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Montag, 22. Januar 2018

Software

„Eines Tages wachst du auf und alles ist anders“

Von Sven Hansel | 8. November 2013 | Ausgabe 45

Carl Bass will durch neue Cloud-Modelle die Zusammenarbeit von Ingenieuren revolutionieren.Der CEO von Autodesk, einem US-amerikanischen Softwareunternehmen für digitales 2-D- und 3-D-Design, ist überzeugt: Es wird wie bei allen neuen Technologien und deren Akzeptanz sein: Am Anfang gibt es große Widerstände und dann, eines Tages, wachst du auf und alles ist anders.

Carl Bass
Foto: Autodesk/Sahner

Carl Bass, CEO von 3-D-Softwarepionier Autodesk, sieht großes Potenzial im Cloud-Computing und in Big-Data-Anwendungen. Modellzyklen im Automobilbau ließen sich dadurch drastisch verkürzen und Fehlplanungen vermeiden.

VDI nachrichten: Herr Bass, Sie gelten in einem nicht wirklich ausgesprochen modernen Zweig der Softwareindustrie als ausgesprochener Vorreiter und Verfechter neuer Technologien wie Cloud, Social Media und Mobile Computing. Wie kam es dazu?

Bass: Ich habe Autodesk zur Zeit des Dotcom-Booms verlassen und sah bei meiner Rückkehr ein paar Jahre später, dass sich seitdem nicht nur unheimlich viel in der IT geändert hat, sondern auch in den Industrien, in denen die Kunden von Autodesk angesiedelt sind. Und ungefähr seit 2009, seitdem die disruptiven Kräfte Cloud, Social Media und Mobile von sich reden machen, bin ich mir absolut sicher, dass diese Trends auch maßgeblich die Ingenieurswissenschaften und die Designbranche beeinflussen werden.

Es mag eine harte Nuss für die Entwickler sein, Engineering-Software in die Cloud zu packen, und wir mussten uns oft genug sagen lassen, dass es sinnvoll sein kann, etwas wie Salesforce.com zu benutzen, aber bitte doch nicht CAD oder Simulationssoftware aus der Cloud. Ich bin mir aber dennoch absolut sicher, dass der Nutzen von neuen Techniken wie der Cloud in unseren Branchen noch ausgeprägter sein kann als in anderen Industrien.

Warum?

Engineering ist wesentlich erfolgreicher, wenn man mit mehreren Rechnern arbeitet. Und durch die Cloud kostet Rechnerkapazität immer weniger, außerdem sind die Kapazitäten grenzenlos skalierbar, warum also darauf verzichten?

Weil gerade die herstellende Industrie große Vorbehalte hat, dass jemand auf ihr geistiges Eigentum zugreift und es für seine Zwecke einsetzt.

Das geht an der Realität vorbei: Heutzutage arbeiten die Ingenieure jedes Unternehmens in Teams, intern wie extern. Arbeiten diese Teams in der Cloud auf einer gemeinsamen Plattform und nutzen moderne Collaboration, erschließt sich jede Menge mehr Möglichkeiten. Das hat beispielsweise auch mit High Performance Computing in der Cloud zu tun, wenn man feststellen möchte, was genau passiert, wenn ein Auto crasht oder wie viel Energie man für den Bau eines Hauses eingesetzt hat. Aber, Sie haben recht, deutsche Hersteller sind schon was Besonderes (lacht) …

Inwiefern?

Nein, im Ernst: Auch bei den Ingenieuren gibt es ein breites Spektrum. Da gibt es diejenigen, die das kategorisch ablehnen, und solche, die moderner Technologie offen gegenüberstehen. Sehen Sie, ich bin lange genug im Business, um zu wissen, dass es immer ein paar geben wird, die sagen: "Das wird niemals passieren." Ich kann mich noch gut erinnern, als die ersten Fertiger in der Automobilindustrie ihre eigenen CAD-Systeme entwarfen und ein paar vermeintliche Experten darüber den Kopf schüttelten.

Also sind Sicherheitsbedenken überflüssig?

