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Sonntag, 20. Januar 2019

Kernkraft

Das Endlagerprojekt steht ganz am Anfang

Von Stephan W. Eder | 14. Oktober 2011 | Ausgabe 41

Die Bundesregierung setzt bei der Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll weiter auf den Standort Gorleben. Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller will hingegen 2012 eine alternative Suche starten. Eine neue Studie empfiehlt der Politik hingegen, am besten zweigleisig zu fahren.

Per Brief kam die Botschaft: Darin schrieb Bundesumweltminister Norbert Röttgen an Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, dass es bei der Erkundung des Gorlebener Salzstocks als Endlager für hochradioaktive Abfälle bleibe.

McAllister hatte Röttgen zuvor Niedersachsens Bedenken gegen das bisher verfolgte Konzept einer nicht rückholbaren Endlagerung in Gorleben übermittelt. Stattdessen sollten die radioaktiven Abfälle so gelagert werden, dass sie notfalls wieder geborgen werden könnten. Der Salzstock Gorleben käme unter diesen Voraussetzungen dann nicht mehr als Endlager in Betracht.

Das war am Wochenende. Freitags zuvor hatte sich Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller mit dem Vorschlag gemeldet, die Suche nach einem Endlager voranbringen und nach einem vierphasigen Konzept mit konkretem Zeitplan die Standortsuche neu aufzurollen (s. Kasten). Voraussetzung dafür sei, dass in "Phase 0" bis 2012 ein Gesetz verabschiedet werde, das Zeitplan und Ablauf der Standortsuche für ein Endlager festlege, die Finanzierung und die Zuständigkeiten im Auswahlverfahren regele und Instrumente zur Beteiligung der Öffentlichkeit im Verfahren vorschreibe.

Mitten in diese Diskussion um das Endlager hinein platzt eine Studie der interdisziplinär arbeitenden Europäischen Akademie (EA) aus Bad Neuenahr-Ahrweiler bei Bonn. "Fahrt am besten zweigleisig", so könnte man knapp die Botschaft zusammenfassen, die sieben Wissenschaftler aus einer Studie extrahierten, die sie in den letzten zwei Jahren erstellten.

Die Autorengruppe, neben dem Philosophen und EA-Leiter Carl Friedrich Gethmann Experten vom Juristen bis zum Techniksoziologen, vom Nuklear-Sicherheitsexperten bis zum Strahlenbiologen, kommt zum Schluss, dass es "nicht sinnvoll" wäre, "auf der Standorterkundung in Gorleben ohne Prüfung von Alternativen zu bestehen".

"Die Projektgruppe empfiehlt einen Hybridansatz", erläutert Projektkoordinator und Ethiker Georg Kamp von der Europäischen Akademie im Gespräch mit VDI nachrichten. Dem Konzept "Gorleben plus" zufolge solle der niedersächsische Salzstock einerseits weiter erkundet werden, gleichzeitig solle aber auch eine Untersuchung alternativer Standorte über Tage erfolgen. Das ziele auf die Maximierung der Chancen, in den nächsten Jahrzehnten über ein Endlager verfügen zu können.

Kamp erklärt, es gehe um die ethische Dimension einer solchen Entscheidung und des Verfahrens. "Die jetzige Generation sollte die Entsorgung radioaktiver Abfälle planen und einleiten." Setze man nur auf Gorleben und erweise sich die Evaluierung im Endeffekt als nicht erfolgreich, müsse man von vorne anfangen. Dies aber würde der jetzigen Generation die Möglichkeit nehmen, ihrer Entsorgungsverpflichtung verantwortlich nachzukommen. Eine parallele Evaluierung anderer Standorte sei daher das beste Verfahren.

Das Konzept einer nicht rückholbaren Endlagerung in Gorleben verhindere nicht, so Kamp, dass kommende Generationen mit neuen Techniken die hochradioaktiven Abfälle besser aufbereiten könnten als wir heutzutage. "Selbst wenn das Gorleben-Verfahren ohne jede Verzögerung erfolgreich abgeschlossen werden könnte, ginge das Endlager nach unserem Kenntnisstand frühestens 2037 in Betrieb." Selbst dann erfolge ein Verschluss des Endlagers frühestens 2084. Genügend Zeit also, um neue Techniken für die Behandlung – etwa über die Transmutationsforschung – voranzutreiben. swe

Christian Streffer, C. F. Gethmann, G. Kamp, W. Kröger, E. Rehbinder, O. Renn, K.-J. Röhlig: "Radioactive Waste – Technical and Normative Aspects of its Disposal", Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, 2011, 468 S., 106,95 €