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Dienstag, 23. Januar 2018

Umwelt

Hälfte des Haus- und Sperrmülls wird Brennstoff

Von Holger Pauler | 25. Oktober 2013 | Ausgabe 43

Durch die Aufbereitung von Müll als Brennstoff in der Mechanisch-Biologischen Abfallbehandlungsanlage (MBA) schlagen die Stadtwerke Neumünster (SWN) zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie verwerten jährlich 200 000 t Rest- und sogar Sperrmüll und können so 20 000 Haushalte mit Fernwärme versorgen.

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"Das ist ca. ein Viertel des in Schleswig-Holstein anfallenden Haus- und Sperrmülls", schätzt Norbert Bruhn-Lobin, Geschäftsführer der MBA Neumünster, die Verwertungszahlen ein. Dabei sind die Kapazitäten noch längst nicht ausgelastet. Über 50 % des in der Region anfallenden Haus- und Sperrmülls können zu Brennstoff verarbeitet werden. Damit sei die MBA Neumünster bundesweit die effizienteste Anlage dieser Art.

Der größte Teil des daraus aufbereiteten Ersatzbrennstoffs wird in der ebenfalls zu den Stadtwerken Neumünster gehörenden Thermischen Ersatzbrennstoff-Verwertungsanlage (TEV) zur Energiegewinnung eingesetzt. Das Heizkraftwerk versorgt 20 000 Haushalte mit Fernwärme. Als Nebenprodukt entsteht Strom für den Energiemarkt.

Mehrschichtige Behandlung von Bioabfällen

"Seit Januar letzten Jahres arbeiten wir darüber hinaus enger mit den Stadtwerken Flensburg zusammen, die einen noch höheren Anschlussgrad an die Fernwärmeversorgung haben", erklärt Bruhn-Lobin gegenüber den VDI nachrichten. Das Konzept aus Abfallaufbereitung und energetischer Verwertung spart so rund 110 000 t CO2/Jahr.

"Die TEV in Neumünster ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch sinnvoll", findet auch Hans-Jörg Lüth, stellvertretender Vorsitzender des BUND in Schleswig-Holstein. Als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion im Rendsburger Kreistag und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Abfallwirtschaftsgesellschaft Rendsburg-Eckernförde hat er sich dafür eingesetzt, dass die Städte und Kreise in der Region gebietsübergreifend zusammenarbeiten. "So entstehen keine Überkapazitäten, wie man es von anderen Kommunen kennt", sagt Lüth.

Der Bürger bekomme dies positiv zu spüren, meint Lüth. In Neumünster kostet 1 t Müll etwa 90 €, in anderen Kommunen oft das Drei- bis Vierfache – was auch eine Konsequenz daraus ist, dass Müllverbrennungsanlagen (MVA) stets Festkosten von nahezu 100 % haben, unabhängig von ihrer Auslastung. Bei MBAs seien die Kosten flexibler.

Es braucht mehrere Schritte, bis Müll zum Brennstoff wird. Nach einer ersten Sichtkontrolle wird er zerkleinert und gesiebt. Während der gröbere, energiereiche Anteil in die angegliederte Brennstoffaufbereitungsanlage gelangt, wird der feinere Anteil biologisch behandelt. Dabei trocknet das Material, damit es weiter aufbereitet werden kann.

Die biologische Trocknung dauert etwa zwei Wochen. Dabei schrumpft die Menge um rund 30 %. Dann wird erneut gesiebt und nach Dichte sortiert, damit auch die letzten brennbaren Reste wie Folien, Stoff- und Papierfetzen ihren Weg in die Brennstoffaufbereitung finden. Zudem werden jährlich knapp 10 000 t Metall recycelt. Meist sind es eisenhaltige Metalle, von denen über Magnetabscheider rund 9000 t aussortiert werden. Die nicht magnetischen Leichtmetalle werden mithilfe von Wirbelstromabscheidern separiert.

Neben den vor Ort aussortierten energiereichen Anteilen des Restabfalls, die etwa 50 % ausmachen, werden hier auch Stoffe aus anderen MBAs verarbeitet, in denen es keine eigene Brennstoffaufbereitung gibt. Deponiert werden nur noch "inerte" Reststoffe wie Steine, Scherben und Sand, die nicht weiter abgebaut werden können. Auch die anfallende Schlacke landet auf einer Deponie.

"Seit 2009 lassen wir die Energieeffizienz von unabhängiger Stelle analysieren", erklärt Bruhn-Lobin. In die Berechnung fließt der Energieverbrauch der gesamten Anlagenkette ein, von der Abfallannahme bis zur Entsorgung der Kraftwerksrückstände einschließlich der innerbetrieblichen Transporte und der Transporte des Ersatzbrennstoffs sowie weiterer aussortierter Stoffe, die an andere Anlagen weitergegeben werden.

Das Benchmarking der Anlagen wird von der Arbeitsgemeinschaft Stoffspezifische Abfallbehandlung (ASA) durchgeführt. Die ASA ist ein Zusammenschluss von Anlagenbetreibern, die die Auffassung vertreten, dass eine ökonomische und ökologische Abfallbehandlung auf Dauer nur durch stoffspezifische Prozesse gewährleistet werden kann. Etwa die Hälfte aller MBAs ist dort organisiert. Das Ingenieurbüro für Abfallwirtschaft und Energietechnik (IBA) untersucht einmal im Jahr die Energieeffizienz und Klimarelevanz der Anlagen und stellt die Zertifizierungen aus.

Für das Bezugsjahr 2012 sei nach VDI Richtlinie 3460/2 laut Angaben der ASA ein Netto-Primärwirkungsgrad von 52,4 % ermittelt worden. Das bedeutet, dass 52,4 % des Energiegehalts der Restmülltonne in Form von Fernwärme und Strom beim Verbraucher wieder ankommen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Verbraucher Fernwärmekunden der Stadtwerke Neumünster oder der Stadtwerke Flensburg sind. Mit dem Wert liegen die Stadtwerke Neumünster bundesweit an der Spitze.

Dennoch gibt es Optimierungspotenzial. "Auf Dauer können wir uns das Duale System aus öffentlicher und privater Abfallentsorgung nicht leisten", meint Bruhn-Lobin. Die Kosten, die das System bereitet, seien dreimal höher als die fürs Restmüllsystem. Allein der Aufwand beim Sortieren des Inhalts der gelben Säcke und Tonnen übersteige den Nutzen.

"Viel effizienter ist es, den Müll vor Ort mechanisch in den Anlagen zu sortieren", so Bruhn-Lobin weiter. Abhilfe könnte das Wertstoffgesetz schaffen, dessen Einführung allerdings wegen der Bundestagswahl verschoben wurde. HOLGER PAULER

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