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Donnerstag, 21. Februar 2019

Stahl

Chinas Stahlindustrie droht Pleitewelle

Von Katharina Otzen | 18. Juli 2014 | Ausgabe 29

Chinas Stahlindustrie leidet unter Überkapazitäten. Bislang halten sich einige Produzenten nur mit Preiszugeständnissen am Leben. Nun droht auch diesem Geschäftsmodell das Ende, denn immer mehr Länder beschließen scharfe Anti-Dumping-Gesetze.

Chinas Stahlindustrie
Foto: Reuters/China Daily

Des Guten zuviel: Chinas Stahlindustrie – im Bild ein Werk in der Provinz Hebei – müsste die Produktion drosseln. Für viele Werke wäre das das Ende.

Die chinesische Stahlindustrie steckt in der schwersten Krise seit 20 Jahren. Die Überkapazitäten der Branche drücken massiv auf den Inlandsmarkt, beunruhigen die Geldgeber immer stärker und beginnen inzwischen auch im Ausland zu handelspolitischen Spannungen zu führen, wie Li Xinchuang, der Chef des China Metallurgical Industry Planning and Research Institute, dieser Tage betont hat. Nach seiner Einschätzung würde die Bewältigung des Überkapazitätsproblems der Stahlindustrie viele Schwierigkeiten für China aus der Welt schaffen.

Bisher versuchen die 86 chinesischen Stahlerzeuger das Thema Überkapazitäten vor allem durch den Export zu lösen. Dabei schrecken sie weder vor für sie selbst ruinösen Preiszugeständnissen noch vor so manchen Außenhandelstricks zurück. Im Kalenderjahr 2013 exportierte die chinesische Stahlindustrie insgesamt 51,7 Mio. t Stahl – oder 15 % mehr als im Vorjahr.

Der mit Abstand größte Käufer chinesischen Stahls ist mittlerweile Südkorea, das von Januar bis einschließlich Mai dieses Jahres insgesamt 5,3 Mio. t oder 29 % mehr als in der gleichen Vorjahresperiode abnahm. In einzelne andere Länder kann die chinesische Industrie derzeit nicht viel verkaufen, weil es auf verschiedene Stahlsorten längst Anti-Dumping-Zölle gibt, so beispielsweise in den Vereinigten Staaten.

Als Ausweg exportieren chinesische Stahlunternehmen ihr Metall zu extrem niedrigen Preisen beispielsweise nach Südkorea, wo es zu Rohren für die Gas- und Öl-Industrie weiterverarbeitet wird.

Aus chinesischem Stahl fertigen koreanische Firmen die Rohre, die sie dann in den Vereinigten Staaten verkaufen. Diese Lieferungen haben inzwischen ein solches Ausmaß erreicht, dass die US-amerikanischen Behörden derzeit untersuchen, Anti-Dumping-Zölle auch auf derartige Produkte aus Südkorea zu erheben. Das gilt aber wegen der besonderen politischen Beziehungen zwischen den USA und Südkorea sowie der ständigen Spannung mit Nordkorea als problematisch – zum Glück für die chinesischen Stahlerzeuger.

Wegen ihrer Preispolitik leiden immer mehr Stahlproduzenten unter Verlusten. Das China Metallurgical Planning and Research Institute veröffentlichte für Januar und Februar dieses Jahres einen Verlust von 454 Mio. $, umgerechnet 337 Mio. €, aus dem Stahlgeschäft allein für die mittleren und großen Produzenten des Landes. Die kleineren Werke arbeiten ohnehin schon seit Jahren fast ausnahmslos mit Verlusten und können sich deshalb auch keinerlei Form von dringend notwendiger Modernisierung leisten.

Wie verzerrt die Ertragsrelationen mittlerweile in der chinesischen Branche sind, lässt sich schon daraus ablesen, dass die zehn gewinnträchtigsten (großen) Stahlerzeuger des Landes zwar nur 22 % der gesamten Stahlerzeugung auf sich vereinen, wohl aber 97,7 % aller Gewinne in der Branche. Selbst das Paradepferd der Branche, die börsennotierte Baoshan Iron & Steel Co. Ltd., musste im vergangenen Jahr gegenüber 2012 einen Gewinneinbruch um 42 % auf 5,8 Mrd. Yuan oder umgerechnet rund 938 Mio. $ (695 Mio. €) hinnehmen.

Nach den Zahlen des Branchenverbandes, der China Iron and Steel Association, erwirtschaftete die gesamte chinesische Branche zusammengenommen im Jahr 2013 nur einen Gewinn von 22,8 Mrd. Renmimbi oder umgerechnet 3,68 Mrd. $ (2,73 Mio. €). Da die Verluste der übrigen Unternehmen ungleich höher ausfielen, schloss die Branche insgesamt mit einem ganz erheblichen, aber nicht näher spezifizierten Minus ab.

Tatsächlich sieht das Bild aber noch viel mieser aus, weil die genannten 22,8 Mrd. Renmimbi aufaddierter Gewinne zu drei Vierteln nicht einmal aus dem Stahlgeschäft stammen. Die Erträge entstanden aus einer Fülle stahlferner Aktivitäten, so unter anderem daraus, dass die Stahlfirmen als so genannte Schattenbanken Geld an Unternehmen verliehen, die selbst keinen Zugang zu den staatlichen Banken haben. Damit hat die Stahlindustrie teilweise sogar ihre eigene Krise mitfinanziert, indem sie andere Firmen der ohnehin aufgeblähten Branche mit Liquidität versorgte.

Li Xinchuang vom China Metallurgical Institute geht davon aus, dass der kommende Winter zu extremen Belastungen für die Branche und damit auch für weite Teile der chinesischen Wirtschaft führt. Während die Stahlproduktion nach wie vor steigt, bringen die rückläufigen Preise immer größere Verluste. Diese Entwicklung kann auch nach chinesischen Analysen nicht mehr lange gutgehen.

Das Ende kommt spätestens dann, wenn eine Vielzahl von Stahlerzeugern ihre überwiegend kurzfristigen Kredite nicht mehr tilgen können. Den einzigen Ausweg sehen die Branchenorganisationen in China in einer massiven Konzentration der Branche bei gleichzeitiger Stilllegung schier unzähliger alter, relativ kleiner Werke. Das könnte die Zahl der Stahlkocher in China von derzeit 86 bis zum Ende dieses Jahres nahezu halbieren. KATHARINA OTZEN