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Sonntag, 21. Januar 2018

Umwelttechnik

Digitale Revolution auch in der Wasserbranche

Von Notker Blechner | 24. Juni 2016 | Ausgabe 25

Um Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern, setzt die deutsche Wasserwirtschaft zunehmend auf die Digitalisierung. Auf der Leitmesse für Umwelttechnik Ifat zeigten viele Firmen ihre smarten Lösungen. Wasser 4.0 soll der neue Exportschlager werden.

Wasser BU
Foto: Wilo

Digitale Pumpen und Systeme sind stets betriebsbereit. Smarte Anlagen lassen sich per Fernzugriff überwachen. Bei Unregelmäßigkeiten des Betriebs erfolgt eine Meldung an den Techniker.

Pompöse Inszenierungen sind den bodenständigen deutschen Firmen in der Wasserbranche eigentlich fremd. Deshalb will es schon was heißen, wenn die Aerzener Maschinenfabrik auf der Messe Ifat in München Anfang des Monats ihren AERsmart feierlich mit Konfetti enthüllte – das erinnerte fast an eine Autoshow.

 Aerzener setzt große Hoffnungen auf ein neues Steuerungssystem. Es soll den Betrieb in den Kläranlagen optimieren, insbesondere die Luftversorgung im Belebungsbecken. AERsmart sorge für einen höheren Wirkungsgrad und senke die Kosten um bis zu 15 %, erklärt Sebastian Meißler, Sprecher von Aerzener. Nach Angaben des Unternehmens entfallen mehr als 70 % der Betriebskosten einer Kläranlage auf Energiekosten, die bei der Luftversorgung der Belebungsbecken entstehen.

 Auch die Pumpenhersteller setzen mittlerweile voll auf den Digitalisierungstrend. So bietet KSB aus Frankenthal smarte Technologien für flexiblen, effizienten und sicheren Anlagenbetrieb an. Die mit PumpDrive und PumpMeter automatisierten Aggregate seien dem Hersteller zufolge geeignet, um mit anderen Komponenten zu smarten Netzwerken verbunden zu werden. Mit dem IT-Konzern SAP arbeitet KSB an einer ersten Industrie-4.0-Anwendung. 

Das iSolutions-Konzept von Grundfos verbindet die einzelnen Produkte zu integrierten Lösungen und flexiblen modularen Systemen, bestehend aus Pumpen und deren Antriebstechnik, Steuerungs- und Sicherungsmodulen sowie Mess- und Datenübertragungseinheiten.

 Wilo ist nach eigenen Angaben der erste Pumpenhersteller der Welt, der ein Smart-Home-fähiges Pumpenportfolio präsentiert. Das Anwendungsspektrum reicht von Trinkwarmwasserpumpen über die Regenwassernutzung zur Gartenbewässerung bis hin zu Alarmsystemen für Hebeanlagen. Das Serviceangebot WiloCare zeigte das Unternehmen aus Dortmund auf der Umweltmesse. „Die zunehmende Digitalisierung ist auch im Bereich der Wasserwirtschaft von großer Bedeutung“, versicherte Marcus Neppl, Vertriebsleiter Water Management bei Wilo.

Kein Zweifel: Industrie 4.0 hält auch in der deutschen Wasserwirtschaft Einzug – ob in der Versorgung oder Entsorgung. Dabei stehe die Energieeffizienz sowie die Sicherstellung der Ver- und Entsorgung im Vordergrund, sagt Eckhard Eberle, CEO Prozessautomation bei Siemens. „Wasser 4.0 bietet erhebliche Zukunftschancen durch die Integration einzelner Prozessschritte über den gesamten Anlagenzyklus – vom Engineering und Betrieb bis hin zur laufenden Optimierung“, ist Eberle überzeugt.

 German Water Partnership, ein Netzwerk aus 350 Firmen und Forschungsinstitutionen, die die deutsche Wassertechnik im Ausland fördern wollen, hat passend zur Ifat eine Broschüre zum Thema Wasser 4.0 präsentiert. Darin werden die Chancen der Digitalisierung in der Wasserindustrie beschworen und erfolgreiche Anwendungsbeispiele deutscher Firmen dargestellt.

 „Wasser 4.0 könnte gerade in den USA neue Absatzmöglichkeiten eröffnen“, meint Michael Prange, Geschäftsführer von German Water Partnership. Die Amerikaner suchten nach digitalen Lösungen für die Erneuerung ihrer maroden Wasserinfrastruktur. Die deutsche Wasserwirtschaft könnte mit dem Konzept Wasser 4.0 eine führende Rolle übernehmen und ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter ausbauen. German Water Partnership spricht sogar von einer wasserwirtschaftlichen Revolution und meint damit die Verschmelzung von realen und virtuellen Welten zu sogenannten Cyber Physical Systems (CPS), wie sie von Industrie 4.0 bereits bekannt ist.

Die Verknüpfung von Sensorik, Computermodellen und Echtzeitsteuerung ermögliche den Netzwerkern zufolge, wasserwirtschaftliche Systeme in ihrer Komplexität und Vernetzung besser wahrzunehmen und in der Produktion sowie in Frühwarn- und Entscheidungsprozessen abzubilden. Durch die Auswertungen großer Datenmengen ließen sich die Bedürfnisse der Kunden besser erkennen und Prozesse besser verstehen – eine gute Grundlage, um neue passgenaue Produkte und Strategien zu entwickeln.

Das Netzwerk listet mehrere Fälle von Firmen auf, die digitale Prozessketten bereits erfolgreich umgesetzt haben. So hat beispielsweise die Firma Ribeka für die Wasserbehandlung im Tunnelbauprojekt „Stuttgart 21“ ein webbasiertes Echtzeitmonitoring-, Informations- und Frühwarnsystem implementiert. Gleich für die ganze dänische Hafenstadt Aarhus hat DHI mit Sitz in Hørsholm ein Echtzeitsystem mit integriertem Kontroll- und Warnsystem für drei Klärwerke, 75 Mischwasser- und 58 Regenwasserüberläufe aufgebaut.

 Und in Provadia in Bulgarien haben das Dresdner Unternehmen Biogest International und Siemens ein Klärwerk mit einer durchgängigen Automatisierungslösung ausgerüstet. Dank einer durchgängigen Engineeringplattform konnte der Programmier- und Parametrieraufwand erheblich reduziert werden. „Das sparte uns gut 20 % Zeit beim Engineering der gesamten Anlage“, zeigt sich Richard Gruhler, Leiter Automatisierungstechnik von Biogest International, erfreut über die positiven Effekte von Wasser 4.0.

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