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Sonntag, 20. Januar 2019

Baubetrieb

Der Bau soll von der produzierenden Industrie lernen

Von Elmar Wallerang | 9. Januar 2015 | Ausgabe 1

Beispiele wie der Berliner Flughafen und die Elb-Philharmonie belegen: Am Bau herrschen oft Koordinationsmängel und Chaos. Besserung könne „Lean Construction“ bringen, meinten jetzt Fachleute auf dem gleichnamigen VDI-Expertenforum in Düsseldorf. Das Bauen müsse sich zunehmend einer industriellen Produktion angleichen.

Lean BU
Foto: Achim Hatzius

GAP-Hochhaus in Düsseldorf: Das 90 m hohe, im Jahr 2005 bezogene Gebäude mit 24 Geschossen entstand dank Koordinationsplanung innerhalb von knapp zwei Jahren.

Die Rationalisierungsmöglichkeiten am Bau seien ausgeschöpft. Darüber waren sich Bauingenieure noch vor Kurzem einig. Letzte Reserven, um den Bau effizienter zu machen, gebe es – so die Statements der Bauausrüster Cemex und Doka – höchstens auf ihren Fachgebieten Transportbeton und Betonschalung. Offensichtlich haben sie dabei vergessen, dass die wenigsten Baustellen reibungslos verlaufen. Störungen im Baubetrieb sind der Regelfall, das wissen zumindest Bauausführende. Und dort gibt es riesiges Rationalisierungspotenzial.

Mit der Methode „Lean Construction“ könne man hier ansetzen und einen Großteil jener Hemmnisse am Bau eliminieren, die vor allem die Kosten in die Höhe treiben, meint die VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik. Anfang Dezember 2014 lud sie zu einem VDI-Expertenforum über eine neue Betrachtungsweise für Bauplanung und Bauabläufe nach Düsseldorf ein.

Foto: Jansen/VDI

Lean-Construction-Experten: Fritz Berner (Uni Stuttgart), Patrick Theis (Drees & Sommer), Gerhard Kracht (Kamü Projektbau), Carina Schlabach (Züblin), Shervin Haghsheno (KIT), Mark Russell (US Air Force), Ailke Heidemann (Boston Cons.), Peter Steinhagen (VDI Ges. Bauen und Gebäudetechnik) und Cai von Velsen (Hochtief) (v. l. n. r.).

„Lean Construction“ ist ein bereits in der produzierenden Industrie erprobter Ansatz für die wirtschaftliche und kooperative Abwicklung von Bauprojekten. Dabei steht die ganzheitliche Betrachtung von Planung und Ausführung im Vordergrund. Die Herausforderung dabei ist, Abläufe gut abzustimmen und Betriebsstörungen zu vermeiden.

Von derlei Ansprüchen könne man am Bau derzeit nur träumen, klagt Shervin Haghsheno, Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Planerische Katastrophen, wie der Berliner Flughafen, die Elb-Philharmonie in Hamburg oder das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, zeigten das. Außerdem stünden etwa 30 % aller Zivilprozessverfahren in Deutschland in Verbindung mit Baustreitigkeiten, gab Haghsheno zu bedenken.

Als Hauptursache für aus dem Ruder laufende Baukosten nannten fast alle Referenten eine eher triviale Untugend am Bau: die „Verschwendung“. Zu große Bestellungen von Baustoffen, Wartezeit, überflüssiger Transport, ineffiziente Arbeitsprozesse, übertriebenes Lagern sowie Produktionsfehler wie Risse in Kanalisationsrohren und Nacharbeiten zählen dazu. Diese müsse man erkennen und schnellstmöglich abstellen, riet Referent Haghsheno.

Bereits in frühen Projektphasen würden die Weichen für Erfolg oder Misserfolg eines Bauprojekts gestellt, betonte der KIT-Mann. Unzureichende Planungstiefe, mangelhafte Kommunikation und fehlende Zusammenarbeit aller am Bauprozess Beteiligten könnten den Erfolg eines Projekts gefährden, so Haghsheno.

Eine altbekannte Ursache der Probleme am Bau ist in Deutschland die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Gewerken, wie Rohbau, Zimmermann- und Dachdeckerbau sowie Innenausbau und Gebäudetechnik. Im Laufe der Verwirklichung eines Projekts besteht ständiger Abstimmungsbedarf. Carina Schlabach vom Bauunternehmen Ed. Züblin, Frankfurt, riet auf dem VDI-Expertenforum, den abzusehenden Reibungsverlusten mit einer Schnittstellenoptimierung zu begegnen, so dass sich die verschiedenen Parteien leichter austauschen können.

Es gelte, die Partner der einzelnen Gewerke schlicht davon zu überzeugen, miteinander zu reden, so Schlabach. Mehr Diskussion am Bau forderte auch Ailke Heidemann von der Boston Consulting Group, Stuttgart. Sollte etwa Nacharbeit zu häufig anfallen, müsse im Team die Ursache für diese Art der Verschwendung erforscht werden, und zwar schnellstmöglich.

Wie das gehen soll, hat sich Patrick Theis von Drees & Sommer, Stuttgart, in einem Modell überlegt. Er will die Planung von hinten nach vorne betrachten und dafür als ersten Schritt relevante Aufgaben in die richtige Sequenz bringen.

Dann kämen sogenannte Plankarten bei der Bauausführung zum Einsatz, erläuterte Theis. Die Idee sei, große Karten im Planungsbüro aufzuhängen, auf denen stehe, wann was wo gemacht werden soll. Dabei gehe es um eine Steuerung auf Tagesbasis. Falls sich ein Problem stelle, würde die betreffende Plankarte mit einer roten Karte markiert. Alle Mitarbeiter könnten etwaige Hindernisse sofort sehen und man könnte sie schnell abklären. Wichtig sei auch, dass ein Lerneffekt entstünde, wie die verschiedenen Gewerke zusammenarbeiten müssen, der im Rahmen des weiteren Baufortschritts Früchte trage.

Konkrete Vorschläge für rationelle Vorgehensweisen bei großen Hochbauprojekten hatte Volkmar Hovestadt im Gepäck. Der Geschäftsführer des Karlsruher Unternehmens Digitales Bauen empfahl auf dem VDI-Expertenforum „Lean Construction“, Gebäude in sich wiederholende Standardflächen zu gliedern. So könne man die Planungsabläufe bündeln und die erforderlichen Datenmengen reduzieren. Vorbild ist die produzierende Industrie, die Prozesse modularisiert hat.

Planungsdetails würden – so Hovestadt – zu Baugruppen zusammengefasst. Diese ließen sich mit hoher Präzision an externen Produktionsstätten herstellen. Der Vorteil: höhere Qualität, geringere Stückkosten und kürzere Bauzeit, da Vorfertigung den Bauablauf beschleunigt. Der Referent: „Unsere vorgefertigten Module werden im Takt auf die Baustelle geliefert, benötigen keine Zwischenlager und werden von eingewiesenen Montageteams installiert.“

Durch die hohe Qualität der Integrationsplanung und den Einsatz von computergestützten Design- und Produktionsprozessen könne Fertigung direkt aus Plänen erzeugt werden, so Hovestadt. Die Bildung von Baugruppen und Modulen in der Planung ermögliche so eine industrielle Produktion.