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Dienstag, 23. Januar 2018

Stromnetze

Verteilnetze sind die Stiefkinder der politischen Netzausbaudebatte

Von Alexander Morhart | 1. April 2011 | Ausgabe 13

Zurzeit dreht sich die öffentliche Diskussion fast ausschließlich um das elektrische Übertragungsnetz zum weiträumigen Energietransport. Bei der wichtigsten Veranstaltung der Branche, dem "Treffpunkt Netze" des BDEW in Berlin, standen diesmal die Verteilnetze im Mittelpunkt. Bisher wurden sie in der Debatte um den Stromnetzausbau eher stiefmütterlich behandelt.

Trotz der zurzeit allgegenwärtigen Debatte um die Kernenergie war der Ausbau der elektrischen Verteilnetze das beherrschende Thema auf dem Fachkongress "Treffpunkt Netze". Rednern und Publikum dieses Branchentreffs des Verbandes BDEW ging es um die Netze auf den Spannungsebenen zwischen 400 V und 110 kV.

Wie sehr dieser Bereich bisher im Schatten des Übertragungsnetzes (hauptsächlich mit 380 kV betrieben) gestanden hat, zeigte das Eingeständnis des Parlamentarischen Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium Ernst Burgbacher. Er war als Ersatz für Staatssekretär Homann gekommen. "Wir gehen davon aus, dass wir zirka 3600 km Neubau bei den Übertragungsnetzen brauchen. Bei den Verteilnetzen liegt mir gar keine Zahl von Kilometern vor – nach meinem Wissen gibt es die noch gar nicht."

Es gibt sie doch: Die Zahlen lieferte Joachim Nissen. Der Leiter der Netzwirtschaft bei RWE Deutschland stellte die Kurzfassung eines Gutachtens vor, das der BDEW bei drei Instituten in Auftrag gegeben hatte. Die Mittelspannungsnetze müssten demnach bis 2020 um 140 000 km oder 28 % erweitert werden, die Niederspannungsnetze um 240 000 km oder 22 %. Der nötige Ausbau der Hochspannungsnetze liege bei 650 km. Eine relative Angabe für die Hochspannungsebene machte Nissen nicht – aus den von der Bundesnetzagentur veröffentlichten Daten lässt sich ein Wert von knapp 1 % errechnen. Die Gesamtkosten für den Ausbau geben die Gutachter mit einer Spanne von 21 Mrd. € bis 27 Mrd. € an.

Alle Werte beruhen auf den Ausbauannahmen für Wind- und Solarleistung in der "Leitstudie" des Bundesumweltministeriums, die sich Nissen zu eigen machte: "Das ist vermutlich die Anforderung, der wir uns stellen müssen."

Zusätzlich haben die Gutachter einen Ausbau mit den Wind- und Photovol-
taikannahmen des Energiekonzepts der Bundesregierung gerechnet. Das Energiekonzept geht von einem wesentlich schwächeren Photovoltaikleistungszuwachs aus – Ausbaukilometer und Investitionsvolumen würden dadurch nur etwa halb so hoch sein.

Dass die Regierung parallel mit zwei Szenarien arbeitet, kommentierte Roger Kohlmann, Geschäftsbereichsleiter Energienetze beim BDEW, mit den Worten: "Wenn man gefragt wird, was Planungssicherheit heißt – das ist es nicht."

Methodisch wurde in der Studie Deutschland in vier nach Wind- und Photovoltaikintensität typisierte Regionen aufgeteilt. Diverse städtische Gebiete haben die Gutachter zu einer gesonderten fünften Kategorie zusammengefasst. Mehrere Effekte wie Maßnahmen zur zeitlichen Lastverschiebung wurden nicht berücksichtigt, ebenso der Umfang von ohnehin nötigen Ersatzinvestitionen. Details zur Methodik bleiben einer Langfassung des Gutachtens vorbehalten, die Nissen für Mitte April in Aussicht stellte.

Nicht nur der Umfang des Netzausbaus, sondern auch der Weg, um diesen bald zu verwirklichen, war Thema. "Es kann doch nicht sein, dass Bund und Länder über Jahre hinweg in Arbeitsgruppen zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren zusammenkommen und am Ende klammheimlich zu Ergebnissen kommen, die uns keinen Deut voranbringen", sagte BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller, und forderte daher: "Wir brauchen einen Bundesnetzplan und eine Bundesfachplanung."

Müller regte an, zukünftig beim Leitungsbau auf Raumordnungsverfahren zu verzichten. Ihr Verbandskollege Roger Kohlmann unterstrich das und lobte die ähnlich lautenden Vorschläge von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, sagte aber zugleich: "Fraglich ist, wie sich die Länder einem solchen Ansinnen gegenüber aufstellen werden."

Boris Schucht, Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, zeigte an einem Beispiel auf, wie ein Genehmigungsverfahren im Bundesland Schleswig-Holstein die sogenannte "Windsammelschiene", eine 380-kV-Leitung von Schwerin nach Hamburg vor allem für Windstrom, blockiert. "Diese Leitung hört an der Landesgrenze auf. Wir müssen als Ausgleichsmaßnahme 240 ha Wald anpflanzen. Aber das geht wiederum auch nicht ohne Genehmigung. Dieses Verfahren ist eine Kaskade."

Damit hatte Schucht den Bogen zum Ausbau der Übertragungsnetze geschlagen. Er beklagte, dass er Bürgermeister und Landräte oft nicht auf seine Seite bekommen könne. "In der Region, wie zum Beispiel in Thüringen, hat keiner etwas davon. Wir schaffen keine Arbeitsplätze in der Region, und es kommen keine Steuern in der Region an. Wir müssen dazu kommen, dass wir eine Art finanzielle Kompensation für betroffene Gemeinden schaffen."

Damit stieß Schucht bei Staatssekretär Burgbacher auf offene Ohren: "Wir müssen darüber reden, was wir mit den Gemeinden machen. Wenn wir Korridore definiert haben, dann müssen wir auch sehen: Wie belohnen wir die Kommunen dafür, dass sie das mittragen? Sonst wird es nicht gehen."

Holger Krawinkel vom Verbraucherzentrale Bundesverband mahnte, Zusammenhänge zu berücksichtigen. "Je weniger wir vor Ort bestimmte Erzeugungsarten akzeptieren, umso mehr müssen sie woanders hinverlagert werden, umso mehr Transportkapazität müssen wir aufbauen, umso teurer wird das Ganze." ALEXANDER MORHART

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