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Sonntag, 20. Januar 2019

Industrie 4.0

Digitale Technik zwingt Unternehmer zum Umdenken

Von Martin Ciupek | 10. April 2015 | Ausgabe 15

Analysten sehen in der Digitalisierung der Industrie große Wachstumspotenziale. Auch deshalb ist Vernetzung unter dem Motto „Integrated Industry“ erneut das übergreifende Leitthema der Hannover Messe vom 13. bis 17. April 2015. Industrieunternehmen können sich dem Trend kaum entziehen. Daher ist es wichtig, sich mit mit den Konsequenzen des Wandels auseinander zu setzen.

Geschaeftsmodell-BU
Foto: Fraunhofer

Starre Prozesse auflösen: Forscher arbeiten daran, die Produktion flexibler für individuelle Kundenbedürfnisse zu gestalten, z. B. mit einem solchen Industriecockpit.

Für Franz Josef Radermacher lässt sich die Digitalisierung der Gesellschaft kaum aufhalten. Er betrachtet dabei allerdings nicht die Automatisierung als Problem, sondern die Strukturen der globalen Wirtschaftssysteme. Das jedenfalls verdeutlichte der Professor für „Datenbanken und Künstliche Intelligenz“ an der Universität Ulm auf dem Industrial Communication Congress (ICC) in Bad Pyrmont.

Rolle des Menschen bei Industrie 4.0

„Lange galt es als unmöglich, dass autonome Fahrzeuge sicherer durch ihre Umgebung manövrieren als Menschen“, sagt Radermacher. Dem Menschen reiche gegenüber einem Bilderfassungssystem ein unvollständiges Bild von Dingen aus seinem Umfeld, um daraus schnell Schlüsse zu ziehen. Das ändert sich nun aus Radermachers Sicht: „Wenn Dinge künftig selbstständig miteinander kommunizieren, dann hat plötzlich das Auto Informationen, die der Mensch nicht hat.“ Das Beispiel lasse sich beliebig auf andere Bereiche des menschlichen Lebens übertragen.

Die technische Entwicklung bietet für den Informatikprofessor sowohl Vorteile als auch Nachteile: „Sie kann beispielsweise den Verkehr sicherer machen, aber auch dazu führen, dass künftig der selbstfahrende Mensch als größeres Risiko betrachtet wird.“ Diese Diskrepanz bewertet der Wissenschaftler allerdings als lösbar. Deutlich kritischer erscheinen ihm dagegen die damit zusammenhängenden Probleme im Bereich der Wirtschaftssysteme.

„Wir bekommen immer wieder gesagt, dass wir von den Besten lernen sollen“, so Radermacher. Sowohl im Sport als auch in der Wirtschaft könne es aber nur einen „Besten“ geben. „Es ist daher wichtig zu erkennen, dass die Anderen immer in der Mehrheit sein werden“, stellt er fest. Hier gelte es für ein wirtschaftliches Gleichgewicht zu sorgen. Dazu gehört auch, dass der technische Fortschritt allen zugute kommen sollte. Vermieden werden müsse z. B., dass gut ausgebildete Menschen reihenweise arbeitslos werden, wenn intelligente technische Systeme immer mehr Arbeitsplätze übernehmen und keine neuen Arbeitsplätze nachfolgen.

Automatisierungstechnik ist schon seit Jahren im digitalen Wandel

„Die Digitalisierung wird vieles verändern“, meint auch Roland Bent, Geschäftsführer von Phoenix Contact in Blomberg. Gleichzeitig ist sich der Unternehmenslenker der Verantwortung für seine Mitarbeiter und der Region in Ostwestfalen-Lippe bewusst. Deswegen lässt er sich vom Tempo der IT-Branche nicht drängen und verfolgt langfristige Ziele.

„Seit wir auf der Hannover Messe 1987 das Feldbussystem Interbus für die industrielle Kommunikation vorgestellt haben, ging die Entwicklung über Ethernet-Lösungen kontinuierlich weiter“, berichtet Bent. Mit seiner Cloud-Lösung ist Phoenix Contact seit 2014 auf der nächsten Ebene der Digitalisierung angelangt. Die Mitarbeiter tragen den Wandel mit. Das Unternehmen liegt sowohl bei der Mitarbeiterfluktuation als auch beim Krankenstand deutlich unter dem Bundesdurchschnitt für produzierende Unternehmen mit Drei-Schicht-Betrieb.

Frank Piller, Professor für Technologie und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/USA, geht allerdings davon aus, dass sich Industriebetriebe disruptiven Innovationen nicht verschließen dürfen. Auf der VDI-Fachtagung „Industrie 4.0“ in Düsseldorf verdeutlichte er das Ende Januar am Beispiel der Fotobranche. So habe die Firma Kodak den Trend zur Digitalfotografie falsch eingeschätzt und ging 2012 in die Insolvenz.

