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Donnerstag, 21. März 2019

Industrie 4.0

„Wir brauchen eine neue Arbeitskultur“

Von H.Steiger/I. Hartbrich | 18. Juli 2014 | Ausgabe 29

Die Digitalisierung wird die Produktionsarbeit umkrempeln, sagt Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. Der Wissenschaftler fordert neue Regeln zum Arbeitsschutz.

Wilhelm Bauer
Foto: Fraunhofer IAO

Wilhelm Bauer: „Die Industrie 4.0 versetzt Werker möglicherweise in die Lage, mitzuentscheiden, wann sie arbeiten möchten.“

VDI nachrichten: Advokaten der Industrie 4.0 betonen die wirtschaftlichen Potenziale. Trügt der Schein, oder kommt die menschliche Arbeit in der Debatte zu kurz?

Wilhelm Bauer: Selbstverständlich ist eine Erhöhung der Produktivität das angestrebte Ziel von Industrie 4.0. Zum Thema Arbeit gibt es den Konsens, dass die Industrie 4.0 keine menschenleeren Fabriken bringen wird. 96 % der von uns befragten Führungskräfte sagen, menschliche Arbeit wird in der Industrie 4.0 eine sehr große Bedeutung haben.

Wilhelm Bauer, Fraunhofer IAO

- leitet das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart und das Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) an der Universität Stuttgart und

- studierte Maschinenbau – auch in Stuttgart. har

Aber im wissenschaftlichen Beirat der Plattform Industrie 4.0 – immerhin 19 Mitglieder stark – sitzt nur ein Sozialwissenschaftler...

Es ist definitiv mehr Forschung in diesem Gebiet notwendig. Produktionsarbeit wird sich verändern. Nur mit einer konzentrierten Arbeitsforschung lassen sich Industrie-4.0-Fabriken in den nächsten Jahren errichten und erfolgreich betreiben.

Welchen Fragen muss diese Forschung nachgehen?

Wir müssen zunächst die Auswirkungen der Digitalisierung auf die menschliche Arbeit erforschen. Das hat das Forschungsministerium erkannt, schließlich gehörte zur Gruppe der als Erstes geförderten Forschungsprojekte zur Industrie 4.0 gleich „KapaflexCy“. Wir erforschen darin, wie sich Mitarbeiter an der Schichtplanung beteiligen können. In diesem Fall sagen sie per Smartphone flexible Arbeitseinsätze zu oder ab – ein gutes Beispiel wie Social Media und die Vernetzung über das Internet den Werkern das Leben erleichtert.

Das kann aber doch nicht ausreichen...

Natürlich nicht. Wir müssen systemisch forschen. Schließlich geht es um den Wirtschaftsstandort Deutschland und seine Beschäftigten. Ich fordere daher eine Programmatik der Bundesregierung. Der VDI hat sich der Thematik jetzt auch angenommen. In Kürze wird ein von mir geleiteter VDI-Fachausschuss „Arbeitswelt Industrie 4.0“ seine Arbeit aufnehmen.

Was für eine Programmatik?

Es gilt, die Wirkung der Industrie 4.0 auf die Arbeit zu untersuchen. Arbeit und Technik müssen sich gleichzeitig entwickeln, denn sie bilden ein soziotechnisches System. Dazu müssen zielgerichtet Fördermittel eingesetzt werden. Ich würde mir wünschen, dass auch das Arbeitsministerium hier einen Beitrag leistet. Im Forschungsministerium sind ja schon Projekte angelaufen.

Die Industrie 4.0 – da sind sich die Beteiligten einig – wird die Fabrikarbeit gründlich umkrempeln. Reichen überhaupt die heutigen Regelwerke aus?

Nein, die reichen schon heute nicht mehr aus. Wir müssen sie an die Gegebenheiten von heute und morgen anpassen. Und die heißen heute vielfach Smartphone, WhatsApp und Twitter. Wir brauchen auch neue Regeln zum Arbeitsschutz.

Meinen Sie politische Regeln?

Ja, ich denke auch an neue Gesetze und der Arbeitsschutz fällt definitiv darunter.

Welche Aspekte sind Ihnen besonders wichtig?

Das Arbeitszeitgesetz in seiner heutigen Form halte ich – gelinde gesagt – für aktualisierungsfähig.

Was müsste ein neues Arbeitszeitgesetz beinhalten?

Es müsste einen neuen Rahmen setzen – auch für flexible Arbeitszeitmodelle. Es müsste der heutigen Arbeitsrealität gerecht werden und negative Entgrenzung verhindern. Das allein würde allerdings nicht ausreichen.

