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Sonntag, 21. Januar 2018

IAA Nutzfahrzeuge

Kapitäne der Fernstraße im Netz von Big Data

Von Christoph Hammerschmidt | 19. September 2014 | Ausgabe 38

Das „Connected Car“, das vernetzte Auto also, begegnet uns heute allerorten – hin und wieder schon ganz real auf der Straße, vor allem aber auch als Zukunftsvision der Hersteller und Entwickler. Die Rede ist dabei allerdings meist vom privat genutzten Pkw. Wie sieht es dagegen bei Lastwagen aus, bei den „Brummis“ auf der Autobahn oder den Lieferfahrzeugen in der Stadt?

x-Telematik BU
Foto: Aral

Unter Kontrolle:Telematik ist im Nutzfahrzeug auf dem Vormarsch. Der Fahrer bekommt so wertvolle Informationen, muss aber auch damit leben, dass sein Fahrverhalten in Echtzeit an den Chef übermittelt wird.

Im Lkw-Führerhaus hat sich in den vergangenen Jahren eine Umwälzung vollzogen – ganz ohne großen Medienhype, aber dafür nicht weniger radikal. Bereits zum Anfang des Jahrtausends haben sieben große europäische Lkw-Hersteller mit der FMS-Schnittstelle (Fleet Management System) in ihren Fahrzeugen einen Zugang zum CAN-Bus geschaffen und damit den Grundstein für umfassende Telematik-Anwendungen gelegt.

 Seither kann Software aller Art auf einen umfangreichen Satz von Echtzeit-Daten aus dem Truck zugreifen, angefangen von der Achslast über die Häufigkeit und Intensität der Betätigung von Gas-, Brems- und Kupplungspedal bis zum Kraftstoffverbrauch. Mit dem Einzug der Telematik werden diese Datensätze immer öfter direkt zum Betreiber übermittelt und in die betriebswirtschaftlichen Anwendungen eingespeist. Die Fahrzeuge sind „always on“; die Vernetzung als Bestandteil der Lkw-Technik nimmt auch auf der bevorstehenden IAA für Nutzfahrzeuge einen breiten Raum ein.

Allerdings gibt es gravierende Unterschiede zwischen der „vernetzten Welt“ der Nutzfahrzeuge und derjenigen der Pkw: Technik und Anwendungen beider Welten folgen recht unterschiedlichen Motivationslagen. Während bei der „Familienkutsche“ oder dem Geschäftswagen die Connectivity hauptsächlich dem Wunsch nach Komfort und Sicherheit geschuldet ist, erfolgt sie im Truck meist aus kaufmännischen und betrieblichen Gründen. „Die Vernetzung ist bei den Nutzfahrzeugen weiter vorangeschritten als bei den Pkw“, erklärt Jörg Lützner, Chef des Bereichs Services & Commercial Vehicles beim Automobilzulieferer Continental. „Telematik ist ein Synonym für das vernetzte Fahrzeug, eine Schlüsseltechnologie für das Nutzfahrzeug der Zukunft.“

Die Vernetzung ist für die Flottenbetreiber und Spediteure immens wichtig. Sie müssen wissen, wo sich ihr Fahrzeug befindet – und mit ihm der Auflieger oder Anhänger mit der wertvollen Fracht. Aus diesem Grund sind Zugmaschine und Anhänger oft mit eigenständigen Telematikeinheiten bestückt. Diese geben der Zentrale in regelmäßigen Abständen ihre Position durch und allerlei andere Daten, die der Spediteur wissen will. Bedient etwa der Fahrer seine Pedalerie zu temperamentvoll, bekommt das der Chef mit. Eventuell wird der Kapitän der Landstraße dann zum Training geschickt.

Aber das ist vielleicht nur ein Nebenaspekt für die Vernetzung der Nutzfahrzeuge. Wichtiger ist, dass der Betreiber jederzeit weiß, wann die Fracht seinen Kunden zugestellt wird, wo Kapazitäten frei sind. Relevant ist auch, wie es den „Brummis“ technisch geht und ob nicht bei nächster Gelegenheit ein Werkstattbesuch eingeplant werden müsste. Insgesamt sind die IT-Strukturen, in denen sich die Fahrzeuge bewegen, wesentlich komplexer und vielfältiger als diejenigen der Pkw.

Aber auch an ganz handfesten Dingen wird der Unterschied zwischen den Autowelten sichtbar. Während im Pkw die Head Unit oder das Smartphone als Zugang zum Internet fungiert, sind im Lkw eher Tablet Computer gefragt – entweder Modelle von der Stange oder speziell gefertigte Robustvarianten für den harten Alltagsbetrieb auf der Landstraße. Für sie gibt es in Reichweite des Fahrers eine feste Halterung mit sämtlichen Anschlüssen. Herausnehmbar sind die Geräte aber auch: Abends in der Koje möchte der Trucker ja auch ein wenig surfen oder „facebooken“. Wie beim Pkw geht der Trend dazu, die diversen Funktionalitäten dabei in Gestalt von Apps zu implementieren, berichtet Mark Warner, Europachef des Telematikanbieters Astrata, das u. a. den Lkw-Hersteller Iveco beliefert. „Im Backend sind es mehr und mehr anspruchsvolle Anwendungen wie Business Analytics und Business Intelligence, die ihre Daten direkt aus den Lkw erhalten“, sagt Warner.

Die Daten fließen aber auch in die umgekehrte Richtung: Der Fahrer erhält seine Aufträge über die Telematik-App. Sie informiert ihn auch über Straßenzustand und Verkehrsdichte. Und auch die Navigations-App erhält dynamische Daten. Je nach Ladung, Gewicht und Abmessungen von Zugmaschine und Anhänger erfolgt eine angepasste Zielführung. Ein Chemietanker wird damit automatisch um ein Wasserschutzgebiet herumgeleitet, ein 32-Tonner nicht irrtümlich über eine Brücke geleitet, die für maximal 12 t zugelassen ist. Vorausgesetzt natürlich, der Fahrer nutzt die korrekte App und kein Consumer-Kartenmaterial.

Die automatische Einbindung in die Datennetze ist auch eine Voraussetzung für die Erweiterung diverser Assistenzfunktionen mit Zielrichtung hoch automatisiertes Fahren. Adaptive Geschwindigkeitsregelung, Abstandswarner oder Bremsassistent haben in der Lkw-Welt ähnlich wie beim Pkw Einzug gehalten. Mit einem „Elektronischen Horizont“ will der Elektronikzulieferer Continental künftig dynamische Verkehrsdaten ebenso wie Informationen über die Topologie in die Streckenführung einfließen lassen – mit Empfehlungen an den Fahrer, wann er im Vorfeld einer Gefällstrecke schon einmal den Fuß vom Gas nehmen und damit Kraftstoff sparen kann.

 Entsprechend genaues Kartenmaterial bezieht Continental von der Nokia-Tochter HERE. Auf der IAA will das Unternehmen eine onlinefähige Version des elektronischen Horizonts zeigen, die aber noch nicht echtzeitfähig sein wird. Langfristig haben die Hannoveraner dem „e-Horizon“ eine noch größere Rolle zugedacht: Im Szenario war die Ortsbestimmung eines der Kernelemente. Eine Rolle, die er für Pkw künftig genauso spielen soll wie für Lkw.

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