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Donnerstag, 21. März 2019

Drupa 2012

"China ist extrem wichtig geworden"

Von Stephan W. Eder | 4. Mai 2012 | Ausgabe 18

Zum Auftakt der Branchenleitmesse Drupa sprachen die VDI nachrichten mit Claus Bolza-Schünemann, dem Vorstandsvorsitzenden von Koenig & Bauer (KBA), über den Druckmaschinenmarkt und die Unternehmensstrategie. Das Würzburger Traditionsunternehmen ist heute der weltweit zweitgrößte Hersteller von Druckmaschinen.

VDI nachrichten: Wie beurteilen Sie die heutige Lage des weltweiten Druckmaschinenmarktes?

Bolza-Schünemann: Das Maß der Dinge ist für uns als Druckmaschinenhersteller, wie viele Maschinen weltweit umgesetzt werden. Darin sind das Servicegeschäft und die Digitaldruckmaschinen nicht enthalten.

Vor der Krise im Jahr 2006 hatte der Markt für analoge Drucktechnik ein Volumen von rund 9 Mrd. €, heute hat er sich halbiert auf 4,5 Mrd. €. Wesentlich dramatischer hat es den Rollenbereich für Zeitungsrotationen und Akzidenzdruck getroffen: 2006 lag der Markt bei 2,4 Mrd. €, 2011 waren es nur noch gut 600 Mio. €, er ist also auf ein gutes Viertel gefallen.

Koenig & Bauer hat 2011 allein im Rollen- und Spezialdruck 600 Mio. € umgesetzt.

Ja, aber wir haben natürlich nicht 100 % Marktanteil. Das verdeutlicht aber auch, durch welches Tal der Tränen die beteiligten Hersteller – vom Druckmaschinenhersteller über die Papier- bis hin zu Plattenproduzenten – in den letzten fünf Jahren gegangen sind.

Das Positive: Wir gehen davon aus, dass sich der Druckmaschinenmarkt stabilisiert und 2012 besser wird als 2011. Auch der Rollendruck wächst, wenn auch sehr wenig wir schätzen, der Rollenmarkt steigt in diesem Jahr um 5 % auf knapp 700 Mio. €. Den Zuwachs im Bogenbereich schätzen wir auf 10 %.

Dabei gibt es natürlich weltweit erhebliche Unterschiede. China ist inzwischen extrem wichtig für uns geworden. Rund 30 % unserer Bogenmaschinen gehen nach China. Denn heute bekommt man zum Beispiel bei Konsumgütern die Waren komplett verpackt mit Bedienungsanleitungen direkt aus China. Das war vor zehn Jahren noch anders. Damals kam die Ware, die Verpackung wurde hier gemacht.

Wie will sich Koenig & Bauer in China engagieren? Heidelberger Druckmaschinen setzen auf eine eigene Produktion dort.

Wir würden gerne – hoffentlich schon bald – die Mehrheitsbeteiligung an einem chinesischen Druckmaschinenhersteller bekannt geben können. Die Verhandlungen sind schon weit fortgeschritten, mit dem Ziel, dass wir neben unseren importierten Hightechanlagen aus Deutschland in China zusätzlich technisch weniger aufwendige Bogenoffsetmaschinen für den dortigen Markt bauen können. Die baut unser potenzieller zukünftiger Partner dort heute schon.

Ich denke, dass wir dort unser großes Wissen im Bereich des Druckmaschinenbaus sinnvoll einbringen könnten. Wir möchten aber in China keine Kopien unserer Maschinen bauen, sondern die chinesischen Maschinen technisch verbessern, denn wir wollen damit das gleiche Klientel in China erreichen, das der chinesische Hersteller dort heute schon erreicht. Die deutschen, hoch qualitativen Druckmaschinen sind dort nur die Spitze des Marktes, wir möchten aber auch auf die breite Basis des Marktes nicht auf Dauer verzichten.

Wie beurteilen Sie den Dienstleistungsbereich im Druckmaschinensektor?

Alle Druckmaschinenhersteller bauen angesichts des schrumpfenden Neumaschinenmarktes den Servicebereich aus, auch wir. Denn die Druckvolumina wachsen weiterhin. Das heißt aber auch, dass der Maschinenpark älter wird, die Maschinenlaufzeiten sich verlängern, und dies geht nicht ohne Service. Dieser Bereich läuft auch gut.

Wie sehen Sie die Langfristperspektive für den Druckmaschinenmarkt?

Der Druckmaschinenmarkt wird sich nicht mehr auf die 9 Mrd. € erholen, die er 2006 einmal hatte. Gründe dafür gibt es viele: Produkte verschwinden, das Leseverhalten ändert sich, der Zeitungsbereich ist seit Jahren weltweit gesehen leicht rückläufig. Dafür gibt es aber viele andere, auch neue Produkte, die druckaffin sind und nicht durch das Internet ersetzt werden können, zum Beispiel Labels und Verpackungen.

Die Herausforderung besteht darin, sich möglichst flexibel und schnell den sich ändernden Marktbedingungen anzupassen. Deshalb stecken wir auch weiterhin viel Zeit, Geld und Geist in neue Produkte. Wir geben jährlich 5 % unseres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Das haben wir auch in den letzten zwei Jahren vor der Drupa so gemacht – trotz Krise, Kurzarbeit und Entlassungen. Der Aufgabe müssen wir uns stellen, denn unsere Kunden gehen in neue Märkte, haben andere Anforderungen und daher bringen wir zur Drupa auch sehr viele Neuheiten.

Was erwarten Sie von der Drupa?

