Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Dienstag, 23. Januar 2018

Auto

Biokraftstoffe bringen den Raffineriemotor ins Stottern

Von R. Müller-Wondorf/Wolfgang Pester | 5. November 2010 | Ausgabe 44

Verbrauchsarme Motoren und die zunehmende Beimischung von Biokraftstoffen bringen die Mineralölindustrie in Bedrängnis. Bis zum Jahr 2020 erwartet die Branche bei Raffinerieprodukten deutliche Absatzrückgänge. Gleichzeitig muss sie die Forderungen der Politik nach schadstoffärmeren Kraftstoffen erfüllen und Forschungsarbeit bei der Entwicklung neuer Biotreibstoffe leisten.

Die EU hat Klimaziele formuliert und "besonders ambitionierte" hat sich die deutsche Bundesregierung gesetzt, sagte Kraftstoffforscher Wolfgang Dörmer, kürzlich auf einem BP-Workshop in Bochum. Um die Ziele zu erreichen, sei es erforderlich, konventionellen Kraftstoffen eine höhere Menge an Biokraftstoffen zuzusetzen. Doch das Quantum sei höher, als die "heute gültigen Kraftstoffnormen zulassen", so Dörmer.

Die technische Diskussion zu dem Vorhaben hat nach Ansicht des Kraftstoffexperten gezeigt, dass eine Anhebung wegen der zu erwartenden technischen Problemen umstritten ist. "Leider leidet durch diese Produktänderungen oft auch die Produktqualität", stellte Dörmer fest.

Pflanzensprit von BP

Die Vorgabe der EU-Kommission zur Einführung von Dieselkraftstoff mit bis zu 10 % Biodiesel (Fettsäuremethylester – FAME) und Ottokraftstoff mit bis zu 10 % Ethanol stößt laut Dörmer auch auf erhebliche Kritik bei den Fahrzeugherstellern.

In Deutschland seien deshalb eigenständige Normen erarbeitet worden, die seit 2009 die Einführung von Dieselkraftstoff mit bis zu 7 % FAME (vorher 5 % ) und ab Ende 2010 Ottokraftstoff mit bis zu 10 % Ethanol gestatten.

Da die Biokomponenten der 1. Generation weder aus Umwelt- noch aus Anwendungssicht das Optimum darstellen, so der Experte, setze BP mittelfristig auf die Entwicklung neuer Biokraftstoffe der 2. Generation und investierte seit 2006 mehr als 1,5 Mrd. $ in Forschung, Entwicklung und Produktion.

Die vorläufige Strategie des Mineralölkonzerns ist ausgerichtet auf Bioethanol aus Zuckerrohr. Dieser Kraftstoff ist nach Angaben von BP wirtschaftlich rentabel und bietet von allen Biokraftstoffen der 1. Generation das höchste CO2-Vermeidungspotenzial (bis zu 90 %).

Zu einem späteren Zeitpunkt soll die Entwicklung und Kommerzialisierung von fortgeschrittenen Biokraftstoffen wie Biobutanol folgen. Dieser Biokraftstoff der 2. Generation hat 30 % mehr Energieinhalt als Ethanol, reduziert damit den CO2-Ausstoß nochmals deutlich und kann zudem in Ottokraftstoffen bis zu  15 Vol.-% problemlos beigemischt werden.

Herstellen will BP Bioethanol bzw. Biobutanol aus Lignozellulose. Das ermöglicht die Ganzpflanzennutzung von speziellen Energiegräsern, erklärte Dörmer. Darüber hinaus verfolge BP die Herstellung von Biodiesel aus Zucker oder Stärke. Dazu seien aber noch weitere Forschungsarbeiten notwendig.

"In Europa spielen im Dieselbereich aus anwendungstechnischer Sicht auch hydrierte Pflanzenöle eine zunehmende Rolle. Die heutige Herstellung von Biodiesel aus Pflanzenölen stößt aber aus Umweltschutz- und Kostengründen an ihre Grenzen", so der Kraftstoffexperte.

Deshalb investiere BP 500 Mio. $ über einen Zeitraum von zehn Jahren in die Biokraftstoffforschung am Bio-Wissenschaftlichen Energieforschungsinstitut (EBI). Das Institut ist der University of California Berkeley und deren Partnern, der University of Illinois in Urbana-Champaign und dem Lawrence Berkeley National Laboratory, angegliedert.

Generell aber seien die anwendungstechnischen Vorbehalte gegen Biokraftstoffe der 1. Generation bei denen der 2. Generation nicht zu befürchten, sagte Dörmer: "Ein weiterer wesentlicher Vorteil, im Gegensatz zu Biokomponenten der ersten Generation, ist, dass die Nachfolgeprodukte nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung stehen."

Allerdings haben die Verbrauchsreduzierung moderner Verbrennungsmotoren sowie die Erhöhung des Biokraftstoffanteils auch negative Auswirkungen auf den Raffineriestandort Deutschland. Nach Einschätzung von BP erwartet die Branche deutliche Absatzrückgänge, die Nachfrage nach Raffinerieprodukten wird in Nordamerika und in Europa in den nächsten Jahren weiter sinken.

In Deutschland gelte dies insbesondere für die Schlüsselprodukte Benzin und leichtes Heizöl. Die Branche rechnet damit, dass hierzulande bis 2020 sowohl der Absatz von Ottokraftstoff als auch von Heizöl von derzeit 21 Mio. t auf jeweils rund 15 Mio. t zurückgehen wird. Die Folge: Der Wettbewerbsdruck steigt und langfristig werden nur die wettbewerbsfähigsten Standorte überleben können.

Bereits 2009 schrieben die deutschen Raffinerien "rote Zahlen", klagte BP-Raffinerieexperte Hans-Joachim Bautsch. Schuld daran sei nicht nur die Weltwirtschaftskrise. Auch mit strukturellen Problemen kämpfe die Raffineriebranche. Denn seit 2007 sei die Verarbeitungskapazität größer als der Verbrauch. 2009 verwandelten die zwölf Raffineriestandorte in Deutschland 115 Mio. t Rohöl in Fertigprodukte wie Benzin, Dieselkraftstoffe oder Heizöl. Aber der Verbrauch liege mit 104 Mio. t deutlich darunter.

Und der weitere Ausblick "ist nicht sehr rosig", so Bautsch. Vor allem beim Benzin entwickele sich ein "signifikanter Überschuss", der nur durch ein Zurückfahren der Raffinerien begrenzt werden kann. Durch die wachsende Bedeutung der Biokraftstoffe werde sich die Nachfrage nach Raffinerieprodukten noch weiter verringern.

Der Pflanzenkraftstoff verdränge nicht nur Rohöl, sondern er zwinge die Benzin- und Dieselfabriken zu neuen Investitionen in ihre Infrastruktur. So müssen laut Bautsch Mischeinrichtungen (Blender) und Lagertanks neu errichtet oder angepasst und die Kraftstoffrezepturen geändert werden. Verfahrensprozeduren innerhalb der Raffinerien würden auf die Biokomponenten abgestimmt, um weiterhin Kraftstoffe mit der gewohnten Qualität herstellen zu können.

  R. MÜLLER-WONDORF/WOP

stellenangebote

mehr