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Donnerstag, 23. November 2017, Ausgabe Nr. 47

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Lagerlogistik

Datenbrille bringt Durchblick im Lager

Von Dietmar Kippels | 6. Februar 2015 | Ausgabe 06

Die Datenbrille hilft Paletten zu stapeln, verfaulte Früchte zu entsorgen oder dem Kommissionierer zwischen den Regalen die Richtung zu weisen – so die Idee. Nach der ersten Orientierungsphase wird deutlich, dass dieses neue Werkzeug mehr ist als eine Hilfe beim Kistenschubsen im Lager. Die smarte Brille auf der Nase soll künftig das moderne Unternehmen repräsentieren und Prozesse beschleunigen.

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Foto: Smilog

Visuelle Nutzerführung: Smarte Datenbrillen, hier ein Modell von Vuzix, sollen die Effizienz im Lager erhöhen.

„Wir rennen mit unserem integrativen Ansatz offene Türen ein“, freut sich Christopher Bouveret, „aber dadurch werden auch die Entscheidungsprozesse größer und die Entscheidungen schwieriger oder langwieriger.“ Denn der Unterschied zwischen einem kleinen Pilotprojekt und der Einführung einer neuen Technologie könnte größer kaum sein, ergänzt der Geschäftsführer des kleinen Software-Entwicklers Itizzimo.

Das Würzburger Unternehmen hat eine Ochsentour hinter sich: Ein Termin jagte 2014 den anderen, um Firmen den Blick durch die smarte Brille zu präsentieren. Durchschnittlich stand mehr als ein Unternehmen pro Tag auf dem Plan. Praktisch jeder Autohersteller interessierte sich für das Nasengestell und viele kamen sogar nach Würzburg, um Demo-Prozesse live kennenzulernen.

Die Datenbrille steht kurz vor dem Einsatz im industriellen Umfeld. Dabei wird es wohl nicht unbedingt das von Google vorgestellte Produkt sein: Denn Google Glass selbst macht eher den Eindruck eines prototypischen Spielzeugs, das dem Konsumenten gefallen soll. Die Performance des Geräts sei jedoch nicht ausreichend, insbesondere wenn es um Bandbreite benötigende Anwendungen mit erweiterter Realität (Augmented Reality) geht, sagen Kritiker.

Foto: fml/TU München

„Die meisten Datenbrillen sind eher für Konsumenten gedacht und nicht reif für den industriellen Einsatz.“ Willibald A. Günthner, Lehrstuhlinhaber des fml – Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik, Technische Universität München.

„Die meisten Datenbrillen sind eher für Konsumenten gedacht und nicht reif für den industriellen Einsatz“, urteilt auch Willibald A. Günthner, „die Reichweite der Batterien ist gering und manche Brillen reagieren bei intensiver Nutzung mit starker Erhitzung.“ Der Intralogistikexperte vom Lehrstuhl Fördertechnik, Materialfluss, Logistik (fml) der TU München hat den Markt genau im Blick: Google habe zwar den globalen Verkaufsbeginn der Brille verschoben, aber auch eine Version für die Industrie angekündigt.

Andere Hersteller sind ebenfalls aktiv und haben für dieses Jahr den Start am Markt angekündigt. „Die Technik ist noch im Entwicklungsstadium“, sagt Günthner, es sei noch viel Anwendungsforschung nötig. Gleichzeitig hat er den Itizzimo-Geschäftsführer zum nächsten Materialflusskongress, der vom 25. bis 27. März stattfindet, nach München eingeladen, damit die Fachwelt aus erster Hand erfährt, was man rund um den smarten Bildschirm am Brillengestell bereits erkennen kann.

Anwendungen im innerbetrieblichen Lager liefern den Brillenherstellern einen konkreten betriebswirtschaftlichen Nutzen. Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Brille mehr kann als SAP-Warehouse-Management, Fernwartung oder Dokumentation von kritischen Unternehmensprozessen. Wenn es notwendig ist, könne der Vorgesetzte sogar dem Mitarbeiter in der Ferne direkt über die Schulter schauen. „Wir sind von der trennscharfen Betrachtung einer Kommissionieranwendung übergegangen zu technologischen Features, die wir miteinander kombinieren“, berichtet Bouveret. Die Würzburger haben dafür die Software „Simplifier“ als Rahmenstruktur entwickelt, in dem die Prozesse auf allen Endgeräten abgebildet werden.

