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Samstag, 20. Januar 2018

Umwelttechnik

Katerstimmung in der Entsorgungsbranche

Von Notker Blechner | 11. Januar 2013 | Ausgabe 2

Viele Wasser- und Abfallentsorger stehen vor einem harten Jahr. Die Schuldenkrise in großen Teilen Europas hat die Investitionen der Kommunen und Firmen in Umwelttechnik deutlich gebremst. Die Entsorgungsindustrie muss sparen und Ballast abwerfen. So veräußert beispielsweise Siemens einen Teil seines Wassergeschäfts. Nur in Nischen oder im außereuropäischen Ausland lässt sich noch gutes Geld verdienen.

Jahrelang prophezeiten Marktforschungsinstitute und Politiker der Umwelttechnikbranche gigantische Wachstumspotenziale. Inzwischen aber sind die "Öko-Kapitalisten" kleinlaut geworden. Nach der Solar- und der Windbranche durchlebt nun auch die Entsorgungsindustrie eine Durststrecke. In Europa sind einzelne Märkte regelrecht eingebrochen. In Nordafrika (Maghreb) ist das Entsorgungsgeschäft nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Nur in den USA und den Emerging Markets stehen die Zeichen noch auf Wachstum, sagen die Manager der Entsorgungskonzerne.

Wie düster die Stimmung ist, war etwa auch auf der französischen Umwelt-Leitmesse Pollutec Ende 2012 in Lyon zu spüren. Fast an allen Ständen klagten die Aussteller über schlechtere Geschäfte und den zunehmenden Preisdruck. Einige Unternehmen sprachen gar von Krise.

"Die glorreichen Jahre sind vorbei", meinte ein Manager des österreichischen Klärschlammspezialisten Andritz. Die Märkte in Europa seien rückläufig oder stagnierten, und auch das Geschäft in Deutschland und Großbritannien sei schwieriger geworden. Selbst Boom-Märkte wie China hätten an Wachstumsdynamik verloren.

Besonders schlimm sieht es in Südeuropa aus. "Der spanische Markt ist eine Katastrophe", stöhnt Henry de Miramon vom Anlagenbauer Huber SE im bayerischen Berching. Die Investitionen seien komplett zusammengebrochen. Hätte es früher Aufträge für 40 Kläranlagen im Jahr gegeben, sei es 2012 nur noch ein Projekt gewesen. Michel Kempinski, Chef des weltgrößten Abfallcontainerherstellers Plastic Omnium, berichtet derweil über Zahlungsprobleme der Kommunen. Letztlich musste der Staat als Garant einspringen.

Auch in Frankreich herrscht Katerstimmung – vor allem seit dem politischen Machtwechsel. Die Unternehmer fühlen sich von der neuen sozialistischen Regierung drangsaliert. "Der französische Markt ist komplizierter geworden", weiß Christian Dousset von Andritz. "Es gibt keine großen Projekte mehr."

Bei den deutschen Wasserfirmen wie Siemens und Huber klagen die Manager über einen "Preiskrieg". Derzeit gelte die Devise "Hauptsache billig", meint Frankreich-Chef de Miramon von Huber. Bei den wenigen verbliebenen Ausschreibungen träten zunehmend Dumping-Preisanbieter auf.

Selbst die beiden französischen Umwelttechnikgiganten Suez Environnement und Veolia leiden unter dem schwachen Heimatmarkt. Die Situation scheint schon so dramatisch, dass beide Konzerne angeblich eine Fusion erwägten. Das käme einer neuerlichen französischen Revolution gleich. Das wäre so, als würden Coca-Cola und Pepsi sich zusammenschließen, meinte ein Branchenkenner. Letztlich scheiterten die Fusionsgespräche wohl vor allem an kartellrechtlichen Hindernissen. Die französischen Wettbewerbshüter hätten eine zu große Konzentration auf dem Entsorgungsmarkt gesehen. Der gemeinsame Marktanteil von Suez und Veolia in der Abfallentsorgung und im Wasserbereich wird auf über zwei Drittel geschätzt. Folglich hätten die beiden Platzhirsche im Umweltsektor große Teile ihrer Aktivitäten abstoßen müssen. Dazu waren sie offenbar noch nicht bereit.

Trotz Krise wollen einzelne deutsche Entsorger nach Frankreich expandieren. So sieht die deutsche Firma Blue Vita aus dem mecklenburgischen Boizenburg Potenzial in Frankreich – auf dem Markt für ländliche vollbiologische Kleinkläranlagen. Gut 4 Mio. Haushalte seien noch nicht an das öffentliche Kanalnetz angeschlossen, weiß Projektmanager Markus Eichert. Er ist überzeugt, dass die Investitionen in diesem Bereich anziehen werden. Denn die EU mache Druck auf Frankreich.

Meist sind deutsche Umwelttechnikfirmen weltweit erfolgreich, wenn sie sich auf Nischensegmente spezialisieren. Dort gibt es in der Regel weniger Low-Cost-Anbieter.

Auch Deutschlands führender Entsorger Remondis will seine Marktposition in Frankreich ausbauen und bewirbt sich für die eine oder andere Ausschreibung im kommunalen Wasser- und Abfallbereich. Bisher entsorgt Remondis in Frankreich vor allem Sonder- und Gewerbeabfälle von Fotolaboren, Krankenhäusern und Druckereien.

Weltweit befindet sich momentan das Familienunternehmen aus Lünen ohnehin auf Expansionskurs. Der Remondis-Konzern hat zuletzt für 180 Mio. € die australische Thiess Waste Management übernommen und ist zu den fünf größten Recyclern in Australien aufgestiegen. Außerdem erwarb die Tochter Remondis Aqua das internationale Abwassergeschäft der niederländischen Delta N.V.

Andere deutsche Umwelttechnikfirmen sind dagegen eher auf Schrumpfkurs und sparen – oder ziehen sich aus einzelnen Märkten ganz zurück. Siemens zum Beispiel hat Ende 2012 den Verkauf des Geschäftsbereichs Siemens Water Technologies angekündigt. Das Geschäft zur Aufbereitung von kommunalem und industriellem Abwasser gehörte einst größtenteils zu US Filter und war 2004 für fast 1 Mrd. $ von Veolia erworben worden. Künftig wollen sich die Erlanger wieder ganz auf Automatisierungs- und Antriebstechnik zum Betreiben von Wasser- und Klärwerken sowie Meerwasserentsalzungsanlagen konzentrieren, erklärte Anton Huber, Chef der Division Industry Automation.

Angesichts der Investitionsflaute hofft die Umwelttechnikbranche mal wieder auf Brüssel. Die EU-Kommission arbeitet derzeit an einer neuen Richtlinie für die Vergabe von Dienstleistungskonzessionen. Sie könnte dafür sorgen, dass der weitgehend kommunale Markt für Trinkwasserversorgung europaweit liberalisiert wird. Davon würden französische Konzerne wie Suez Environnement oder Veolia Water profitieren. Die deutschen Stadtwerke und Zweckverbände fürchten dagegen um den Verlust der kommunalen Daseinsvorsorge – und laufen Sturm gegen die Pläne aus Brüssel. NOTKER BLECHNER

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