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Samstag, 20. Januar 2018

Energiewirtschaft

Bürgeranleihe soll Stromtrasse finanzieren

Von Angela Schmid | 28. Juni 2013 | Ausgabe 26

Die Finanzierung der 150 km langen Hochspannungsleitung an der Westküste Schleswig-Holsteins ist für Tennet kein Problem. Dennoch hat der Übertragungsnetzbetreiber die bundesweit erste Bürgeranleihe ins Leben gerufen. Sie soll Menschen vor Ort an den Erlösen des Netzausbaus beteiligen.

"Wir wollen die Akzeptanz der Bürger damit erhöhen", erklärt Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens. In großem Rahmen wurde dafür der offizielle Startknopf von Bundesumweltminister Peter Altmaier und Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Torsten Albig in Heide im Kreis Dithmarschen an der schleswig-holsteinischen Nordsee gedrückt.

Die Westküstenleitung in Schleswig-Holstein ist für das Gelingen der Energiewende von besonderer Bedeutung. Bis 2020 werden voraussichtlich 8 % bis 10 % des gesamten deutschen Strombedarfs aus dem nördlichsten Bundesland heraus gedeckt. Fast die Hälfte des hier erzeugten Windstroms wird in Dithmarschen und dem nördlichen Nachbarkreis Nordfriesland produziert.

Die geplante Höchstspannungsleitung wird damit fast ausschließlich Ökostrom vom Norden in den Süden Deutschlands transportieren. Die Energiewende brauche das Verständnis durch die Bürger und deren Unterstützung für den notwendigen Netzausbau, sagt Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung von Tennet.

"Mit der Bürgeranleihe für die Westküstenleitung können zum ersten Mal auch diejenigen von der Energiewende profitieren, die bislang keine Möglichkeit dazu hatten", ergänzte Altmaier bei der Veranstaltung in Heide. Es werde hiermit "Geschichte geschrieben".

Der Mindestbetrag für eine Anleihe beträgt 1000 €. Gekauft werden kann sie nur von Bürgern in den beiden Kreisen, durch die die Leitung verläuft. Zudem erhalten Anwohner in einem Umkreis von 5 km rund um die Streckenabschnitte eine bevorzugte Zuteilung von bis zu 10 000 €. Die Gesamthöhe der Beteiligung ist auf 15 % der Gesamtinvestition begrenzt, die bei voraussichtlich 210 Mio. € liegen wird. Die genaue Investitionssumme lässt sich nicht genau beziffern, da dies vom konkreten Trassenverlauf abhängig ist. Der steht aber noch nicht fest.

Die Hybridanleihe, die von der niederländischen Tennet Holding B.V. herausgegeben wird, ist eine Mischform aus Fremd- und Eigenkapital. Das Wertpapier ist sozusagen halb Darlehen, halb unternehmerisches Risiko.

In der Planungsphase liegt die Verzinsung bei 3 % , ab Baubeginn werden 5 % gezahlt. Auch nach Fertigstellung erwartet das Unternehmen eine Rendite in dieser Größenordnung. Allerdings sind Hybridanleihen börsennotiert und können Kursschwankungen unterliegen, was sich auch auf den Zinssatz auswirkt.

Für die Anleger ist dies eine relativ sichere Anlage, da Kosten für Bau und Betrieb neuer Stromleitungen mit Genehmigung der Bundesnetzagentur über die Netzentgelte auf die Stromrechnung der Verbraucher umgelegt werden.

Nur bei der Insolvenz eines Unternehmens müssen die Besitzer von Hybridanleihen damit rechnen, ihr Kapital komplett zu verlieren, weil vorrangige Gläubiger zunächst bedient werden. Zudem hat das herausgebende Unternehmen das Recht, die Anleihe zurückzukaufen. Tennet will allerdings darauf freiwillig zehn Jahre lang verzichten.

Mit der finanziellen Beteiligung sollen die Bürger milde gestimmt und der Rückhalt für den Netzausbau gestärkt werden, damit die Planungen nicht durch Klagen jahrelang verzögert werden. Zusätzlich werden im Rahmen eines Projekts der Deutschen Umwelthilfe die für ihren Widerstand bekannten Menschen in den beiden Westküstenkreisen seit 2011 aktiv in die Planungen des Netzausbaus zwischen Brunsbüttel und Niebüll mit einbezogen.

Einfach wird es dennoch nicht. Längst nicht alle Menschen sind begeistert. Vor einem Jahr wurde die Dithmarscher Bürgerinitiative "Westküste trassenfrei" gegründet, die die Verlegung von Erdkabeln fordert. Die Bürgerdialoge und die Anleihe hält Vereinsvorsitzender André Tesch für Augenwischerei.

"Die Energiewende ist notwendig, aber man muss sich die Zeit dafür nehmen." Tesch befürchtet durch Freileitung eine erhebliche gesundheitliche Belastung und eine Zerstörung des Landschaftsbilds in einer vom Tourismus geprägten Region. Der Rechtsanwalt bezweifelt nicht nur den Bedarf der 380-kV-Leitung – er ist auch davon überzeugt, dass die Technik für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung als Erdkabel machbar ist und fordert ein Pilotprojekt für die Westküste, um die Technik zu testen. "Die Politik hat sich nicht ernsthaft für Erdkabel eingesetzt", bedauert Tesch und will eine Petition in den Landtag einbringen.  ANGELA SCHMID

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