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Dienstag, 23. Januar 2018

Meine Energiewende

Ein Dorf strebt völlige Energieautonomie an

Von Oliver Klempert | 1. August 2014 | Ausgabe 31

Das bayerische Wildpoldsried gilt als Vorzeigeobjekt, wenn es um die Energiewende geht, denn es versorgt sich seit Jahren mit regenerativen Energien komplett selbst. Die treibende Kraft ist Bürgermeister Arno Zengerle, der die Mitbürger seines Ortes mit seinen Ideen überzeugte.

Ländliche Idylle in Wildpoldsried
Foto: Gemeinde Wildpoldsried

Ländliche Idylle findet sich in Wildpoldsried, immer gepaart mit Zeugen, dass die Bürger die Energiewende konsequent be- treiben, ob eine Solaranlage oder die bürgereigenen Windräder am Horizont.

"Die Große Koalition ist auf dem besten Weg, die Energiewende wieder ins Gegenteil zu verkehren." Arno Zengerle, Erster Bürgermeister des 2500 Einwohner zählenden Wildpoldsried im bayerischen Allgäu, kann – wie es sich für einen Bayern gehört – ordentlich schimpfen.

Zengerle ist jemand, der die Situation gut einschätzen kann. Schließlich begleitet er die Energiewende schon seit vielen Jahren. Der Allgäuer kennt daher das Gezerre um Fördergelder, die Ausgestaltung von Richtlinien, um den richtigen Weg.

Arno Zengerle war die treibende Kraft, die seine Gemeinde dazu inspirierte, bereits im Jahr 1996 damit zu beginnen, ihre Energieerzeugung nach und nach auf regenerativ erzeugten Strom umzustellen.

18 Jahre ist das mittlerweile her, damals steckte noch alles in den Kinderschuhen. An eine gesetzliche Vergütung von regenerativ erzeugtem Strom war noch nicht zu denken. Mit großem Engagement gelang es den Wildpoldsriedern unter Zengerles Führung, innerhalb von zirka zehn Jahren ihre Stromversorgung vollständig auf regenerative Energieträger umzustellen.

Mit 1,83 m Körpergröße ist Arno Zengerle ein groß gewachsener Mann, der schwäbisch spricht. Kein Wunder: Wildpoldsried liegt im schwäbischen Landkreis Oberallgäu. Bodenständig und sparsam – so würde Zengerle sein eigenes Naturell vor allem beschreiben, zwei Eigenschaften, die viele Menschen in diesem Teil Deutschlands besitzen.

"Unser Menschenschlag wird auch als Tüftler und Mächler bezeichnet", sagt Zengerle – Erfinder und Macher. Große Worte sind dabei nicht die Sache von Arno Zengerle. Doch das Selbstbewusstsein, seine Anliegen durchzusetzen, hat er durchaus, wie er auf seinen Vorträgen immer unter Beweis stellt.

Der Weg zum Energiewendevorzeigedorf Wildpoldsried war weit: "Bei meinem Amtsantritt 1996 gab es das Schlagwort Energiewende noch nicht", erinnert sich Diplom-Verwaltungswirt Zengerle. "Wir haben zunächst einfach mit vielen Einzelmaßnahmen, wie Biogasanlagen, Biomasseheizungen und Kleinwasserkraft, versucht, Energie regenerativ zu erzeugen und regionale Wertschöpfung zu betreiben."

Die Mitbürger seien hierfür sehr aufgeschlossen gewesen. "Einige hatten sich schon vorher mit der Thematik auseinandergesetzt. Insofern waren die Ausgangsbedingungen in meiner Heimatgemeinde sehr gut", sagt Zengerle.

Arno Zengerle
Foto: Gemeinde Wildpoldsried

Arno Zengerle, Erster Bürgermeister der Gemeinde Wildpoldsried, Oberallgäu: „Mein wichtigster Wunsch ist, dass die Energiewende konsequent weiter betrieben wird.“

Um ein gutes Vorbild zu sein, lebte Zengerle von Anfang an seine Ideen vor: "Ich selbst kümmere mich seit jeher privat darum, dass mein Energieverbrauch durch den Einsatz effizienter Geräte niedrig ist. Ich fahre sehr viel mit der Bahn. Mein Auto wird mit Autogas betrieben. Die Wärme erzeugt heute eine Hackschnitzelheizung. Und Strom erzeuge ich mit einem kleinen Wasserkraftwerk und mit Photovoltaik."

1999 startete in Wildpoldsried dann ein Bürgerbeteiligungsprozess, beginnend mit einer umfangreichen Bürgerbefragung über alle gemeindlichen Themen – eben auch mit Fragen zu Energieeinsparung und -erzeugung. Die Ergebnisse wurden in einem großen Arbeitskreis diskutiert und für die Umsetzung der baulichen Projekte wurde ein Plan erarbeitet, der aufzeigte, wo die einzelnen Projekte entstehen sollten.

"Durch den intensiven Prozess hatten wir uns nicht groß mit Widerständen auseinanderzusetzen", freut sich Zengerle noch heute. Denn wenn das Dorf hinter solch einem Projekt stehe, dann "können die Spezialisten am Stammtisch sagen, was sie wollen".