Wir freuen uns sehr auf die Messe, sie wird eine gute Standortbestimmung sein. Dort wird einerseits wirklich verkauft, andererseits kann man das ganze Leistungsspektrum der Druckbranche sehen. Es ist notwendig, dass wir das Medium Print nicht zu Tode reden, sondern zeigen, dass Druck ein nach wie vor wichtiges Segment ist und dass wir im täglichen Leben Druckprodukte brauchen. Heute hat zum Beispiel jede Mineralwasserflasche, die was auf sich hält, einen bedruckten Kronkorken – so etwas gab es vor 30 Jahren nicht.

Wie positionieren Sie Koenig & Bauer in diesem schwierigen Umfeld?

Das, was wir gut können, ist: "Farbe hochwertig aufs Substrat bringen". Woraus das Substrat ist, spielt für uns keine Rolle. Das können wir und dabei werden wir bleiben. Wir haben mit Abstand die größte Bandbreite an Techniken und Verfahren, Farbe auf Substrate zu bringen, wir bauen Nischen konsequent aus.

Was ist mit neuen Geschäftsfeldern?

Wir haben uns viele neue Geschäftsfelder im Detail angesehen und haben uns von dem einen oder anderen nach reiflicher Überlegung konsequent verabschiedet. Ich bin sehr froh, dass wir zum Beispiel im Bereich Solar nicht aktiv geworden sind.

Wir werden uns in der Verpackung weiter ausbreiten, im Post- wie im Prepressbereich. Wir betreiben Insourcing auf der Elektronikseite, wo wir früher sehr viel zugekauft haben. Das entwickelt sich sehr gut und wir können so unseren Kunden komplette Lösungen anbieten. Wir sind aber daneben weiter auf der Suche nach einem neuen Geschäft außerhalb der Druckmedien, das zu unserem technologischen Know-how passt. Wichtig für uns ist dabei, dass wir einen direkten Marktzugang zu diesem neuen Geschäft haben.

Ein neues Geschäftsfeld innerhalb des Druckbereichs ist der Digitaldruck. Wir stellen zur Drupa unsere erste eigene Digitaldruckmaschine vor. Damit erschließen wir uns eine völlig neue Kundenklientel. Eine große Herausforderung, aber es macht riesig Spaß.

Womit beschäftigt sich der Ingenieur bei Koenig & Bauer?

Zum einen damit, den Kunden genau zuzuhören ,was sie brauchen. Dann werden entweder bestehende Produkte angepasst oder völlig neue entwickelt. So hat der Digitaldruck die klassische Drucktechnik unwahrscheinlich beflügelt, denn er produziert recht schnell Druckjobs mit sehr kleiner Stückzahl und ist eine Konkurrenz zu den kleinen Bogenoffsetmaschinen.

Inzwischen haben wir unsere Bogenmaschinen so optimiert, dass wir in einer Stunde 15 Jobwechsel vornehmen können. Im Rollenbereich haben wir eine 16-Seiten-Akzidenz-Rollenmaschine, die einen Plattenwechsel vollautomatisch in weniger als 1 min macht und nach weniger als 10 min den nächsten Job produziert. Vor zehn Jahren waren das 25 min bis 30 min, wenn die Drucker schnell waren.

Maßgeblich für diese Entwicklung ist die Automatisierung, getrieben durch Software und Servoachsen. Eine Bogenmaschine hat heute mehr Servoachsen als Zahnräder. Es ist sehr wichtig, diese Funktionalitäten nicht nur dem Kunden anbieten zu können, sondern sie auch selbst realisieren zu können. Deshalb haben wir unsere Softwarekompetenz stark ausgebaut.

Seit Mitte der 90er-Jahre, anfangs bei den großen Zeitungsrotationen, ersetzen Direktantriebe in Druckmaschinen mehr und mehr Zahnradantriebe. Wie weit geht diese Entwicklung noch?

Wir setzen schon aus Sicherheitsgründen nie an Stellen Servoachsen ein, an denen es zu mechanischen Kollisionen kommen kann, wenn die Servoachse ausfällt. Und in einer Bogenmaschine gibt es immer noch Komponenten, die ineinandergreifen. Würde dort der Servoantrieb ausfallen, könnte es zu großen mechanischen Schäden an der Maschine kommen.

Außerdem muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmen. Bei Bogenmaschinen kann man mit wenigen Zahnrädern viel erreichen, bei großen Zeitungsrotationen rechnet sich ein Servoachse aufgrund der Vielzahl an eingesparten Wellen, Zahnrädern und mechanischen Stellmechanismen eher.

Wo sehen Sie die Zukunft und die Entwicklungsperspektive für die Offset-Drucktechnik?

Der Offset hat sich in den letzten 50 Jahren bis heute ständig weiterentwickelt, qualitativ, optisch, vom Druckbild, vom Kontrast, von der Passerhaltigkeit, dennoch gibt es immer noch Entwicklungspotenziale, wie wir zur Drupa durch die Vereinigung von Offset- und Inkjetdruck in einer Bogenmaschine zeigen werden. Der Offset hat dabei den Charme, dass er die günstigsten Verbrauchsmaterialpreise mit einer sehr hohen Druckqualität kombiniert.

Wenn Sie das Verhältnis von Kosten zu Qualität vergleichen, liegen z.  B. zwischen Offset und Digitaldruck immer noch Zehnerpotenzen zugunsten des Offsetdrucks. Aber auch der Digitaldruck hat seine Vorteile, etwa die Möglichkeit des variablen Drucks. Beide Stärken zu kombinieren, ist für einen innovativen Druckmaschinenbauer wie KBA eine reizvolle Aufgabe.

STEPHAN W. EDER