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Dienstag, 23. Januar 2018

Medizintechnik

Fährtenleser im Kampf gegen den Krebs

Von Klaus Jopp | 5. Februar 2016 | Ausgabe 05

In Hamburg befindet sich die weltweit größte Gewebe- und Datenbank zur Unterstützung der Krebsforschung. Sie hilft bei der Entwicklung neuer Diagnostika und Therapien. Dennoch sind auf dem Weg zur personalisierten Medizin noch gewaltige Hürden zu nehmen.

BU Krebs
Foto: PantherMedia/vitanovski

Im Fadenkreuz: Krebszellen sind so einzigartig wie die Patienten, die daran erkranken. Entsprechend personalisiert müssen Diagnose und Behandlung konzipiert werden.

„Immer noch werden 95 % der Krebspatienten nur mit einer Chemotherapie behandelt, allenfalls ergänzt durch eine Bestrahlung“, klagt Hartmut Juhl. Der geschäftsführende Gesellschafter der Indivumed GmbH und der IndivuTest GmbH in Hamburg arbeitet seit Jahren an der Etablierung individueller Therapien in der Onkologie.

Indivumed unterhält inzwischen die weltweit größte Tumorgewebebank und Datenbank zur Unterstützung der Krebsforschung sowie der Entwicklung neuer Diagnostika und Therapien in diesem Gebiet. Doch trotz der Erfolge ist der Weg zur personalisierten Medizin noch weit.

Jeder Tumor ist zellbiologisch einzigartig, jeder Patient benötigt daher eine individuell angepasste Therapie. Bezüglich der zellulären Grundlagen sind alle Krebsformen vermutlich so einmalig wie ein Fingerabdruck. Doch das Problem beginnt bereits in der Gewebeanalytik, denn nach der Entnahme verändert sich das zellbiologische Muster im Tumor.

„Deshalb lassen sich 90 % der Forschungsdaten im Krebsbereich nicht reproduzieren. Gut prozessiertes Gewebe ist aber die Grundlage für jede individuelle Krebstherapie“, betont Fachmann Juhl.

Aus diesem Grund erfüllen die Hamburger Krebsforscher zwei Voraussetzungen, die üblicherweise nicht gegeben sind: Zum einen werden Tumorgewebeproben in standardisierter Weise gewonnen, umgehend in flüssigem Stickstoff bei -180 °C tiefgefroren und bis zur Durchführung der Analytik kontrolliert gelagert – gegebenenfalls auch über längere Zeit. Zum anderen basieren die Untersuchungsverfahren z. T. auf aufwendigen und komplexen Verfahren, die sonst normalerweise nur im Forschungsbereich akademischer und industrieller Einrichtungen angewandt werden und in einem klinischen Routinelabor nur selten zur Verfügung stehen.

IndivuTest kombiniert drei Methoden, um sich ein Bild von der individuellen Tumorbiologie sowie von möglichen Angriffspunkten zu machen. Dabei werden das Next-Generation-Sequencing zur Sequenzierung der Tumor-DNA, die Immunhistochemie zum Nachweis therapierelevanter Angriffspunkte mithilfe automatisierter Gewebefärbeverfahren sowie die Phosphoprotein-Analytik eingesetzt, mit der sich die Aktivität von Eiweißmolekülen erkennen lässt, die für die Regulation des Krebszellwachstums von Bedeutung sind. In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Medikamente entwickelt worden, die gezielt bestimmte Eigenschaften von Krebszellen angreifen.

Die Kombination der drei Verfahren gibt einen therapeutisch nutzbaren Überblick über die Tumorbiologie der Krebszelle. Dadurch wird es möglich, nach Medikamenten zu suchen, die für eine spezielle Krebserkrankung normalerweise nicht in Erwägung gezogen werden. „Wir haben bereits mehr als 50 zugelassene onkologische Präparate, über 800 Wirkstoffe sind in der Pipeline der Pharmazie. In zwei Jahren könnten 300 davon schon in der Anwendung sein“, erklärt Juhl.

Trotz dieser grundsätzlich positiven Ausgangslage bleiben die Widerstände aber hoch – obwohl die heute immer noch überwiegend eingesetzte Chemotherapie eine Entwicklung aus dem Ersten Weltkrieg und damit eigentlich längst überholt ist. Bei der Behandlung von Senfgas-Opfern wurden die ersten Zytostatika entwickelt. Das gilt ebenso für die Zulassungsverfahren der heute noch verwendeten Medikamente, die auf entsprechenden Entwicklungen basieren, die vor über 50 Jahren stattgefunden haben.

Die zweite Hürde besteht darin, dass die differenzierte Zellbiologie heute zwar für die Medikamentenentwicklung eingesetzt wird, aber die hier gewonnenen Erkenntnisse für eine spätere klinische Anwendung kaum genutzt werden. Die Hersteller von Medikamenten benötigen eine breite Anwendung oder viele Wirkstoffe, um in Forschung und Entwicklung profitabel zu sein.

Ein besonders gravierendes Hindernis ist die Kostenerstattung, die dramatisch dem stark gestiegenen Erkenntnisgewinn hinterherhinkt. So verdoppelt sich das Wissen in der Krebsforschung jedes Jahr, die Kostenerstattung eines neuen Tests oder Medikamentes in der Krebstherapie benötigt dagegen zehn Jahre.

„Krebs ist eine zelluläre Erkrankung, dennoch werden Präparate für Organe zugelassen – eigentlich ist das Unsinn“, argumentiert Juhl. Immerhin hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA als erste Institution dieser Art den zellulären Ansatz bestätigt – ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Doch die Hürden sind nicht nur administrativer Art – auch bei den Ärzten und beim Personal in den Kliniken herrscht eine natürliche Skepsis gegenüber Forschungsdaten. Neue Erkenntnisse werden häufig als Störung der Routine empfunden, gerade wenn innovative Verfahren erklärungsbedürftig sind.

Auch das Besitzstandsdenken ist ein Problem. Dennoch lassen sich Juhl und sein Team von mittlerweile 90 Mitarbeitern nicht beirren: Indivumed will seine Sammlung von derzeit 20 000 Biodaten von Patienten auf weltweit über 150 000 deutlich ausbauen.

Zuversichtlich macht die Hanseaten, dass alle Parteien in ihren Kerninteressen von einer individualisierten Krebstherapie profitieren – von höheren Forschungsmitteln der Akademia über geringere Entwicklungskosten für die Pharmaindustrie und kürzeren Behandlungszeiten in den Kliniken bis hin zu den Patienten, die größere Heilungschancen haben. „Und deshalb wird sich diese Therapieform durchsetzen – allen Hürden und Bedenken zum Trotz“, ist Juhl sich sicher. 

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