„Wir haben erkannt, dass Unternehmen solch eine Grundlage benötigen“, erklärt der Itizzimo-Geschäftsführer, „die Systemlandschaften lösen sich auf und verschmelzen miteinander, deshalb verlangen sie nach Standardisierung.“ Anfänglich hatte der Softwarehersteller z. B. mit einer Anwendung zum Kommissionieren mit SAP-Warehouse-Management begonnen. Dann wurde klar, dass das Warehouse-Management nur einen Teil abdeckt und weitere Softwaresysteme berücksichtigt werden müssen.

„Die Nutzung der Datenbrille darf keine Insellösung sein“, schildert Bouveret aus den gesammelten Erfahrungen, „deshalb haben wir eine Basislösung entwickelt, für die es gleichgültig ist, woher die Daten genommen werden – und die Resonanz der Kunden gibt uns Recht.“

Ein kleines Programm in Form einer App für ganz bestimmte Anwendungen ließe sich viel schneller zusammenstellen als eine derartige Lösung. Dennoch setzt sich auch das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie, Aachen, für eine andere Lösung ein: „Wir arbeiten an einer universellen Lösung, damit der Einsatz von Datenbrillen auf breiter Basis möglich wird“, erläutert Martin Plutz.

„Unsere Forschung schließt auch eine Implementierungsstrategie ein, die insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen gedacht ist“, sagt der Koordinator für Forschungs- und Industrieprojekte rund um das Thema Datenbrille. Dann unterstützen Datenbrillen beispielsweise bei der Montage oder Qualitätssicherung.

Möglich erscheint sogar ein präventiver Mechanismus, der zunächst automatisiert Informationen über den realen Ablauf manueller Prozesse sammelt. „Die laufende Auswertung dieser Kontextinformationen ermöglicht es uns, Fehlermuster präventiv zu erkennen und Mitarbeiter rechtzeitig – über die Brille gesteuert – darauf aufmerksam zu machen“, so Plutz.

Zu diesem Zweck erscheint den Aachener Forschern die monokulare Brille besser geeignet als eine Version mit zwei Gläsern: „Das binokulare Brillenkonzept sorgt derzeit in industriellen Anwendungen noch für zu starke Ablenkung“, berichtet der Fraunhofer-Experte.

Bei Itizzimo werden alle am Markt verfügbaren Datenbrillen benutzt. Ein internes Benchmarking ist die Basis, um das optimale Produkt für die jeweilige Lösung zu finden. „Aus unserer Sicht ist Vuzix derzeit die vielversprechendste Brille – und sie ist verfügbar“, fasst Bouveret die Analyse zusammen. Die Brille sei ausdauernd, robust und habe in den internen Benchmarktests am besten abgeschnitten. der Geschäftsführer geht davon aus, dass der Preis weiter sinken werde – aktuell liege er deutlich unter 1000 €.

Das Potenzial hat auch der Chip-Hersteller Intel erkannt und sich Anfang Januar mit 24,8 Mio. $ an dem Augmented-Reality-Hersteller Vuzix beteiligt. Damit ist Googles Strategie aufgegangen: „Google hat die Hardwarehersteller unter Druck gesetzt und kann sich jetzt zurückziehen, weil das Betriebssystem Android quasi als Standard etabliert ist“, folgert Bouveret aus der aktuellen Nachrichtenlage.

Auch für Itizzimo soll es zügig weitergehen. Die Plattform für Anwendungen mit der Datenbrille steht kurz vor der Fertigstellung: Ende März soll die Basistechnologie der Öffentlichkeit präsentiert werden. Etwa 500 Datenbrillen und entsprechende Lizenzen sollen bis Ende dieses Jahres den Anwendern einen besseren Durchblick und schnellere Prozesse verschaffen.

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