Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Donnerstag, 21. März 2019

Automobilelektronik

Ethernet erobert die Automobilbranche

Von Christoph Hammerschmidt | 4. Mai 2012 | Ausgabe 18

Navigation, Fahrerassistenzsysteme, Internetverbindung und Zugriff auf die Daten-Cloud – in den Autos heutiger Tage wird Elektronik und Informationstechnik immer mehr zum dominierenden Faktor. Die wachsenden Datenmengen, die zwischen den Systemen hinter dem Armaturenbrett hin und her geschaufelt werden, verlangen nach immer leistungsfähigeren Datenverbindungen. Die Entwickler orientieren sich dabei zunehmend an den Standards, die auch die IT-Welt außerhalb des Autos dominieren.

Längst geht es bei der Nutzung des Benzinesels nicht mehr nur darum, von Punkt A nach Punkt B zu gelangen Fahrer und Insassen wollen auf ihrer Fahrt mittlerweile auch jenen Komfort genießen, der ihnen im heimischen Wohnzimmer zur Verfügung steht.

Das Ergebnis dieses Wunsches schlägt sich in fast jeder Mittelkonsole heutiger Fahrzeuge nieder – die Welt der Multimedia-Elektronik findet sich in konzentrierter Form in den Autos. Das reicht von der Stereoanlage mit USB-Anschluss über DVD- und Blu-ray-Abspieler bis zu Videobildschirmen für die Rückbankpassagiere.

Ergänzt wird diese Phalanx durch breitbandige Internetanbindung per Smartphone, Navigationssystem mit 3-D-Darstellung und Echtzeit-Empfang für Verkehrsmeldungen sowie durch die Anbindung des Autos an Werkstatt-Server zwecks automatischer Verabredung zum Servicetermin. Bereits auf dieser Ebene fallen erhebliche Datenmengen an, die von System zu System weitergereicht werden und damit leistungsfähige Verbindungen benötigen.

Auch auf der Ebene der "eigentlichen" Fahrzeugsysteme, der Assistenzsysteme und Steuerungen, wird der Kommunikationsbedarf immer größer. Die Erkennung von Verkehrszeichen per Videokamera ist bereits Realität künftige Generationen von Assistenten werden mithilfe solcher "Augen" Fahrstreifenbegrenzungen ebenso erkennen wie andere Autos.

Bis zu vier Kameras im Auto leiten ihre Signale an einen Rechner weiter, der daraus die nötigen Schlüsse zieht und seine Erkenntnisse an andere Assis weiterreicht. Vor allem diese Videoanwendungen lassen den Datenstrom im Auto massiv anschwellen.

Auf der Suche nach einer geeigneten Vernetzungstechnik für die Fahrzeuge wird die Zulieferindustrie bei der Büro-IT fündig. Das vom Bürocomputer bekannte Ethernet, in den mehr als 30 Jahren seit seiner Einführung zum De-facto-Standard herangereift, wird zunehmend auch für die Auto-Elektroniker interessant.

Bisher galt die Technik als nicht autogerecht: Die elektromagnetische "Atmosphäre" unter der Motorhaube erfordert besonders gestählte Leitungstechniken und Kommunikationsverfahren, um die Daten sicher an Zündfunken und Magnetfeldern vorbei zum Empfänger zu lotsen. Als jedoch im Herbst vergangenen Jahres das US-Unternehmen Broadcom gemeinsam mit den Autoherstellern BMW und Hyundai ein sicheres und preiswertes Übertragungsverfahren entwickelte, war der Knoten geplatzt.

Das Broadcom-Verfahren garantiert die gleiche Übertragungssicherheit und Bandbreite von 100 Mbit/s, wie sie für Büroverkabelungen üblich ist, und begnügt sich dabei mit einer einfachen und vor allem billigen verdrillten Zweidraht-Verkabelung.

Mit einem strategischen Schachzug brachte Broadcom die Zulieferbranche auf seine Seite: Das Unternehmen tat sich mit dem Chiphersteller Freescale, dem Autozulieferer Continental und dem Infotainment-Spezialisten Harman zusammen, um seine Technik als offenen Standard zu positionieren.

"Bei der Vernetzung von Fahrzeugen ist Ethernet die Technologie der Zukunft. Sie erlaubt eine Harmonisierung der Elektronik im Fahrzeug mit der Welt der Consumer-Elektronik ohne Abstriche bei der Sicherheit", erklärte Continental-Vorstandsmitglied Helmut Matschi auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas. Die Beteiligung weiterer Branchenschwergewichte wie Bosch und Chiphersteller NXP haben der Ethernet-Bewegung mittlerweile weiteren Schwung verliehen.

Ganz kampflos wollen die bisherigen Anbieter von Breitband-Fahrzeugvernetzungen den lukrativen Markt aber nicht aufgeben. Betroffen ist vor allem die Most-Cooperation, ein loser Zusammenschluss von Zulieferern. An der Gründung der Most-Gruppe waren pikanterweise neben Daimler und Audi auch einige Unternehmen beteiligt, die jetzt im Ethernet-Boot sitzen, darunter BMW und Harman.

Most (Media Oriented Systems Transport) unterscheidet sich vom Industriestandard vor allem durch die Verwendung von Koaxial- und Glasfaserleitungen, die eine nahezu absolute Störsicherheit garantieren.

Dem Trend zu Industriestandards wollen sich die Most-Jünger keineswegs verschließen: Die jüngste Version der Most-Technik, die demnächst im neuen Audi A3 in Serie geht, unterstützt das Ethernet-Protokoll gewissermaßen im Huckepack-Verfahren. Die Most-Verfechter unter Führung des Chipherstellers SMSC verweisen auf Studien, die ihrem Verfahren sogar bessere Übertragungseigenschaften zuerkennen. "Bei Most gibt es im Gegensatz zu Ethernet keine Paketierungs- und Arbitrierungsverluste, dadurch können wir die Bandbreite besser nutzen", sagt Harald Schoepp, Marketingleiter Automotive von SMSC.

Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Ethernet seinen im Büro begonnenen Siegeszug auch im Auto fortsetzen wird. Continental hat eine Roadmap veröffentlicht, der zufolge bis 2015 die ersten Ethernet-Anwendungen auf die Straße kommen werden – zunächst bei Multi-Kamerasystemen, radargestützten Assistenzsystemen und im Infotainment bis 2020 soll Ethernet in allen Domänen des Autos heimisch werden. Die Autobranche reizt dabei vor allem der Umstand, dass sie damit an der Dynamik des IT-Markts teilhaben können. Zudem gibt es ein ganz profanes Argument für Ethernet: Es kommt billiger – Studien sprechen von einem Einsparungspotenzial von 15 % bis 20 %.

  CHRISTOPH HAMMERSCHMIDT