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Donnerstag, 21. März 2019

Energie

Hoffen auf Norwegens Wasser

Von Ralph H. Ahrens | 3. Februar 2012 | Ausgabe 5

Norwegens Wasserkraftwerke könnten – zu Pumpspeicherwerken umgebaut – die deutsche Energiewende zum Erfolg führen. Zusätzlich bräuchte es viele Seekabel, um die nordischen Stromspeicher mit dem deutschen Markt zu verbinden.

Erneuerbare Energien sollen 2050 mindestens 80 % des deutschen Strombedarfs decken. Die Furcht vor anhaltender Windstille aber treibt deutsche Energieversorger und Politiker um. "Norwegische Wasserkraft- und Pumpspeicherwerke können hier helfen", meint Marie Lindberg vom norwegischen Umweltverband Zero. "Das Besondere ist, norwegische Wasserkraft und deutsche Windkraft ergänzen sich nahezu ideal", sagt Olav Hohmeyer, Energiefachmann des Sachverständigen Rates für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung.

In Deutschland weht es in der dunklen Jahreszeit am kräftigsten, norwegische Staubecken füllen sich im späten Frühjahr mit Schmelzwasser. Mit überschüssigem deutschen Windstrom im Winter ließe sich also Wasser hoch in Speicherseen pumpen. "Das Potenzial zur Klimagasreduktion wäre riesig", so Hohmeyer. In Deutschland ließen sich die CO2-Emissionen zur Stromerzeugung auf null senken. Auch Norwegens Stromversorgung würde profitieren: So waren im Frühjahr 2011 norwegische Speicherbecken nach zwei regen- und schneearmen Jahren recht leer.

Der SRU rechnet damit, dass 2050 bei einer deutschen Stromnachfrage von 500 TWh jährlich rund 75 TWh zwischengespeichert werden müssen. Rund zwei Drittel davon würden gebraucht, um Bedarfsspitzen und Stromlücken zu decken, so Hohmeyer. Der Rest, um Windenergie aus dem Winter für den Bedarf im Sommer zwischenzuspeichern. Hierfür seien Wasserspeicher ideal. "Pumpspeicherkraftwerke lassen sich innerhalb weniger Minuten in beide Richtungen von 0 auf 100 fahren."

Allein mit der Kapazität norwegischer Wasserkraft ließen sich Schwankungen bei der Einspeisung erneuerbarer Energien in Deutschland ausgleichen. Doch ist Norwegen bereit für die Vision des Umweltrates? Noch nicht, meint Lindberg. Norwegische Politiker und Bürger sähen ihr Land zwar als Energieexpor-teur, "sie denken dabei aber vor allem an Erdöl und Erdgas".

Wasserkraftwerke mit 28 GW installierter Leistung decken fast den gesamten norwegischen Strombedarf und erzeugen rund 120 TWh/Jahr an Strom. Die nutzbare Speicherkapazität der Speicherseen liegt bei 84 TWh, rund 45 % der gesamten Wasserspeicherkapazität Europas. Manche Kraftwerke werden zurzeit modernisiert. Kein neues großes Kraftwerk ist in Planung. Da genügend Wasserkraft verfügbar ist, gibt es nur wenige Pumpspeicherwerke mit einer Leistung von ca. 1,8 GW.

Das norwegische Stromnetz hat Engpässe. Der staatliche Netzbetreiber Statnett will bis 2030 rund 2000 km Leitungen neu bauen, 5000 km erneuern und bis zu 50 neue Umspannwerke errichten. Und es gibt Widerstände gegen den Bau von Stromleitungen. Für Projekte, die Norwegen nicht direkt nützen, werde es wenig Unterstützung geben, so Lindberg. "Hier muss viel aufgeklärt werden, damit die Bürger die positive Klimawirkung der Stromspeicherung verstehen."

Norwegisches und deutsches Stromnetz sind verbunden, via Unterseekabel über Dänemark und die Niederlande. Die weitere Vernetzung geht langsam voran. Statnett plant Leitungen durch den Skagerrak nach Dänemark und durch die Nordsee nach Deutschland und Großbritannien. Bis 2018 soll ein erstes 1,4-GW-Kabel nach Schleswig-Holstein verlegt sein. Ein zweites soll folgen.

"Norwegische Wasserkraftwerke stellen heute ausreichend Kapazitäten bereit", sagt Kristian Løksa, Pressesprecher von Statkraft, dem norwegischen Staatsbetrieb für Wasserkraft. Doch ihre Kapazität könnte erhöht werden, indem Pumpspeicher zwischen bestehenden Unter- und Oberseen gebaut würden. Würden die Kraftwerke zudem besser in das europäische Stromnetz integriert, werde sich deren Flexibilität erhöhen. Bereits heute gibt es einen regen Stromaustausch mit Dänemark. Ist es dort sehr windig, wird dänischer Windstrom durch drei Unterseekabel à 700 MW in das norwegische Stromnetz eingespeist. Im Winter 2010/11 konnte Dänemark so überschüssigen Strom aus Windkraft nach Norwegen ausführen, Statkraft brauchte weniger eigene Wasserkraft.

Deutschland ist ein anderes Kaliber. Um genug Zwischenspeicher für die deutsche Energiewende bereitzustellen, sollten norwegische Wasserkraftwerke bis 2050 modernisiert und erweitert sowie teilweise zu Pumpspeicherwerken ausgebaut werden. Sie sollten dann eine Leistung von 40 GW bereitstellen, so Hohmeyer. Zudem müssten Seekabel mit einer Leistung von 40 GW das norwegische mit dem deutschen Stromnetz verbinden – für rund 60 Mrd. €. Das ist zwar viel Geld, sei aber ein Schnäppchen. In Deutschland würde es mehr als 200 Mrd. € kosten, entsprechende Speicherkapazitäten zu errichten.

Solch ein Ausbau muss geplant werden. Hohmeyer fordert daher wie auch Umweltschützerin Lindberg deutsche als auch norwegische Politiker auf, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. RALPH H. AHRENS