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Dienstag, 23. Januar 2018

Öl

Kampf ums Überleben

Von Peter Odrich | 11. März 2016 | Ausgabe 10

Der Rückbau der Förderplattformen in der Nordsee wird zum eigenständigen Geschäft. Das könnte schneller passieren als geplant. Hintergrund ist die schon anderthalb Jahre dauernde Ölpreiskrise. Diese erhöht den Druck, die recht hochpreisig fördernden Anlagen vorzeitig zu schließen.

w - Ölanlagen Rückbau BU
Foto: Shell

Die vier Förderplattformen im Ölfeld Brent: Hier wie in anderen Nordseefeldern gehen die Fördermengen zurück. Aufgrund der niedrigen Ölpreise wächst der Druck, unrentable Plattformen abzubauen.

Bei Preisen für Erdgas und Öl auf dem niedrigsten Niveau seit elf Jahren gerät die Förderung aus den Nordseefeldern immer mehr unter Druck. Denn kaum irgendwo anders in der Welt ist es so teuer, Öl aus dem Grund zu holen. Hohe Löhne, strikte Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften und nicht zuletzt Probleme mit den Lagerstätten der Vorkommen in immer größeren Wassertiefen verteuern die Förderung.

Rückbau im Brent-Ölfeld

Ein Barrel (bbl: blue barrel – Fass mit 159 l) Öl aus der britischen Nordsee zu holen, ist nach Angaben des britischen Branchenverbands UK Oil & Gas mit 17,80 £/bbl (ca. 25,3 $/bbl oder 23 €/bbl) kostspieliger als in Dänemark mit 16 £/bbl – gar nicht zu reden von Fördergebieten wie Ägypten mit nur 3 £/bbl. Deshalb trifft der Verfall der Ölpreise die in der britischen Nordsee engagierten Unternehmen hart: Gut die Hälfte von ihnen schreibt rote Zahlen. Im Jahr 2015 haben sie Verluste von 6,4 Mrd. £ oder 8,5 Mrd. € aufgehäuft.

Das trifft vor allem die Beschäftigten der Branche: Allein von Mitte 2014 bis Juni 2015 haben 5500 der rund 36 000 direkt in der Gas- und Ölindustrie Beschäftigten ihre Jobs verloren. Hinzu kommen noch die Arbeitsplatzverluste bei der Zuliefererindustrie.

Wood Mackenzie, ein auf die Gas- und Ölindustrie spezialisiertes schottisches Beratungsunternehmen, warnt dennoch davor, jetzt die Förderung aus kleineren Ölfeldern vorzeitig einzustellen. Rund 140 von 330 Ölfeldern allein in der britischen Nordsee drohe innerhalb der kommenden fünf Jahre ohnehin die Schließung – selbst wenn der Ölpreis Brent bald wieder auf 80 $/bbl bis 85 $/bbl steigen sollte. Im gleichen Zeitraum stünden diesen 140 aber nur bestenfalls 38 Felder gegenüber, die neu in Produktion gingen. Jeder Produktionsstopp sei der letzte Schritt vor dem endgültigen Rückbau der alten Anlagen.

Aus der Ölwirtschaft ist zu hören, dass die Demontage nahezu das Gleiche wie früher die Montage kosten dürfte. Dabei sind allerdings keinerlei Kosten für das ursprünglich montierte Material sowie keinerlei Erlöse für das abzubauende Material berücksichtigt.

Die in der britischen Nordsee abzubauende Öl- und Gasinfrastruktur besteht vom Material her zum allergrößten Teil aus Stahl, in nennenswertem Umfang gibt es auch Elemente aus Kupfer und Aluminium, die ebenfalls wieder eingeschmolzen werden können.

Der Anteil des nicht wieder aufarbeitbaren Mülls sei sehr gering, so UK Oil & Gas. Es gebe dafür zahlreiche Schätzungen, die allesamt auf deutlich weniger als 5 % hinauslaufen. Sondermüll gebe es insofern, als erhebliche Mengen an stark ölhaltigem Wasser anfallen, das aufwendig bearbeitet werden muss.

Die größten Probleme und Kosten macht nach Angabe des Branchenverbands aber die Demontage der Anlage besonders unter der Meeresoberfläche. Dabei seien die niedrigen Wassertemperaturen und der meist starke Seegang zu berücksichtigen. Das Bergen des Altmaterials unter diesen Umständen setze erhebliche Erfahrungen der einschlägigen Schiffsbesatzungen voraus.

Nach dem Bergen muss ein Großteil auf andere Schiffe für den Transport zur Küste verladen werden. Das setzt teilweise spezielle Kranschiffe voraus – wie auch für den Abbau der Plattformen. Seit letztem Jahr bereitet Shell vor, die erste der vier Bohr- und Förderplattformen im berühmten Ölfeld Brent abzubauen.

Viele sehen im Rückbau ein großes neues Geschäftsfeld für die Dienstleister rund um die Öl- und Gasindustrie. Immerhin sieht Mike Tholen, bei UK Oil & Gas für die Kooperation mit dem Fachverband Decom North Sea zuständig, für den Zeitraum von 2015 bis 2024 allein in der britischen Nordsee ein Rückbaupotenzial im Wert von 16,9 Mrd. £ oder 22,5 Mrd. €.

An der Frage, wer künftig die Kosten für den Rückbau tragen muss, scheiden sich jedoch die Geister. Andy Samuel, Chef der Oil and Gas Authority, des britischen Regulators für die Öl- und Gasindustrie, drängt auf mehr Kooperation bei Abbruch und Verschrottung alter Offshore-Infrastruktur.

Gemeinsam ließen sich Kosten senken und technische Entwicklungen zur Dekommissionierung fördern – Verfahren, die sich später exportieren lassen, so Samuel. Denn erheblicher Bedarf bestehe nicht nur in der britischen Nordsee, sondern längst auch etwa in Norwegen.

Die britischen Unternehmen zeigen sich aber eher zurückhaltend. Sie wünschen sich vielmehr eine Änderung der bisher geltenden Regel, nach der der Altbesitzer der Plattform die Verantwortung für den Rückbau trägt – selbst wenn er das entsprechende Öl- oder Gasfeld längst verkauft hat.

Tony Durrant, der Vorstandschef des englischen Explorationsunternehmens Premier Oil, hält es für nötig, dass der Regulator eingreift, um teure Teile der Infrastruktur wie Pipelines oder auch die Raffinerien zu schützen. Denn sonst bestünde die Gefahr, dass finanziell notleidende Unternehmen sie so stark vernachlässigten, dass ganze Gas- und Ölfelder vorzeitig ihre Förderung einstellten. Premier Oil und der deutsche Eon-Konzern hatten Mitte Januar bekannt gegeben, dass die Londoner deren Beteiligungen an Nordsee-Öl- und Gasfeldern übernehmen.

Bisher wurden aus der britischen Nordsee 43 Mrd. boe (boe: barrel oil equivalent, 1 boe = 6,12 × 109 J) gefördert. Derzeit sollen – vorsichtig geschätzt – noch gut 20 Mrd. boe förderbar sein. Diese Vorräte nicht zu gefährden, sei im Sinne aller, warnt Iain Conn, als Vorstandschef von Centrica an der Spitze des größten britischen Energieversorgers. Im Zweifel sollte London Steuern streichen, um die Ölförderung zu retten. 

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