So sind alle Wildpoldsrieder in die Entwicklung einbezogen worden – und es entstand unter Zengerles Führung ein Dorf, das sich regenerativ selbst versorgt: Der Hauptanteil der Energieerzeugung stammt heute aus einem von über 200 Bürgern finanzierten Windpark mit aktuell sieben Anlagen, die gemeinsam 17 570 MWh Strom pro Jahr erzeugen. Zweitgrößter Energielieferant ist Biogas mit 8490 MWh, gefolgt von der Photovoltaik auf öffentlichen und privaten Gebäuden mit 4240 MWh sowie der Wasserkraft mit 79 MWh.

"Die Einspeisevergütungen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten die privaten Betreiber der Anlagen. Ein Teil der gemeindlichen Photovoltaikerlöse geht an die vier Vereine, die sich beim Bau der Anlagen auf Gemeindedächern mit eingebracht haben, sowie zur Förderung der Jugendarbeit", erklärt der Bürgermeister.

Unter den Vereinen sind ein Ski- und Sportverein, der örtliche Schützenverein, die Musikkapelle und die Feuerwehr. So wird die Energiewende direkt in der Gemeinschaft verankert. Insgesamt erhalten die Vereine zusammen jährlich bis zu 50 000 € Unterstützung – in Zeiten knapper kommunaler Klassen ein Geldsegen und für Zengerle der nötige Rückhalt für seine Vorhaben.

Trotz der vielen Arbeit, die Zengerle und die Dorfbewohner in die Umgestaltung ihres Dorfes investieren mussten, hatte der Bürgermeister nie Zweifel. "Aufgeben gibt es bei mir nicht", betont er.

Es hat sich gelohnt: Wildpoldsried ist heute ein Vorbild für die deutsche Energiewende. Die Erfolge des auf nationaler und europäischer Ebene wiederholt ausgezeichneten Dorfes haben sich weit herumgesprochen.

Als Folge gibt es viele Besuchergruppen, die nach Wildpoldsried kommen, um sich über die Projekte und ihr Zusammenspiel zu informieren. Teilweise reisen die Gruppen aus Brasilien oder Australien an. Zengerle leitet dann, sofern er Zeit hat , die Führungen selbst. Darüber hinaus hält er heute immer wieder viele Vorträge zum Thema: "Mein ganzes berufliches Engagement hat sich insgesamt stark in Richtung Energiewende verlagert", erklärt der 57-Jährige.

Besonders spannend für Zengerle war die funktionierende Einspeisung eines großen Mix erneuerbarer Energien in das öffentliche Stromnetz. Denn dafür interessierte sich auch der Technologiekonzern Siemens, der von 2010 bis 2013 das zweieinhalbjährige Projekt "Integration regenerativer Energien und Elektromobilität" (IRENE) in Wildpoldsried durchführte.

Ziel war es, das Netz intelligenter zu machen, so dass mit einem verbesserten Energiemanagement der Ausgleich zwischen Stromerzeugung und -verbrauch gelingt, kurzum: ein Smart Grid zu testen. Zahlreiche Messstationen etwa an Photovoltaik-
anlagen halfen dabei, in Echtzeit die Ortsnetztrafos, die Lithium-Ionen-Batterie oder die Wechselrichter der Photovoltaikanlagen zu regeln und damit ein Überschreiten von Grenzwerten oder die Überlastung des Verteilnetzes zu verhindern.

"Die Zusammenarbeit mit Siemens war und ist hervorragend", sagt Zengerle. Gerade sei das Folgeprojekt "IRENE 2" gestartet – diesmal mit dem Thema "Inselfähige Netze und topologische Kraftwerke".

Dass sein Dorf einmal beispielgebend werden würde, um Lösungen für die großen Fragen der Energiewende zu finden, hätte Zengerle nie gedacht. Aber: "Umso mehr freue ich mich heute darüber."

Doch im großen Maßstab sieht Zengerle Probleme für die gesamtdeutsche Energiewende: "Andere Länder wie die USA und China vervielfachen ihre Ausbauaktivitäten, bei uns werden überall zusätzliche Hürden aufgebaut", sagt er. In Deutschland seien von innovativen Firmen und Ingenieuren hervorragende Techniken für die Energieeinsparung und -erzeugung entwickelt worden. Doch ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis könne eben erst durch Massenfertigung entstehen, so Zengerle. "Bei minimalen Stückzahlen kann niemand erwarten, dass sich zum Beispiel Elektroautos auf dem Markt etablieren", erklärt er.

Die Wildpoldsrieder Bürger und er selbst sind stolz darauf, von anderen als Modellgemeinde für die Energiewende gesehen zu werden. "Wir freuen uns, dass zwischenzeitlich viele Städte und Gemeinden diesen Weg gehen und wir somit Multiplikatoren sind", sagt Zengerle und fügt hinzu: "Mein wichtigster Wunsch ist, dass die Energiewende konsequent weiter betrieben wird. Die ganze Welt schaut auf unser Land und traut uns zu, es zu schaffen. Für unser Dorf wünsche ich mir, dass wir mittelfristig weg kommen von jeglicher fossilen Wärmeerzeugung und dass wir unsere regenerative Stromerzeugung noch deutlich steigern können."

Es sieht so aus, als wäre Arno Zengerles persönlicher Weg in der Energiewende noch lange nicht zu Ende. 

 OLIVER KLEMPERT

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