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Mittwoch, 20. Februar 2019

Bauindustrie

Am Bau eröffnen sich zwei neue Dimensionen

Von Fabian Kurmann | 29. Mai 2015 | Ausgabe 22

Milliardeninvestitionen, steigender Wohnungsbedarf, Einsparaussichten durch Digitalisierung, stabile Konjunktur: So gut klangen die Zukunftsperspektiven am Bau lange nicht mehr. Um die Ernte dieser Saat einzufahren, muss die Industrie sich neu erfinden und ihr Image verbessern.

Bauindustrietag (2)
Foto: Panthermedia /Toni Anett Kuchinke

Baustelle: In Berlin traf sich vergangene Woche die Branche auf dem Tag der Deutschen Bauindustrie. Die Zukunftsperspektiven sind vielversprechend.

Der Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB), Thomas Bauer, propagierte beim Tag der Bauindustrie in Berlin eine „neue Kultur am Bau“. Von konfrontativen Vertragsverhältnissen müssten alle Beteiligten zum partnerschaftlichen Miteinander kommen, sonst drohe Stagnation. Wenn dadurch am Bau niemand die Verantwortung übernehmen wolle, werde die deutsche Bauindustrie international abgehängt.

Branchenzahlen der Bauindustrie von der Jahrespressekonferenz

Bundesbauministerin Barbara Hendricks prognostizierte, dass die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mittelfristig günstig bleiben. Städte und Gemeinden hätten bis 2018 zusätzliche 25 Mrd. € zur Verfügung, um Infrastruktur und Wohnungen zu bauen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kündigte für Juli eine Reihe von Baufreigaben an. In ihnen materialisieren sich die ersten Milliarden, die er und Finanzminister Wolfgang Schäuble in den letzten Monaten zur Erneuerung und Instandsetzung der maroden Straßen- und Schieneninfrastruktur versprochen hatten.

Foto: Bundesregierung/Kugler

„Bei den Vergabeverfahren soll der Beste am Schluss gewinnen und nicht der Billigste.“ Alexander Dobrindt, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur.

 Insgesamt geht es um einen Hochlauf der Verkehrsinvestitionen von jährlich 10,5 Mrd. € auf 14,5 Mrd. € bis 2018. Danach sollen sie in dieser Höhe beibehalten werden. Details zu den Freigaben nannte der CSU-Politiker nicht, wies aber vorsorglich darauf hin, dass es jetzt an den Ländern sei, sie zügig in Ausschreibungen umzusetzen, damit möglichst schnell die Bagger anrücken könnten.

Es kommen also große Herausforderungen auf Auftraggeber und Bauindustrie zu. Meistern wollen sie die mit „Building Information Modeling“ (BIM). Das absolute In-Wort an diesem Tag bedeutet nichts weniger als die Übertragung der Praktiken der Autohersteller auf die Bauindustrie: „Alles, was wir bauen wollen, planen wir vorher digital durch“, sagte Jan Peter Hinrichs von der Fraunhofer-Allianz Bau. Bernd Wagenbach von Schüßler-Plan ergänzte, wenn BIM durchgängig praktiziert werde, ergäben sich nicht nur strukturelle Verbesserungen wie genauere Kostenschätzungen oder weniger Fehler. Es habe auch handfeste zeitliche und finanzielle Vorteile. Die Laufzeit eines Projekts könne sich um 10 % verkürzen, die Kostenvorteile betrügen 50 % bis 80 %. Eine Studie zeigte vor Kurzem, dass Großprojekte aktuell im Schnitt 73 % teurer werden, als sie geplant wurden (siehe VDI nachrichten 19/15). Mit BIM pendelten sich die Ungenauigkeiten bei der Kostenberechnung dagegen auf plusminus 5 % bis 10 % ein, so Wagenbach. All dies, obwohl der Aufwand im „Frühleistungsbereich“, wie es Matthias Jacob von der Wolff und Müller Holding nannte, um 30 % steige. Die Einsparungen kämen bei Ausführung und Betrieb. „Deshalb hat BIM nur eine Chance, wenn die Bauindustrie wieder mehr auf Teamwork fokussiert“, sagte Bauer. Künftig sollten die Budgets für Planung und Ausführung nicht vom Betriebsbudget eines Baus getrennt werden. Für dieses neue Verständnis braucht es auch neue Ingenieure. Rasso Steinmann von Buildingsmart e. V. schilderte, dass die Universitäten bei diesen Fragen zurzeit Impulse von der Industrie erhielten und nicht umgekehrt. „Studenten, die von Praktika zurück an die Uni kommen, berichten vom Arbeiten mit BIM.“

Eines der Schlagworte dabei ist „5-D“, weil die Entwickler über die dreidimensionale virtuelle Modellierung von Bauprojekten hinaus zwei weitere Dimensionen sehen, in denen etwa Zeit und Kosten abgebildet werden. „Die ersten Studiengänge starten jetzt mit 5-D. Mit den ersten Bachelors können wir in vier Jahren rechnen, mit den ersten Mastern in sechs Jahren“, klagte Thomas Wolf vom Softwarehersteller RIB und forderte eine Beschleunigung in der Ausbildung.

Noch seien Bauingenieure allgemein Mangelware, sagte HDB-Präsident Bauer. Er freute sich aber über neuerdings wachsende Studentenzahlen an Hochschulen. Bis die Absolventen so weit seien, habe seine Firma eine Niederlassung in Indien gegründet, von wo aus 40 Ingenieure zuarbeiteten. Das sei „für die Firma richtig, aber für Deutschland nicht gut“.

Grund für den Mangel an Fachkräften ist neben der demografischen Entwicklung auch das schlechte Image der Bauindustrie, erklärte die Chefin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, Renate Köcher. Ihre Umfragen ergaben, dass 80 % der Befragten die Bauindustrie mit Schwarzarbeit und 67 % mit Korruption in Verbindung bringen. Nur 6 % hielten sie dagegen für Vorreiter im Umweltschutz. Dabei hat die Bauindustrie von Hendricks dort gute Noten bekommen. „Man muss am Image arbeiten“, sagte Köcher. Einen Trost hatte sie auch parat: „Probleme bei Großprojekten wie dem Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie werden viel eher der Politik und der Bauleitung als den ausführenden Firmen zugeordnet.“