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Dienstag, 23. Januar 2018

Energiewirtschaft

Gasnetz Hoffnungsträger für Energiewende

Von R. Donnerbauer | 18. November 2011 | Ausgabe 46

Nach der jüngsten Energiewende setzt die Gasbranche neue Hoffnungen auf eine Renaissance des fossilen Energieträgers. Spielte Erdgas im Energiekonzept der Bundesregierung kaum noch eine Rolle, so sieht die Branche nach der Neubewertung der Kernenergie das Gas nunmehr als Schlüsseltechnologie zur Erschließung erneuerbarer Energien schlechthin.

Die Gasbranche durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Wurde das Erdgas im Energiekonzept der Bundesregierung 2010 doch ziemlich links liegen gelassen, so hofft man nun auf eine Renaissance.

Noch Anfang dieses Jahres galt Erdgas in der Wahrnehmung von Politik und Öffentlichkeit als Auslaufmodell, konstatierte denn auch Ewald Woste, Präsident des BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft) und Vorstandsvorsitzender der Thüga, anlässlich der 50. gat (Gasfachliche Aussprachetagung) in Hamburg. "Die Neubewertung der Kernenergie nach Fukushima und der damit verbundene energiepolitische Richtungswechsel haben vieles verändert."

"Heute wissen wir: Wer eine schnelle Integration der erneuerbaren Energien in das Energiesystem will, kommt an Gas nicht vorbei", ergänzte Matthias Krause, Präsident des DVGW (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches). "Gas ist mehr als eine Brückentechnologie, Gas ist der Schlüssel zur Welt der erneuerbaren Energien."

Denn entscheidend für die erfolgreiche Integration erneuerbarer Energien sei der Aufbau von Speichertechnologien. "Wir haben die Möglichkeit, aus überschüssigem regenerativ erzeugten Strom durch die Elektrolyse Wasserstoff zu produzieren und diesen direkt in das Gasnetz einzuspeisen. Wir können Wasserstoff dann bis zur aktuell definierten Grenze von 5 % dem Erdgas zumischen." Die Branche spricht hierbei von "Power to Gas".

Der Wirkungsgrad der Elektrolyse liege bei 80 % bis 85 %. Und im Gegensatz zum Stromnetz könne die Gasinfrastruktur insbesondere wegen der Untergrundspeicher "atmen" und zusätzliche Mengen problemlos abpuffern, unterstrich Krause. Die Rückumwandlung in Strom könne dann über effiziente Kraft-Wärme-Kopplung erfolgen – aber in stromgeführter Fahrweise mit entkoppelter Wärmenutzung.

Als Teil eines Smart Grid wirkten diese Anlagen so stabilisierend auf das Stromnetz. Beim Einsatz der Brennstoffzellentechnik mit elektrischen Wirkungsgraden von bis zu 60 % könne die dezentrale Stromerzeugung durchaus mit dem besten Referenzsystem der zentralen Stromerzeugung, einem Gas- und Dampfturbinenkraftwerk, konkurrieren.

Nördlich der Elbe seien bereits 4000 MW an erneuerbaren Energien – vor allem Windkraft- und Photovoltaik-anlagen – installiert, liefert Matthias Boxberger ein Beispiel aus der Praxis. Diese Zahl soll noch verdoppelt bis verdreifacht werden, weiß der Vorstand Netz bei E.on Hanse. "Aber schon heute finden Abschaltungen von Windkraftanlagen statt, weil die Netzkapazität heute und absehbar nicht ausreicht. Wir fahren also mit großer Geschwindigkeit in einen Stau hinein."

Dies birgt Kosten für den Verbraucher. Denn Einschränkungen durch Netzkapazitäten müssen z. B. den Betreibern von Windparks erstattet werden. Boxberger bezeichnet "Power to Gas" denn auch als elektrisches Park-and-ride-System. "Allein wir könnten über 200 Mio. m3 Wasserstoff ins bestehende Gasnetz ohne jede Konditionierungsvoraussetzungen beimischen. Dies entspricht einem Äquivalent von 250 Windkraftanlagen."

"Die Option, aus Strom Wasserstoff herzustellen und ihn durch Methanisierung mit CO2 zu einem klimafreundlichen Gas zu verarbeiten, gibt den Gasnetzen eine neue Bedeutung in der Klimadiskussion", bekräftigte Hans-Jakob Tiessen, Vorstandschef der E.on Hanse. "Die Speicherkapazität des Erdgasnetzes einschließlich der Untergrundspeicher in Deutschland beträgt über 200 TWh, das entspricht Deutschlands Strombedarf für vier Monate."

Weltweit werde sich der Energiebedarf bis 2050 verdoppeln, berichtet Datuk Abdul Rahim Hashim, Präsident der IGU (Internationale Gas Union) auf der gat 2011. Fossile Brennstoffe (Kohle, Öl und Gas) werden auch dann noch mit 70 % bis 80 % zur Bedarfsdeckung beitragen. "Das System ist nicht nachhaltig", so Hashim, doch sei Gas Brennstoff der Wahl. "Die Bedeutung wird derzeit neu bewertet." In der Branche spricht man gar schon vom "goldenen Zeitalter des Erdgases".

"Erdgas wird weltweit in den nächsten Jahrzehnten der am schnellsten wachsende fossile Energieträger sein", erklärte Uwe Franke, Vorstandsvorsitzender von BP Europa. "Im Jahr 2030 werden Öl, Gas und Kohle jeweils mit rund 27 % zur Deckung des Welt-Primärenergieverbrauchs beitragen." Der am stärksten wachsende Verbrauchssektor für Gas ist in Zukunft der Strombereich mit 2,6 % jährlich. OECD-weit werde Gas die Kohle in der Stromerzeugung verdrängen und seinen Anteil unter den fossilen Brennstoffen zur Stromerzeugung steigern – in Europa sogar von 42 % im Jahr 2010 auf 65 % im Jahr 2030.

In der Stromerzeugung werden hierzulande denn auch besondere Zukunftschancen für Erdgas gesehen. "Wir haben uns entschieden, ich halte es auch für richtig, sehr schnell aus der Nutzung der Kernkraft auszusteigen", hob Woste hervor. Dies werde der Nutzung von Erdgas neue zusätzliche Impulse verleihen. Zudem steige mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien der Bedarf an Reservekraftwerken.

Doch wo bleiben die vielen neuen Gaskraftwerke? Dies fragte auch Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur. Dauert es doch rund fünf Jahre von der Entscheidung bis zum fertigen Kraftwerk. So müssten besonders im Süden Deutschlands Kernkraftkapazitäten ersetzt werden. "Uns läuft die Zeit ein bisschen weg."

Für Investoren sei die Spannweite zwischen Strom- und Gaspreis wichtig, erörtert Woste. "Wir haben derzeit zu hohe Gaspreise und zu geringe Strompreise. Deshalb ist es derzeit unwirtschaftlich, solche Gaskraftwerke zu bauen und zu betreiben", erklärte er, warum Investoren in die Zukunftstechnologien nicht investieren wollen. R. DONNERBAUER

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