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Freitag, 22. Februar 2019

IFA 2016

Das Küchen-Internet der Dinge

Von Jutta Witte | 2. September 2016 | Ausgabe 35

Kommunizierende Kochfelder und Dunstabzugshauben, Apps für Rezepte, die Nachbestellung von Waschmittel oder der Lieblingsmilchschaum: Die Digitalisierung des Haushalts ist nicht mehr aufzuhalten. Die Hausgerätebranche, die ab heute auf der IFA ihre Innovationen präsentiert, setzt nicht nur auf Technik, sondern auch auf eine neue Lebensphilosophie.

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Foto: Miele

Dieser Geschirrspüler ist WLAN-fähig und sendet eine Nachricht ans Smartphone, wenn Geschirrspültabs, Klarspüler oder Salz zur Neige gehen.

Über den sprechenden Föhn von Otto Waalkes, der sich als verzauberter Rasierapparat entpuppt, lachte die Republik in den 1970er-Jahren. Heute werden kommunizierende Hausgeräte immer mehr zur gelebten Realität. „Seamless Living“ heißt das Szenario, das Roland Hagenbucher, Geschäftsführer von Siemens Hausgeräte, beschreibt. 29,4 % der deutschen Haushalte nutzen nach seinen Worten bereits Smart-Home-Anwendungen. Mit 18 Mio. vernetzten Hausgeräten rechnet die Branche bis 2020. 37 % der Deutschen interessieren sich laut einer Umfrage der Bosch Siemens Hausgeräte GmbH (BSH) schon heute für vernetzte Großgeräte.

„Mittlerweile sprechen wir von ganzen Sortimenten, die vernetzt sind“, sagt Hagenbucher. Nach Waschmaschinen, Trocknern, Geschirrspülern und Backöfen erreicht der Trend jetzt auch Dunstabzugshauben, Kochfelder und Kaffeevollautomaten.

Mit Kochfeld und Haube der Siemens-Serie iQ700 startet laut Hagenbucher in der Küche das Internet der Dinge. Für den Informationsaustausch haben beide Geräte ein Funkmodul. Ist das Kochfeld eingeschaltet, wird der Dunstabzug automatisch aktiviert. Ein Luftgütesensor sorgt dafür, dass sich die Leistungsstufe automatisch nach der Dampfmenge richtet. Und natürlich lässt sich der Kochvorgang via Smartphone oder Tablet steuern.

Als rundum vernetzt präsentiert sich auch die Robert Bosch Hausgeräte GmbH auf der IFA quer durch ihr Produktportfolio. Kochen, backen, spülen, kühlen, trocknen und Kaffee machen: Damit alles reibungslos übers WLAN funktioniert, setzen beide BSH-Marken auf das System „Home Connect“.

Harald Friedrich, Geschäftsführer der Hausgeräte-Tochter von Bosch, beschreibt es als „eine App für alle“, die mehr sei als ein bloßes Steuerungstool. Sie entwickele sich zunehmend zum Kochassistenten und verständige den Online-Lebensmittelhändler des Vertrauens, wenn im Kühlschrank etwas fehlt. Bosch verspricht: Home Connect basiere auf offenen, markenübergreifenden Standards und öffne damit, so Hagenbucher stellvertretend für die BSH-Gruppe, „das virtuelle Tor nach draußen“.

„Digitale Technologien werden nicht nur immer weiter perfektioniert, sondern auch immer kostengünstiger“, beobachtet Eduard Sailer, bis vor Kurzem noch Technikchef der Miele & Cie. KG. Damit werde Vernetzung zunehmend „demokratisiert“. So erwarten Miele-Kunden nach wie vor solide und besonders langlebige Geräte, aber ohne dass Abstriche an modernen Features gemacht werden. „Wir müssen mit unserer Miele-Welt Antworten auf diese Trends geben“, sagt Sailer.

Fernüberwachung und die mobile Steuerung von Geräten sowie neue Assistenzsysteme sind die Mehrwerte, auf die das Unternehmen aus Gütersloh setzt. 50 % aller Kochfelder und Hauben sind mittlerweile über einen Funkstick vernetzt und arbeiten aufeinander abgestimmt.

Der neue Geschirrspüler G 6000 EcoFlex ist WLAN-fähig und kann über die App Miele@mobile gesteuert und kontrolliert werden. Und er sendet eine Nachricht an das mobile Endgerät, wenn Geschirrspültabs, Klarspüler oder Salz zur Neige gehen. Die Nachbestellung läuft dann über ein paar Klicks. Mit dieser „Shop-Connect-Funktion“ ist auch der neue Waschtrockner ausgestattet, den Miele zur IFA präsentiert. Wie die Waschmaschinen der Baureihe W1 bezieht er sein Flüssigwaschmittel aus zwei Kartuschen, für die es jetzt ebenfalls eine digitale Bestelloption geben soll.

Die Zukunft liegt für den Hausgerätespezialisten Sailer in kompletten Ökosystemen mit einem zunehmenden Angebot an Dienstleistungen – vergleichbar mit Reiseportalen, die sich gleich auch um Parkplatz, Mietwagen, Hotel und Sightseeing-Programm kümmern. Hinter dem digitalen Hype steckt nach Überzeugung von Branchenexperten mehr als bloße Technikeuphorie. Die Generation Y eine vielmehr eine neue Lebensphilosophie des „Always on“, die auch vor Küche und Hausarbeit nicht haltmache. Dabei soll Technik vor allem eines tun: ihren Nutzer entlasten, ohne viel Aufwand zu bereiten, und für den Kunden konkrete Vorteile bieten.

„Ein vernetzter Kühlschrank bietet per se keinen Mehrwert“, sagt zum Beispiel Diana Diefenbach, Kommunikationschefin für den Bereich Home Appliances der Samsung Electronics GmbH. Digitalisierung werde zunehmend auch im Hausgerätebereich akzeptiert, beobachtet die Expertin. Gefragt seien konkrete Nutzungsszenarien.

Ein Blick auf die neue Kühl-Gefrier-Kombination zeigt, wie der asiatische Hersteller seine Zielgruppe design- und technikorientierter Kunden im Alter zwischen 30 und 45 Jahren dort abzuholen versucht, wo sie stehen. Die Zeiten, in denen ein Kühlschrank ein Gerät zum Kühlen und Lagern von Lebensmitteln war, sind bei Samsung offenbar vorbei. Künftig soll er Kommunikationszentrale für die ganze Familie sein.

Der „Family-Hub“ filmt nicht nur mit drei hochauflösenden Innenraumkameras die vorhandenen Lebensmittel. Er ist auch WLAN-fähig, verfügt über eine Bluetooth-Schnittstelle und kann eigentlich alles, was ein Smartphone oder Tablet auch kann.

Post-its und Magnete wird man hier nicht mehr finden, denn Nachrichten, wer wann aus dem Schwimmbad zurückkommt, die Stundenpläne der Kinder, neue Rezepte oder Fotos stehen jetzt auf dem hochauflösenden, über 21 Zoll großen Touchscreen parat. Der neue Kühl-Kommunikationsschrank kann auch Sprachnachrichten aufnehmen, Musik abspielen oder das Fußballspiel zeigen, das auch gerade im Wohnzimmer läuft.

Das Always-on-Segment unter den Hausgeräten, hier sind sich die Experten einig, wird wachsen. Das Schicksal vieler Geräte der Unterhaltungselektronik, die mittlerweile im digitalen Nirwana verschwunden sind, wird allerdings die weiße Ware nicht ereilen. Waschmaschinen, Trockner und Geschirrspüler, sagt Hagenbucher fast beruhigend, werde es immer geben.