Obwohl solche Fehlentscheidungen bekannt sind, tun sich etablierte Unternehmen nach seiner Ansicht mit Disruption weiterhin schwer. Er nannte dafür zwei Gründe: Eine falsche Kundenorientierung, bei der Ressourcen eher für profitable Kunden genutzt werden als für neue Kunden mit vermeidlich geringen Profitmargen, sowie Routinen in Organisationsprozessen.

Drei Schritte können Unternehmen laut Piller auf dem Weg zu einem modernen Prozess für Geschäftsmodelle helfen: der iterative Ansatz nach dem „Design Thinking“, Business-Modell-Canvas als Kommunikationsinstrument sowie Geschäftsmodellmuster zur systematischen Lösungssuche.

Die Fokussierung auf die „Jobs“ der Kunden erlaube eine neue Marktsicht. So wolle der Kunde z. B. keinen Bohrer, sondern eigentlich ein Loch. Die veränderte Sichtweise führt laut Piller zu einem „neuen Verständnis der Werte eines Unternehmens“ und ist „Ausgangspunkt neuer Wertschöpfungsketten“. Als konkretes Beispiel für den Maschinenbau nannte er das Internetportal eMachineshop.com, wo Kunden individuell Bleche und Metallteile konfigurieren und bestellen können.

Europa sollte laut Analysten der Unternehmensberatung Roland Berger daher schnell handeln. Sie empfehlen europäischen Unternehmen ein tieferes Verständnis der digitalen Transformation zu entwickeln und neue, tragfähige Geschäftsmodelle zu erarbeiten. Sonst könnten branchenfremde Marktteilnehmer, die über eine hohe Digitalisierungskompetenz verfügen, sie aus lukrativen Teilen der Wertschöpfung verdrängen.

Zusammen mit dem Bund der Deutschen Industrie (BDI) haben die Analysten Ursachen und Auswirkungen der Digitalisierung auf die Industrie untersucht. In der Mitte März veröffentlichten Studie „Die digitale Transformation der Industrie“ kommen sie zu dem Ergebnis, dass sich dadurch für Deutschland bis 2025 ein zusätzliches kumuliertes Wertschöpfungspotenzial von 425 Mrd. € eröffnet.

Chancen und Risiken in der digitalen Transformation

Für Europa stünden einem Wertschöpfungspotenzial von 1250 Mrd. € in diesem Zeitraum allerdings auch mögliche Einbußen von bis zu 605 Mrd. € gegenüber, wenn die Transformation nicht gelinge. Beispiele wie der Fahrdienstvermittler Uber zeigten, wie die etablierte Branche der Taxiunternehmen durch digitale Zusatzdienste für Kunden unter Druck geraten kann. In Anspielung auf Uber besteht dabei laut der Studie selbst für bisherige Branchenführer die Gefahr, „ge-ubert“ zu werden.

Ein tieferes Verständnis der digitalen Transformation seitens der Unternehmen ist für Stefan Schaible, CEO Deutschland und Central Europe von Roland Berger, daher ebenso wichtig, wie digitale Industriestandards, um die europäische Wirtschaft mitzugestalten und die Infrastruktur entsprechend auszubauen. „Wir brauchen ein ,Digital Valley’ für Europa, um eine bessere Vernetzung der europäischen Digitalwirtschaft zu ermöglichen“, sagt Schaible.

Insbesondere die schnelle Verarbeitung großer Datenmengen wird in der Studie als Einflussgröße gesehen, die die Wertschöpfung über Produktionsprozesse und Lieferanten bis hin zum Kunden grundlegend verändern wird. Dadurch werde es Firmen möglich, Marktentwicklungen präziser vorherzusehen und noch zielführender Entscheidungen zu treffen.

In der Produktion werde durch den Einsatz künstlicher Intelligenz ein neuer Grad der Automatisierung erreicht und Lieferketten ließen sich besser synchronisieren, Produktionszeiten verkürzen und Innovationszyklen beschleunigen. Auch würden die spezifischen Kundenbedürfnisse transparenter. Darauf basierend ließen sich neuartige Produkte und Leistungen entwickeln und anbieten.

Aus klassischen, zeitversetzten Wertschöpfungsketten entstünden zunehmend dynamische Wertschöpfungsnetzwerke. Deshalb müssten sich die Unternehmen auf neue Wettbewerber einstellen. Die Roland-Berger-Studie empfiehlt dazu unternehmensübergreifende Kooperationen – auch mit Wettbewerbern. Diese seien bei der Pilotierung und beim Aufbau gemeinsamer digitaler Plattformen und Geschäftsmodelle hilfreich.