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Mittwoch, 17. Januar 2018

Volvo Ocean Race

„Je ausgeklügelter Dinge werden, desto mehr Zeit kosten sie. “

Von Markus Henrichs | 10. Oktober 2014 | Ausgabe 41

Der Norweger Knut Frostad ist nicht nur CEO des Rennens, sondern war selbst vier Mal an Bord. Ein Gespräch über die Vorteile des Einheitsdesigns, die Tücken der Technik – und darüber, was man auf dem Ozean für das Leben an Land lernen kann.

S13 BU Interview
Foto: B.Limberger/Volvo

Weiß, wovon er spricht: Renn-CEO Knut Frostad ist selbst ein Ocean-Race-Veteran. Er sagt: „Alles eine Frage der Selbstwahrnehmung.“

VDI nachrichten: Knut Frostad, das Volvo Ocean Race gilt als härtestes Hochseerennen der Welt. Sie selbst sind vier Mal mitgefahren, davon zwei Mal als Skipper. Was macht die Faszination dieses Rennens aus?

Frostad: Das ist ein ganz simpler Wettbewerb. Es geht darum, so schnell wie möglich um die Welt zu fahren, wobei dir nur Mutter Natur als Antrieb dient. Eines der letzten Abenteuer unserer Tage. Aber in erster Linie geht es darum, dich selbst und eine Gruppe von Leuten zu managen und gemeinsam etwas zu erreichen.

Welche Rolle spielt das Einheitsbootdesign?

Eine ganz entscheidende! Es bietet immense Zeit- und Kostenvorteile. Bei der letzten Auflage hatte das Siegerteam ein Budget von über 50 Mio. €, diesmal liegt es bei einem Bruchteil. Durch das Einheitsdesign können Teams segelfertige Schiffe übernehmen, ohne Vorabinvestments in F & E. Alle Teams haben die gleichen Voraussetzungen. Die Menschen an Bord stehen im Fokus. Das ist eine gute Entwicklung.

Inwiefern?

Das Rennen ist wieder, was es sein sollte: Eine Mischung aus Triathlon und Schach, bei dem neben Ausdauer viel Kopfarbeit gefragt ist. Rennlegende Peter Blake aus Neuseeland hat sinngemäß den Satz geprägt: „Um als erster anzukommen, musst du erstmal ankommen.“

Was meinen Sie damit?

Wenn du etwas zum allerersten Mal in deinem Leben machst, bist du gut bei den Basics. Wenn du z. B. einen neuen Job antrittst, erscheinst du vermutlich gut angezogen, halbwegs ausgeschlafen und pünktlich im Büro. Weil das eines der wenigen Dinge ist, die du am ersten Tag richtig machen kannst. Mit der Zeit ändert sich das. Wir fangen an, die Dinge immer weiter zu verbessern, denn wir können alle viel mehr, als nur pünktlich zu sein. Und genauso ist es in unserem Sport. Wir fangen an, an unserer Technik zu arbeiten, die Methoden zu verbessern, unsere IT-Systeme zu optimieren, usw. Je ausgeklügelter diese Dinge werden, desto mehr Raum nehmen sie in unserer Planung ein. Und die Leute fangen an, darüber ihre Basics zu vergessen: Sie versäumen zu essen, zu schlafen, sich fit zu halten, auf ihr Zeitmanagement zu achten und ihre Ausrüstung in Schuss zu halten. Das heißt: Sie haben dann vielleicht die weltbesten Computersysteme, aber die Basics sträflich vernachlässigt.

Klingt, als sprächen Sie aus Erfahrung?

(lächelt gequält) Kann man wohl sagen! Als ich ganz neu dabei war, lag unser Hauptaugenmerk darauf, den Wasserwiderstand zu reduzieren. Also haben wir zusammen mit Forschungsinstituten aus Norwegen und Großbritannien intensiv mit Spezialbeschichtungen für den Bootsrumpf experimentiert und enorm viel Geld dafür ausgegeben. Der Effekt war kaum messbar, hätte uns über die Dauer des Rennens in der Endabrechnung vielleicht einen halben Tag Vorsprung verschafft. Aber als wir dann die Docks verließen, haben wir es geschafft, Lebensmittel für eine ganze Woche an Land zu vergessen.

Ups.

Mmh. Ups. Und das für eine vierwöchige Etappe. Das bedeutet: 25 % weniger zu essen, für jeden an Bord. Wir haben am Ende unsere 100-Meilen-Führung im Schlussspurt verloren, u. a. deswegen, weil wir schwere Denkfehler gemacht haben. Ich selbst habe auf dieser Etappe 8,5 kg Gewicht verloren, manche Teamkollegen bis zu 10 kg. Grund dafür war einzig und allein, dass wir vor lauter Innovationsstreben das Wesentliche aus den Augen verloren hatten. Meine Mutter hätte das besser gemacht als ich. (schmunzelt) Was sie mir bei vielen Gelegenheiten auch immer wieder gesagt hat.

Die Moral dieser Geschichte? Was kann man daraus für den Büroalltag an Land lernen?

Zum Beispiel, was für Menschen alles möglich ist, wenn sie keine andere Wahl haben, als zusammen ein Ziel zu erreichen. (blickt prüfend in die Runde) Selbst ihr würdet es zum ersten Zwischenstopp nach Kapstadt schaffen, wenn ihr da draußen wärt.

Wohl kaum. Wie kommen Sie darauf?