Keinesfalls, nur die Art des vernetzten Arbeitens ist unvermeidlich, dafür muss man aber nicht alle Sicherheitsvorkehrungen über Bord werfen. Allerdings, wenn ich heute große Fertiger sehe, deren Geschäftsapplikationen hinter riesigen Firewalls verborgen liegen und die FTP benutzen mit seinen beschränkten Möglichkeiten des Austauschs, dann weiß ich, dass das in fünf Jahren Vergangenheit sein wird und niemand mehr derart arbeiten wird. Die von Ihnen angesprochene Sorge um das geistige Eigentum halte ich außerdem für vorgeschoben.

Warum?

Ich habe mich unlängst mit einem Fertiger unterhalten, der 75 000 Mitarbeiter hat. Glauben Sie nicht, dass da auch ein Mitarbeiter dabei ist, der ein Alkoholproblem hat und erpressbar ist? Oder dass es nicht jemanden gibt, der einfach nur deshalb Geheimnisverrat begeht, weil er dadurch vermeintlich problemlos an Geld kommt? Ganz klar, der Diebstahl geistigen Eigentums ist kein IT-Problem, sondern ein Problem mit Menschen, denn Menschen sind manipulierbar. Ich habe deshalb das Gefühl, dass sich viele Unternehmen auf die Bedrohungslage fokussieren und die Vorteile des neuen Arbeitens gering schätzen.

Nehmen wir die Automobilbranche: Wo liegen für die dort tätigen Ingenieure die größten Vorteile ihres Modells, so dass sie Vorbehalte abbauen können?

Dort lassen sich durch die neuen, erst durch die Cloud ermöglichten Technologien wie Big-Data-Analyse und die skalierbare Rechenleistung die aktuellen Probleme lösen. Für die Autoingenieure ist doch die größte Herausforderung, dass sie für das Erschaffen eines neuen Modells 48 Monate benötigen. Sie müssen die anspruchsvolle Frage lösen, welches Auto die Kunden wohl in vier Jahren kaufen werden. Wenn ich diesen Zyklus durch die Cloud massiv verkürzen, die Zahl der Fehler durch Big-Data-Analyse minimieren und wenn ich besser vorhersagen kann, welche Komponenten fehlschlagen werden, dann sind das gewaltige Vorteile. Unsere Kunden bauen reale Produkte für die reale Welt, und wir geben ihnen dafür Werkzeuge, so dass sie diese Produkte besser verstehen, bevor sie diese tatsächlich bauen.

Das ist aber doch das Zusammenspiel der Cloud mit Big-Data-Analyse, wie kommen Sie da ins Spiel?

Nehmen Sie mal an, dass ein Ingenieur in der Fertigungsindustrie mittels Big-Data-Analyse herausgefunden hat, dass ein Lager höchstwahrscheinlich nicht die erforderliche Haltbarkeit mitbringen wird. Dann muss er die nächste Variante ausgiebig testen, und das ist unsere Aufgabe. Die ganzen vorhersagenden Big-Data-Analysen sind wirklich klasse, aber am Ende muss auch jemand kommen und das Ganze umsetzen. Hier sind wir dann gefordert.

Wenn sich also so viel ändern muss und ändern wird: Wie wird denn Ihrer Meinung nach das Engineering in fünf Jahren aussehen?

Es wird wie bei allen neuen Technologien und deren Akzeptanz sein: Am Anfang gibt es große Widerstände und dann, eines Tages, wachst du auf und alles ist anders. In fünf Jahren werden die Ingenieure ausschließlich noch Software nutzen, die sich ganz schnell und einfach implementieren lässt, die ich ebenso einfach gemeinsam mit meinen Zulieferern nutzen und in meine gesamte Versorgungskette einbinden kann. Dann werden die Ingenieure auch zu jeder Zeit an jedem Ort auf die notwendige Information zugreifen können. Und es braucht dann beispielsweise auch keine kleine Armee, drei Jahre Zeit und 100 Mio. $, um beispielsweise eine Software für das Product-Lifecycle-Management einzuführen. SVEN HANSEL

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