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Samstag, 17. Februar 2018

Messe Productronica

Halbleiterhersteller setzen auf Industrie 4.0

Von Jens D. Billerbeck | 22. November 2013 | Ausgabe 47

In Deutschland bleiben Automobil- und Industrieelektronik die wichtigsten Wachstumstreiber für den Absatz elektronischer Bauelemente. Rund 60 % davon sind Halbleiter. Die Chips machen viele Produkte intelligenter, und sie sollen – Stichwort: Industrie 4.0 – auch neue Chancen für deren wettbewerbsfähige Fertigung in Deutschland schaffen.

Automobilelektronik
Foto: Messe München

Die Automobilelektronik spielte auch auf der Fachmesse Productronica eine Rolle. Am Beispiel großer Bau- und Spezialfahrzeuge wurden Fertigungstechnologien für robuste, elektronische Komponenten dargestellt. Rund 44 % der in Deutschland verkauften elektronischen Bauelemente gehen in das Segment der Fahrzeugelektronik.

"Langweilig" – allerdings in positivem Sinne – empfand Kurt Sievers, Vorsitzender des Fachverbandes Electronic Components and Systems im ZVEI das zu Ende gehende Jahr aus der Sicht seiner Branche. Und damit meinte er, dass sich das Jahr 2013 ziemlich genau so entwickelt habe, wie es der Verband Ende 2012 prognostiziert hatte.

Kurt Sievers
Foto: ZVEI

„Halbleiter und elektronische Bauelemente sind von fundamentaler Bedeutung für die deutsche Industrie. So werden z.B. 90 % der Innovationen im Automobil von der Elektronik getrieben!“ Kurt Sievers, Vorsitzender des Fachverbandes Electronic Components and Systems im ZVEI.

Auf der Münchener Fachmesse für die Elektronikfertigung Productronica (12. - 15. November) präsentierte Sievers die Marktzahlen seines Verbandes. Der deutsche Markt für elektronische Komponenten wird in diesem Jahr um 2,7 % auf gut 17 Mrd. € anwachsen. Für Sievers ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Schwächephase der deutschen Wirtschaft als Folge der Staatsschuldenkrise im Euroraum sowie der konjunkturellen Abschwächung der Weltwirtschaft damit zum großen Teil überwunden sein dürfte. Für das kommende Jahr rechnen Sievers und sein Verband deshalb mit 3,4 % Wachstum auf einen Umsatz von dann 17,6 Mrd. €.

Den Löwenanteil von rund 60 % (10,2 Mrd. €) an diesem Markt halten die Halbleiterbauelemente, die mit 3,9 % in 2013 stärker wuchsen, als der Gesamtmarkt. Elektromechanische Bauelemente (3 Mrd. €), passive Bauelemente (1,76 Mrd. €), Leiterplatten (1,37 Mrd. €) und Schichtschaltungen (0,6 Mrd. €) teilen sich den Rest des Kuchens.

Wie schon in den vergangenen Jahren war es vor allem die Automobilelektronik, die mit 44 % den größten Teil dieser Komponenten abgenommen hat. Für Sievers ein stabiler Trend, der sich noch verstärken könne, wenn die Erholung im Euroraum sich stabilisiere und so auch der europäische Automobilmarkt wieder an Fahrt gewinne. Dann könne sogar die prognostizierte Wachstumsmarke von 3,5 % für 2014 in diesem Segment übertroffen werden.

Hohe Dynamik erkennt Sievers derzeit auch im Segment der Industrieelektronik mit 26 % Anteil am deutschen Bauelementemarkt. In 2012 habe dieses Segment überraschend schlecht abgeschnitten, konnte aber mit einem Plus von 4,3 % in 2013 deutlich zulegen. Ursächlich für die rasche Erholung war laut Sievers das starke Anziehen des klassischen Maschinenbaus. Auch der Bereich der regenerativen Energien scheint nach Meinung des Verbandes seine rückläufige Entwicklung überwunden zu haben. Sievers erwartet daher für 2014 ein Plus von 4,8 %, was deutlich über dem Marktdurchschnitt liegt. "Die Dynamik der Industrieelektronik könnte sogar die der Automobilelektronik übertreffen", meinte er – was gut für Deutschland und für Europa wäre.