Was meinen Sie?

Wir brauchen auch eine neue Arbeitskultur. Gesetze allein ändern nicht notwendigerweise das Verhalten der Mitarbeiter. Sie allein verhindern nicht, dass sich jemand nachts hinsetzt und E-Mails schreibt.

Was könnte denn eine solche Kultur prägen?

Vorbild und Eigenverantwortung! Sehr viel hängt von der Führung ab. Das Verhalten und die Vorgaben der Führungskräfte sind maßgeblich für das Verhalten der Mitarbeiter.

Welches sind denn die Änderungen, die die Beschäftigten am stärksten zu spüren bekommen?

Produktionssysteme werden flexibler – zukünftig noch kurzfristiger als heute. Das gilt auch für die Menschen, die in der Produktion beschäftigt sind.

Was bedeutet das konkret?

Früher vollzog sich die Produktionsplanung Wochen und Monate im Voraus. Heute beobachten wir zunehmend, dass die Unternehmen deutlich kurzfristiger planen. Schlanke Produktionssysteme, kurze Durchlauf- und Lieferzeiten und der weitgehende Verzicht auf Fertigwarenbestände heißt auch für die Mitarbeiter: flexible Arbeitszeiten, -orte und -tätigkeiten.

Wie schrecklich!

Die Ansprüche an die Verfügbarkeit der Werker werden immer größer. Das allerdings halte ich nicht notwendigerweise für negativ.

Was sollte daran positiv sein?

Die Informationstechnik kann den Mitarbeitern enorm helfen, den Ansprüchen an Flexibilität gerecht zu werden. Immer mehr Planungsprozesse lassen sich auf dem Papier gar nicht mehr bewältigen. Smartphone und Tablet sind einfach überlegen. Es sind doch nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Mitarbeiter, die sich Flexibilität wünschen. Work-Life-Balance ist das Stichwort. Die Industrie 4.0 versetzt Werker möglicherweise in die Lage, mitzuentscheiden, wann sie arbeiten möchten. Der eine muss sein Kind von der Kita abholen, der andere kümmert sich um ältere Angehörige.

Sicher wäre das ein positiver Effekt. Aber der muss doch nicht eintreten.

Selbstverständlich besteht die Gefahr, dass der Mensch den Kürzeren zieht. Seine Arbeitszeit wäre dann im komplexen Optimierungsgefüge der Fabrik nur eine Stellgröße unter vielen, zum Beispiel dem Energieverbrauch.

Wie realistisch ist dieses Negativszenario?

Das ist schwer zu sagen. In der Büroarbeit haben erste Unternehmen begonnen, die Entgrenzung der Arbeit – E-Mailen in der Nacht oder am Wochenende zum Beispiel – zu beschränken. Sie spüren, dass Flexibilität nicht unbegrenzt abgerufen werden darf und Grenzen benötigt. Ähnliche Entwicklungen wird es hoffentlich in der Industriearbeit geben.

Und dann? Wie sieht Ihr Wunschszenario aus?

Ich möchte, dass jeder Mitarbeiter seine Talente möglichst produktiv und individuell einsetzen kann. Für mich ist eine Arbeitskultur ideal, in der wir eine gesunde Mischung finden zwischen teilautonomer Gruppenarbeit und getakteter, tayloristischer Fabrikarbeit. Dass das möglich sein wird, ist für mich das Versprechen der Industrie 4.0 mit ihren vernetzten Produktionssystemen.

Das würde aber voraussetzen, dass es standardisierte und für alle verbindliche Arbeitsabläufe so nicht mehr geben wird.

Jedenfalls nicht in der heutigen Form. Arbeit wird sich ändern. Sie wird flexibler. Teams und Individuen werden immer mehr entscheiden können.

Die Selbstorganisation – Kernstück des Programms „Humanisierung der Arbeit“ aus den 70er- und 80er-Jahren – ist ziemlich in Verruf geraten. Wollen Sie zurück dahin?

Nein. Die Industrie 4.0 ist der Weg nach vorn. Intelligente Vernetzung ermöglicht eine neue Organisationskultur, die eben nicht – wie in der Vergangenheit – stark planerisch eingreift und einzelne Arbeitssysteme verteufelt. Heute hören sie oft, dass wahlweise die teilautonome Gruppenarbeit oder das Fließband stigmatisiert werden.

In der Industrie 4.0 werden Maschinen und Menschen miteinander vernetzt. Es gibt mehr Möglichkeiten, Werker zu kontrollieren. Sehen Sie die Gefahr der Überwachung?

