pro Jahr und MW Leistung – ein gewaltiger Betrag, bei einer Kraftwerksscheibe von 12 MW.

Dabei ist der Iserlohner Fall keineswegs einzigartig. In manchen Stadtwerken geraten dadurch die klassischen Finanzgefüge durcheinander, da die rentable Energiesparte auch dazu genutzt wird, Verluste in anderen Bereichen, etwa in dem chronisch defizitären öffentlichen Nahverkehr, auszugleichen.

Selbst die großen Stadtwerksverbünde haben inzwischen die meisten Investitionen in Gas- und Dampfturbinenkraftwerke (GuD-Kraftwerk) auf Eis gelegt. "Wir können derzeit ein geplantes GuD-Kraftwerk nicht realisieren, obwohl die Nähe zu einem Standort des Bayer-Konzerns eine hocheffiziente Fahrweise mit ganzjähriger Wärmeauskopplung ermöglichen würde", klagte Trianel-Geschäftsführer Sven Becker. Selbst mit dem möglichen Bonus für die Kraft-Wärme-Kopplung sei die Anlage auf absehbare Zeit "nicht im Geld".

Auch bei den Stadtwerken, die sich laut Kongress als "Gestalter der Energiewende" sehen, werden immer mehr Pläne bekannt, auch laufende Gaskraftwerke gänzlich stillzulegen. Sie sind mit ihrem relativ teuren Brennstoff gegen billigere Stein- und Braunkohle sowie Wind- und Sonnenstrom derzeit nicht konkurrenzfähig. Als Regelenergie seien jedoch just Gaskraftwerke mit ihrem geringen CO2-Ausstoß und kurzen Reaktionszeiten noch auf Jahrzehnte unverzichtbar, so Trianel-Chef Becker.

Becker kritisiert, dass das jetzige System das eigentliche Ziel der Energiewende – die Reduzierung des CO2-Ausstoßes – gar nicht im Fokus habe, sondern vor allem auf den Zubau von Wind- und Sonnenkraftwerken setze.

Der VKU fordert daher eine umfassende Neuordnung des EEG. Eine Umfrage unter den Kongressteilnehmern zeigte jedoch, dass an eine wirklich systematische Reform des EEG kaum ein Vertreter der kommunalen Energiewirtschaft glaubt. MANFRED SCHULZE

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