Grafik elektronische Bauelemente
Foto: VDI nachrichten

In Deutschland ist die Automobilelektronik größter Abnehmer für elektronische Bauelemente. Doch auch die industrielle Elektronik – Stichwort: Industrie 4.0 – legt derzeit solide zu. Die Datentechnik folgt auf Platz drei, Telekommunikation und Konsumelektronik spielen im deutschen Markt nur noch untergeordnete Rollen.

Denn vor allem die Halbleiterbauelemente seien – z. B. als Sensoren oder RFID-Label – die treibenden Kräfte des Trends hin zur Industrie 4.0, sagte Sievers in seiner Funktion als Topmanager des Halbleiterherstellers NXP auf dem traditionellen CEO-Roundtable der Messe. Dieses widmete sich den evolutionären wie revolutionären Aspekten von Industrie 4.0 und beleuchtete verschiedene Aspekte einer umfassend vernetzten Produktion.

Gerade die Fortschritte der Mikroelektronik machen die Entwicklung zur Industrie 4.0 fast zwangsläufig, ist Gerd Hoppe von Beckhoff Automation überzeugt. "Moores Law gilt immer noch. Das heißt, bis 2020 wird sich die Rechenleistung der Computer um den Faktor 32 erhöhen." Diese Rechenleistung sinnvoll einzusetzen, sieht er als wichtigste Aufgabe der Industrie. Ziel müsse eine effiziente, ressourcenschonende Fertigung ohne schädliche Emissionen und Abfall sein. So könne man die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Fertigungsindustrie erhalten und steigern, aber auch Menschen in Entwicklungsländern Chancen geben, ihren Lebensstandard zu verbessern. Deswegen lautete sein Credo zu Industrie 4.0 auch sehr eindeutig: "Ist es nötig? Ja. Können wir es? Ja. Macht es Spaß? Ja!"

Industrie 4.0, so die einhellige Meinung auf dem Podium, erlaubt eine schlankere, effizientere Fertigung immer kurzlebigerer Güter in stark individualisierter Ausprägung. Damit bietet sich für Wolfgang Wahlster, Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DKFI GmbH), auch die einmalige Chance, abgewanderte Fertigungsindustrien ins Land zurückzuholen. "Asien ist ein guter Standort für die Massenproduktion standardisierter Güter", sagte Wahlster. Aber eine hochgradig individualisierte Produktion könne dank Entwicklungen wie Industrie 4.0 oder dem 3-D-Druck sehr viel besser lokal bis hin in die Innenstädte angesiedelt werden. Stichwort "Urban Manufacturing". Das hätte auch noch den Vorteil, Transportkosten einzusparen.

Für Wahlster ist der eigentlich revolutionäre Ansatz an Industrie 4.0 eine "Umdrehung des Fertigungsvorgangs". Das zu fertigende Produkt sagt der Fabrik, wie es gebaut werden möchte. Als Beispiel brachte er eine fiktive Firma "My Müsli", bei der Kunden ihr persönliches Müsli aus 100 Bestandteilen selbst zusammenmischen können. Dieser Kundenauftrag sitze dann im Chip auf der Müslitüte und steuere die 100 Füllmaschinen, die jeweils einen Bestandteil des fertigen Müslis beisteuern. Nur ein Beispiel, das aber laut Wahlster vor allem eines zeigt: "Industrie 4.0 ist ein gutes Geschäft für die Elektronikindustrie."

Das hörte NXP-Manager Sievers gerne. Für ihn ist Industrie 4.0 eine spezielle Ausprägung des "Internets der Dinge", über das seit Jahren diskutiert wird. Während heute vor allem Menschen über ihre Endgeräte miteinander verbunden seien, werde es künftig 50 Mrd. bis 100 Mrd. Geräte geben, die selbständig miteinander kommunizieren. Und dafür benötigen sie vor allem eines: Sehr viele Chips.  JENS D. BILLERBECK

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