Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Donnerstag, 21. Februar 2019

Energiewirtschaft

Im "Energiemarkt-Versuchslabor" Deutschland sind Kernfragen ungeklärt

Von Robert Donnerbauer | 13. April 2012 | Ausgabe 15

Der Ausbau der Stromerzeugung mit regenerativen Energien forciert den Bedarf an flexiblen, effizienten, dezentralen Lösungen, die auf der Hannover Messe vom 23. bis 27. April 2012 einen Schwerpunkt bilden. Favorisiert sind Gaskraftwerke und die Kraft-Wärme-Kopplung.

Das Energiesystem von morgen werde erneuerbarer, dezentraler und intelligenter sein, erläutert Georg Müller, Vorstandsvorsitzender des Mannheimer Energieversorgers MVV Energie. "Dazu brauchen wir eine integrierte Marktordnung, die die Flexibilität des Systems erhöht, den Netzausbau und -umbau fördert, langfristig neue Kraftwerke ermöglicht und zu Effizienzsteigerung führt."

Doch fehle derzeit noch die Antwort auf die Frage, wie eine saubere, bezahlbare und vor allem verlässliche Energieversorgung für Deutschland und damit auch für Europa aussehen wird, beklagt Rainer Seele, Vorstandsvorsitzender der BASF-Tochter Wintershall. "Wir sind hier in Deutschland momentan ein Energiemarkt-Versuchslabor."

So sind für eine tragfähige Lösung noch Punkte offen: Welche Technik und welcher Brennstoff kommen zum Einsatz? Wie kann die anfallende Wärme effizient genutzt werden? Kann die Stromerzeugung auf die volatile Solar- und Windenergie optimal abgestimmt und so vielleicht sogar Übertragungsnetzkapazitäten eingespart werden?

Für den Einsatz in kleinen, dezentralen BHKW-Anlagen eignen sich durch ihre saubere Verbrennung Erdgas und Bioerdgas am besten, erklärt Franz Schulte, Geschäftsführer der Thüga Energieeffizienz. "Zukünftig werden auch synthetisches Erdgas (Power-to-Gas) und Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen können."

Zu den potenziellen Brennstoffen zählen zudem Kohle, Holzhackschnitzel oder Müll. "Das Spektrum der Möglichkeiten ist groß", betont Werner Dub, Vorstandsmitglied von MVV Energie. Man muss im jeweiligen Fall sehen, wie man sich die Einsatzstoffe wirtschaftlich beschaffen kann."

Müll und Biomasse stehen bereits auf dem Prüfstand. MVV Energie geht davon aus, dass in Deutschland die Kapazität an großen Müllverbrennungsanlagen gesättigt ist. Ähnliches gilt für den Bereich Althölzer im Biomassesektor. Ein weiterer Zubau wird bei größeren Anlagen nicht mehr erwartet. Anders sieht es bei kleineren Biomasseanlagen aus, wo es noch dezentralen Zuwachs gebe.

Um die Energieeffizienz in der Strom- und Wärmeversorgung zu steigern, wird die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) wichtiger. Entscheidend ist, die dezentrale Stromerzeugung und die Wärme-
nachfrage bestmöglich miteinander zu kombinieren. Dies betrifft sowohl Biomasse- als auch Gaskraftwerke.

So stellt sich die Frage, ob es künftig aus effizienz- und klimapolitischen Aspekten noch vertretbar ist, Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke zwar mit hohem elektrischen Wirkungsgrad, aber ohne Abwärmenutzung in Betrieb zu nehmen. Wichtig dafür ist natürlich ein entsprechender Wärmebedarf.

In Ballungsgebieten bieten sich Fernwärme- und Nahwärmenetze an. "Man muss sehr individuell die Frage lösen, wie sich die Wärmesenke darstellen lässt", erklärt Dub. Für die nötige Flexibilisierung bieten sich Wärmespeicher an. Im Sommer könnte auch die Kälteversorgung künftig eine Rolle spielen.

Die Koordination von Erzeugern und Verbrauchern auf lokaler und regionaler Ebene gewinnt an Bedeutung. In einem Querverbund mit Wärmespeichern sowie mit Strom-, Gas- und Wärmenetzen kann dies dazu beitragen, den Ausbau von Stromübertragungsnetzen zu verzögern oder gar zu vermeiden.

Erdgas gilt dabei als "Partner" von Sonne und Wind. Der Anteil von Erdgas an der Stromversorgung lag in Deutschland im vergangenen Jahr bei 14 %, berichtet Gerhard König, Vorstandsmitglied der Wintershall. Dieser Anteil müsse steigen, sollen die erneuerbaren Energien verstärkt in den Strommarkt gebracht werden.

"Im Jahr 2020 wird diese fluktuierende Stromerzeugungskapazität über 90 000 MW betragen", so König. Um dies auszugleichen, bedarf es hochflexibler Lösungen. "Das können keine Kohlekraftwerke, nur Gaskraftwerke sein."

Doch derzeit wird kaum in neue Gaskraftwerke investiert. Beklagen Investoren besonders die Spannweite zwischen Strom- und Gaspreis (zu hohe Gaspreise bei zu geringen Strompreisen), so sieht König einen Grund in den geringen Preisen für CO2-Emissionszertifikate.

Gebraucht werde, so König, ein Rahmen, der es wirtschaftlich attraktiv macht, Gaskraftwerke einzusetzen, auch wenn die Betriebsstunden zurückgehen. "Wenn dieser Rahmen da ist, wird auch gebaut", konstatiert der Wintershall-Vorstand. ROBERT DONNERBAUER