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Freitag, 22. Februar 2019

Reserven

Ausgekupfert

Von T. Rietig | 18. Juli 2014 | Ausgabe 29

Die Kupferindustrie wehrt sich gegen Befürchtungen, in absehbarer Zeit könnten die Vorräte des wichtigen Metalls ausgeschöpft sein. Im Gegenteil: Die potenziellen Reserven stiegen vielmehr an.

Miene Chuquimata (Chile)
Foto: Mauritius

Wie lange halten die Kupferreserven? Die Meinungen gehen auseinander. Im Bild die Miene Chuquimata (Chile) des Codelco-Konzerns, eine der größten offenen Kupferminen der Welt.

In spätestens 40 Jahren sind die Kupferreserven weltweit erschöpft, besagt ein Bericht der Organisation Club of Rome und fragt, wie mit dem schwindenden Rohstoff sparsam umzugehen sei.

Ein Szenario, bei dem in wenigen Jahrzehnten kein Kupfer mehr in der Erde zu finden sei, "kann ich mir nicht vorstellen", sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kupferinstituts, Anton Klassert.

Rohstoffreserven – eine Begriffskunde

In einem ist sich Klassert mit dem Club of Rome aber einig: Die "statische Reichweite", also das Verhältnis der bekannten Reserven eines Rohstoffs zur jährlichen Fördermenge, liegt für Kupfer seit Jahrzehnten bei 25 bis 45 Jahren. Nur Nenner und Zähler bei dieser Division haben sich gewaltig geändert: Betrug das Verhältnis im Jahr 1980 noch 400:9, so liegt es jetzt grosso modo bei 660:16 (Zähler und Nenner in Mio. Tonnen).

Von den bekannten Reserven unterscheidet die Rohstoffindustrie die Ressourcen. Das seien Vorräte, die zurzeit "nicht wirtschaftlich gewinnbar" seien, aber zur Verfügung stehen würden, sagt Maren Liedtke von der Deutschen Rohstoffagentur (DERA). Beim Kupfer lägen diese sogar bei 3000 Mio. t. Kurzum, die "statische Reichweite" sei ein "an sich falsches Kriterium" zur Bemessung der Verfügbarkeit des Rohstoffs Kupfer. "Ganz im Gegenteil, die potenziellen Vorräte von Kupfer steigen eher an."

Wie kommt das? Erstens: Je mehr der Kupferpreis steige, um so mehr lohne es sich, auch Vorkommen abzubauen, in deren Erzen der Kupfergehalt sehr gering ist. Zweitens würden ständig neue Lagerstätten entdeckt. Und drittens werde weiteres Kupfer in bisher aus Kostengründen nicht erforschten, geschweige denn erschlossenen Lagern vermutet.

Selbst den sonst eher als Schreckensszenario benutzten höheren Kupferbedarf für effizientere Elektromotoren und leitende Bauteile führt die Wirtschaftsvereinigung Metall diesmal als Argument gegen die Furcht vor einer Kupferverknappung ins Feld: "Für die Energiewende wird etwa 1 % des heutigen Metallbedarfs zusätzlich gebraucht, im wesentlichen Kupfer und Aluminium", sagt Michael Niese von der Wirtschaftsvereinigung Metalle des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI) unter Berufung auf eigene Hochrechnungen. BDI-Chef Ulrich Grillo hingegen beruft sich oft auf Studien, wonach der globale Rohstoffbedarf zur Produktion der Windkraft- und Photovoltaikanlagen bei Aluminium das 50-Fache und bei Kupfer und Eisen gar das 90-Fache gegenüber der heutigen, auf fossilen Energien basierenden Energiewirtschaft betrage.

Das Deutsche Kupferinstitut ist natürlich daran interessiert, dass der Kupfermarkt nicht gestört wird. Die bis vor kurzem sehr hohen Preise haben bandenmäßig organisierten Kupferdiebstahl zur Folge gehabt. Die Deutsche Bahn und die Bundespolizei unterhalten Einsatzgruppen zur Bekämpfung der Banden, die ihre Kabel klauen. Und in manchen Dörfern nahe der deutschen Ostgrenzen bauen Diebe nachts Dachrinnen und -traufen aus Kupfer komplett ab.

Die Preissteigerungen, die inzwischen wieder abgeflacht sind, haben auch zu der vom Club of Rome vermutlich gewünschten, eher positiven Konsequenz geführt, dass die Nachhaltigkeit der Kupferverwendung in den Vordergrund gerückt ist. In Deutschland werden nach Nieses Angaben jeweils 50 % des in der Produktion eingesetzten Kupfers für leitende und nicht leitende Produkte verwendet. Bei letzteren seien zum Beispiel Rohre dünner geworden, oder der Kupferanteil des Materials sei zugunsten von Kunststoff gesenkt worden.

Nieses Kollege Rainer Buchholz wandte sich in diesem Zusammenhang gegen das Wort "Verbrauch" bei der Beschreibung dessen, was mit Kupfer geschieht. Kupfer sei in der Regel nicht "weg", wenn es verarbeitet werde. "Das Wort 'Verwendung' trifft es besser", meinte er. 80 % des jemals gewonnenen Metalls seien noch heute "in der Nutzung", sei es in seiner Erstanwendung oder bereits ein oder mehrere Male wiederverwendet.

Die Recyclingquote beziffert das Kupferinstitut weltweit auf 30 %, europaweit auf 40 % und in Deutschland auf 50 %. Alle Beteiligten räumen ein, dass diese Rate bei besseren Konzepten – etwa zur Rückgabe von Handys – noch deutlich erhöht werden könne. Smartphones bestünden zu rund 15 % aus Kupfer.

Diese Handys machen unter anderem die bis jetzt verlorenen 20 % des jemals geförderten Kupfers aus, sagt Klassert. Die weiteren Verluste: Kupfer, das einmal ein Dach war und durch Verwitterung zu Kupferoxid geworden ist, antikes Geschirr, alte römische Münzen. T. RIETIG