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Montag, 22. Januar 2018

Biotechnologie

„Es muss nicht immer gleich eine Übernahme sein“

Von Bettina Reckter | 9. Oktober 2015 | Ausgabe 41

Kooperationen zwischen Pharma- und Biotech-Unternehmen seien nützlich und würden immer wichtiger, um den Erfolg zu sichern, sagt Erich Mayer. Doch Fusionen und Übernahmen müssten auch systematisch und professionell angegangen werden, fordert der Pharma-Experte bei der Managementberatung Atreus gegenüber den VDI nachrichten.

bio BU
Foto: Atreus

Pharma meets Biotech: Kooperation zum gegenseitigen Nutzen empfiehlt Branchenexperte Erich Mayer vom Münchner Beratungsunternehmen Atreus.

VDI nachrichten: Herr Mayer, es sieht so aus, als könne die Pharmabranche nach schwierigen Jahren wieder kräftige Umsatzzuwächse verbuchen. Eitel Sonnenschein in der Branche?

Erich Mayer: Ja und nein. So erfolgreich die großen Pharmakonzerne derzeit sind – ihre Stärken sind zugleich oft auch ihre Schwächen. Kultur und Denkweise bei „Big Pharma“ stehen einem effizienten und nachhaltigen Innovationsprozess teilweise entgegen. So belohnen interne Anreizsysteme hohe Wirksamkeit oder ein günstiges Nebenwirkungsprofil oft nicht so stark wie z. B. die Anzahl der Wirkstoffkandidaten in frühen Entwicklungsstadien.

Erich Mayer

Wie äußert sich das?

Viele Produktportfolios sind überaltert, die Pipelines teilweise leer. Nur wenige der großen Pharmakonzerne erzielen mehr als 10 % ihres Umsatzes mit Produkten, die weniger als fünf Jahre auf dem Markt sind. Trotz steigender Aufwendungen für Forschung und Entwicklung geht die Anzahl neuer Präparate zurück. Zudem verliert die globale Pharmaindustrie Jahr für Jahr Milliardenumsätze durch Patentausläufe, bis 2020 sind insgesamt Umsätze in Höhe von 214 Mrd. $ gefährdet. Besonders hart trifft das die Hersteller von Blockbuster-Medikamenten.

Der Trend zur Größe dürfte sich aber noch verstärken – oder? In den vergangenen Monaten gab es ja eine wahre Fusionswelle im Pharmamarkt ...

… die noch lange nicht beendet sein dürfte. Die Branche befindet sich auf Konsolidierungskurs – ganz im Sinne der Merger-Endgame-Theorie von A.T. Kearney. Demnach befindet sich die Pharmaindustrie in der zweiten Phase, die geprägt ist vom Streben nach Größe und globaler Präsenz, um Skaleneffekte zu erreichen. Dieses Wachstum wird vor allem durch Fusionen und Übernahmen erreicht. Man muss daher kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass sich der Markt in vier oder fünf Jahrzehnten auf kaum mehr als drei große Spieler reduziert haben dürfte. In der Generikabranche sehen wir diese Tendenz schon heute. Das ist ein Versuch der großen Spieler, Innovation zuzukaufen und sich den Zugang zu neuen Medikamenten zu sichern. Das funktioniert nicht immer.

Was können die Pharmakonzerne tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Eine Möglichkeit dazu sind Kooperationen zwischen Pharma- und jungen Biotech-Unternehmen – denn beide Seiten haben ihre Stärken. Pharmakonzerne verfügen über die Kraft, eine Pipeline zur Reife und ein Produkt auf den Markt zu bringen. Biotech hingegen hat die Innovationskraft, das Know-how, die Effizienz und die Technologien, um neuartige Wirkstoffe zu entwickeln. Die Lösung für beide Seiten liegt für mich auf der Hand: Kooperation!

Wie könnten solche Kooperationen aussehen?

Je nach Ziel sind hier verschiedene Formen möglich. Häufig zu beobachten sind zum Beispiel verschiedene Arten der F&E-Kooperation, über die Forschung oder spezielle Aufträge finanziert werden oder beide Seiten gemeinsam ein Produkt entwickeln. Auf Vertriebs- und Vermarktungsseite sind Lizenzierungsmodelle oder Marketingallianzen denkbar. Möglich sind aber auch Joint Ventures, wobei der Zweck hier im Ausland oft darin besteht, dass seitens des Staates ein Zwang zur Beteiligung regionaler Partnerunternehmen herrscht, sofern ausländische Unternehmen dort direkt investieren.

Aber auch Fusionen und Übernahmen sind häufig zu beobachten.

Ja. In der Regel tritt hier das Pharmaunternehmen als Käufer auf. Biotech-Firmen befinden sich oft in Händen von Wagniskapitalgebern, die zu einem gewissen Zeitpunkt wieder aussteigen möchten – entweder weil sie die weitere Entwicklung nicht finanzieren wollen, das Unternehmen die Erwartungen nicht erfüllt oder von Anfang an ein Exit geplant war. Doch es muss nicht immer gleich eine Fusion oder Übernahme sein. Oft ist das auch nicht die beste Lösung. Die Mehrzahl der Übernahmen bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Woran liegt das?

Oft an kulturellen Unterschieden, an Kommunikationsmängeln oder weil es die Beteiligten schlicht zu eilig hatten. Der Prozess bedeutet für beide Seiten ein Risiko. Aufseiten der Biotech-Branche besteht es darin, dass der Käufer nur an der Technologie interessiert ist oder wichtige Manager nach der Transaktion ausgetauscht werden. Für den übernehmenden Pharmakonzern besteht das Hauptrisiko im Verlust der Innovationskraft des übernommenen Biotech-Unternehmens – und genau die ist ja häufig der Anlass für den Kauf. Oft verlassen Schlüsselpersonen kurz darauf das Unternehmen oder gehen in die innere Kündigung.

Und wie lautet angesichts dieser Risiken dann Ihr Rat an die Entscheider?

Kooperationen zwischen Pharma und Biotech sind nützlich und werden immer wichtiger, um den Erfolg zu sichern. Doch vor allem Fusionen und Übernahmen müssen systematisch und professionell angegangen werden. Hier lohnt es sich durchaus, das Know-how eines erfahrenen Experten ins Unternehmen zu holen. Dieser Experte kennt die Chancen und Fallstricke bereits aus eigener praktischer Erfahrung und kann auch entscheiden, ob eine andere Form der Kooperation nicht besser wäre.

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