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Samstag, 17. Februar 2018

Automobilelektronik

Haptische Hilfe reduziert Unfallrisiko beim Surfen im Auto

Von H.W. Mayer | 22. November 2013 | Ausgabe 47

Multimedia und Kommunikationstechniken sorgen für immer mehr Ablenkung im Automobil. Ein neuartiges Touchpad soll jetzt die Störquellen für den Fahrer reduzieren.

Internet im Auto
Foto: Continental

Aufmerksamkeitskiller Internet: Tests von Conti zeigen, dass neue Touchpads die Ablenkung des Autofahrers minimieren.

Auto fahren und gleichzeitig im Internet surfen: für Unfallforscher eine Horrorvision, aber längst Alltag auf unseren Straßen. Laut einer Studie von Ford Deutschland telefonieren 47 % der deutschen Autofahrer unbekümmert mit dem Handy in der Hand und 21 % versenden und empfangen SMS beim Fahren. Grund genug für Ford, das "Vorlesen" von Nachrichten in den Mittelpunkt der Entwicklung seines Bediensystems "Sync" zu stellen.

Mit dem mobilen Internetzugang in immer mehr Neuwagen erreicht die Ablenkung des Fahrers eine neue Dimension. Zumal viele Autohersteller eine Soll-Empfehlung der EU-Kommission nonchalant ignorieren. Die hatte schon 2008 gefordert: "Das Surfen im Internet bei gleichzeitigem Führen des Fahrzeugs soll aufgrund der Ablenkungswirkung automatisch unterbunden werden."

Durch Ablenkung des Fahrers passiert nach Untersuchungen des Allianz-Zentrums für Technik (AZT) etwa jeder zehnte Verkehrsunfall, das sind allein in Deutschland mehr als 200 000 Unfälle pro Jahr. Laut Deutschem Verkehrssicherheitsrat (DVR) ist sogar bei jedem vierten schweren Unfall mit Personenschaden Unaufmerksamkeit im Spiel.

"Die aktive Nutzung des Internets während der Fahrt, auch mit Hilfsmitteln wie Sprachsteuerung, ist grob fahrlässig und beeinträchtigt in hohem Maße die Verkehrssicherheit", sagt Jörg Ahlgrimm, Leiter der Dekra-Unfallanalyse. "Durch den Blick aufs Display und gedankliche Ablenkung kann der Fahrer auf plötzliche Situationsveränderungen nicht mehr rechtzeitig reagieren. Ein striktes Verbot und intensive Überwachung sind daher unverzichtbar."

Da Strafandrohungen offenbar ziemlich nutzlos sind, machten sich die HMI-Experten (Human Machine Interface) des Automobilzulieferers Continental Gedanken um technische Problemlösungen. Sie entwickelten ein Touchpad mit aktiver haptischer Rückmeldung, mit dem sich das Bildschirmmenü der Infotainment-Systeme in der Mittelkonsole steuern lässt. Das Eingabegerät mit berührungssensitiver Oberfläche vermittelt dem Fahrer mit spürbaren Impulsen eine Rückmeldung jeder einzelnen Aktion, ähnlich wie eine Drucktaste.

Praktisch erprobt wurde die Innovation in der Universität Kassel. Dort mussten 32 Probanden im Fahrsimulator ein Spurwechselmanöver nach ISO-Norm 26022 ausführen und gleichzeitig mittels Touchpad Funktionen aus einem Bildschirmmenü aufrufen und aktivieren. Das Touchpad wurde im Greifraum der rechten Hand platziert und steuerte einen Bildschirm in der Mittelkonsole.

Diese Trennung von Bedienung und Bildschirm vermeidet die Hand-Auge-Koordination mit gestrecktem Arm beim Ansteuern des Menüs mit dem Finger. Stattdessen gleitet der Finger bei abgestütztem Handgelenk blind über das Touchpad. Auf dem Bildschirm werden die Felder dann optisch hervorgehoben.

Drückt der Fahrer bei ausgewähltem Menüfeld mit einer definierten Kraft auf das Touchpad, bestätigt es die Eingabe mit einem aktiven Impuls. "Eine versehentliche Betätigung ist bei diesem Verfahren nahezu ausgeschlossen", sagt Andreas Brüninghaus, Leiter Konzeptentwicklung haptische Bedienelemente bei Continental.

Die Tests in Kassel bewiesen die Vorteile des neuen Systems. Bei eingeschalteter Haptik ging die Blickabwendung des Fahrers vom Verkehrsgeschehen durchschnittlich um 23 % zurück. Die gestellten Bedienaufgaben wurden im Mittel um 33 % schneller erledigt als ohne aktive Haptik. "Das Touchpad mit aktiver haptischer Rückmeldung zeigte in unserer Studie einen signifikant positiven Einfluss", bilanziert Professor Ludger Schmidt, Fachgebietsleiter Mensch-Maschine-Systemtechnik im Fachbereich Maschinenbau der Universität Kassel.

Fazit: Weil fahrfremde Aktivitäten wie Telefonieren, Simsen oder Googeln allen Verboten zum Trotz in Zukunft rasant zunehmen werden, sind technische Verbesserungen von Head-up-Displays über Sprachsteuerung bis hin zu haptiven Touchpads zumindest ein Schritt, um massive Aufmerksamkeitsdefizite des Fahrers zu reduzieren.   H.W. MAYER

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