Intelligente Vernetzung erfordert, dass viele Daten erhoben werden. Und das birgt neben neuen Möglichkeiten auch Gefahren. Die entscheidende Frage ist: Was wird mit den Daten gemacht? Wir benötigen Regeln und Verbindlichkeiten, um neue Lösungen zu ermöglichen und dabei nicht die Mitarbeiter zu gängeln und ihr Verhalten über Gebühr zu kontrollieren. Wir müssen lernen, mit dieser neuen Datenqualität verantwortlich umzugehen.

Noch so ein Fall für den Gesetzgeber?

Zuallererst eine Angelegenheit der Betriebe...

...durch Betriebsvereinbarungen?

Ja. Die Probleme sind teilweise so spezifisch, dass gesetzliche Regelungen nicht treffgenau sind. Die Mitarbeitervertretung und die Geschäftsführung wissen in der Regel genau, worum es geht. Wir brauchen dazu aber eine Vertrauenskultur. Wer es seinen Mitarbeitern gegenüber daran ermangeln lässt, wird Probleme bekommen.

Gibt es dann bald den gläsernen Beschäftigten?

Ähnlich wie in Büro und Verwaltung, wo ich über die Serverdaten schon heute erfahren könnte, wann welcher Mitarbeiter seine Mails geschrieben hat, werden auch die Beschäftigten in der Industrie im Prinzip gläsern. Wichtig ist mir eins: Man kann über Daten viel auslesen, aber man muss es nicht! Vernünftige Menschen lesen nur das aus, was für das Unternehmen und für die Beschäftigten hilfreich ist, Unvernünftige begehen Missbrauch. Und die Grenze zwischen beidem muss von einer verantwortlichen Gesellschaft gezogen werden.

Herr Bauer, kommt es zu einer Aufwertung oder zur Abwertung von Arbeit?

Dazu gibt es noch keine belastbaren empirischen Befunde. Zwei Dinge zeichnen sich aber ab: Auch künftig wird es einfache Tätigkeiten geben; es wird sich nicht alles automatisieren lassen. Nicht, weil es technisch nicht möglich wäre, sondern weil es sich nicht rechnet. Zugleich werden in den Fabriken der Zukunft mehr hoch qualifizierte Ingenieure gebraucht, die ein gehöriges Maß an informationstechnischer Kompetenz haben müssen.

Wird unterm Strich weniger Beschäftigung übrig bleiben?

Das ist eher unwahrscheinlich. Durch den Export werden wir sogar mehr Beschäftigung in den Fabriken haben. Ich sehe eine Analogie zur Büroarbeit. In den Büros gibt es heute mehr Beschäftigte als jemals in Deutschland, obwohl die Wissensarbeit massiv automatisiert wurde. Das wird in der Fabrik auch so sein: Systeme müssen konzipiert, Software entwickelt werden. Das wird Beschäftigung bringen. Wenn wir bei Industrie 4.0 im Weltmaßstab die Nase vorn behalten wollen, müssen wir Vollgas geben als Land. Die Regierung ist gut beraten, diese Entwicklung zu forcieren. Dann glaube ich, dass die Beschäftigung per saldo positiv sein wird.

Aber die einzelnen Werker könnten leichter ersetzt werden. Schließlich ist immer öfter gefragt, auf Maschinenanweisung hin zu handeln. Tiefe – und für die Unternehmen wertvolle – Kenntnisse einer Anlage werden dadurch überflüssig.

Erfahrungswissen, zum Beispiel das Deuten eines Klopfens oder Schleifens in einer Maschine, lässt sich durch Technik ersetzen. Das ist gut, weil Prozesse dadurch sicherer werden. Bei Arbeitsplätzen, an denen nur Maschinenanweisungen ausgeführt werden, ist die vollständige Automatisierung allerdings nicht mehr weit. Dennoch: Der Mensch muss nicht nur Daten aufnehmen, sondern auch verarbeiten. Letztlich liegt die Qualität der Arbeit im Überschauen des Gesamtsystems.

Sehen Sie also die Gefahr, dass Facharbeiter ersetzbar werden?

Für bestimmte Tätigkeiten sind sie ersetzbar, für andere müssen sie sich mit einer erweiterten Qualifikation in die Lage versetzen, systemische Tätigkeiten zu übernehmen. Das wird aber eher 20 Jahre als 5 Jahre dauern. Selbstverständlich werden sich auch unsere Berufsbilder verändern.

Die Beschäftigten machen sich also an anderer Stelle unersetzlich?

So ist es. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft noch genug Arbeit haben werden.

 H. STEIGER/I. HARTBRICH