Aus dem einfachen Grund, dass die Alternative so schlecht ist. Gegenfrage: Stellen Sie sich vor, wir beide wären hier plötzlich eingesperrt, alle Türen verriegelt, für 30 Tage. Ich sagen Ihnen die Dinge zwischen uns würden sich schlagartig ändern.

Inwiefern?

Dann ist es plötzlich keine Frage mehr, ob wir uns mögen oder nicht. Das ist plötzlich völlig irrelevant. Und genauso ist es draußen auf dem Ozean.

Das müssen Sie erklären.

Gerne: Angenommen, wir zwei könnten uns auf den ersten Blick nicht ausstehen. Im normalen Leben würde ich Ihnen in diesem Fall aus dem Wege gehen – und gut. Ich würde meiner Frau heute Abend von dem bekloppten Typen erzählen, diesem bescheuerten Deutschen, den ich heute hier getroffen habe. Würde die Sache abhaken – und das war’s. Aber da draußen auf dem Ozean hast du keine Chance dazu.

Verstehe. Das Meer als „teambildende Maßnahme“?

Sozusagen. Stellen Sie sich mal vor, dass wir uns plötzlich so nahe wären. (rückt auf 10 cm Distanz heran) Wir würden uns schichtweise einen Schlafsack teilen, hätten exakt dieselben Sachen an. Dann wären die Unterschiede, die an Land zwischen uns bestehen, auf einmal völlig egal. So viele Dinge hören plötzlich auf, einen Unterschied zu machen, wenn du da draußen bist: Ob du groß bist oder klein, schick angezogen oder nicht, eine Frau bist oder ein Mann, ob du aus Deutschland kommst, aus Norwegen oder aus Brasilien... All das wäre auf einmal komplett irrelevant, weil wir gar keine andere Wahl hätten, als miteinander klarzukommen.

Wow. Klingt fast nach der perfekten Welt auf dem Wasser…

(lacht) Na ja. Das ist es sicher nicht, manchmal sogar alles andere als das. Was ich damit sagen möchte: Das Konfliktlevel an Bord ist einfach extrem niedrig. Persönliche Konflikte treten komplett in den Hintergrund, wenn man 30 Tage lang unter solchen Bedingungen auf so engem Raum zusammen ist. Auf so einem Schiff kannst du dich nicht verstecken. Du musst dein Zeug auf die Reihe kriegen. Und wenn du in dem was du tust, nicht sonderlich gut bist, merkt das sofort jeder an Bord.

Hm. Also gibt es doch Unterschiede zwischen dem Leben an Bord und an Land.

Ja. Und auch wieder nicht: In jeder Firma gibt es extrem schlechte Chefs. Solche, die sich in ihrem Büro einschließen und sich hinter ihrem Schreibtisch verschanzen. Jemand mag ein furchtbar schlechter Chef sein, wird Sie aber womöglich in der Firma noch überleben, weil er sich gut verstecken kann. Auf einem Schiff geht das nicht. Wenn Sie da ein schlechter Chef sind, dann weiß das sofort jeder an Bord. Und Sie wissen, dass es jeder an Bord weiß. Das ist eine sehr transparente Welt da draußen. Deswegen mag ich sie auch so.

Wird es nie einsam auf See? Was ist die erste Sache, die man macht, wenn man wieder an Land ist?

Zunächst ist es natürlich super, jemanden zu treffen, auf den man sehr lange verzichtet hat. Dann duschen, schlafen, das übliche. Aber das eigentlich Lustige daran ist, dass es ungefähr drei Stunden dauert, bis du das da draußen wieder vermisst.

Schwer zu glauben.

…Ist aber so. Wenn du im Ziel ankommst, sagst Du zu Dir selbst: „Nie wieder“. Du erfüllst deine Medienverpflichtungen, isst was, gehst ins Bett, schläfst aus, wachst auf – und dein Leben ist auf der Stelle wieder kompliziert. Denn auf diesem Boot ist das Leben extrem einfach, auf das Wesentliche reduziert. Du schläfst zwei Stunden, du arbeitest sechs Stunden, du schläfst zwei Stunden, du arbeitest sechs Stunden... du isst, du trinkst, du arbeitest, du schläfst. Und so weiter.

Klingt nach einem sehr – sagen wir – basalen Leben?

Ja, das ist es auch. Keiner ruft dich da draußen an, keiner will etwas von dir, keiner belästigt dich mit seinen Problemen: Niemand überschreitet das Budget, du kriegst keine aufgebrachten E-Mails, es gibt keine Nachbarn, die sich beschweren. Du hast die gleiche Jacke und sogar die gleiche Unterwäsche an wie der Kerl neben dir. Das einzige was du tun musst, ist, ein paar Entscheidungen zu treffen. Die allerdings sind sehr komplex und können weitreichende Konsequenzen haben...

…leuchtet ein.

…aber ansonsten hast du da draußen keine Probleme, konzentrierst dich auf deinen Job. Du wirst auch nicht krank, weil es da draußen so gut wie keine Bakterien gibt. Es gibt die Sonne, die aufgeht, die Sonne, die untergeht – und zwischendrin viel blaues Wasser. Manchmal kriegst du auch Besuch von Walen, Delfinen oder ein paar Vögeln, manchmal auch extremen Wellengang, der zur Gefahr wird. Aber es ist ein sehr ehrliches, ein sehr simples Leben. Für meine Begriffe ist das sogar die wahrscheinlich beste Art zu leben.  

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