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Dienstag, 23. Januar 2018

Messe Techtextil

Künstliche Gebärmutter umsorgt das Frühchen

Von Bettina Reckter | 8. Mai 2015 | Ausgabe 19

Seit der Erfindung der Webmaschine hat sich kaum eine Branche so rasant entwickelt wie die Textilindustrie. Heute verarbeiten IT-gesteuerte Maschinen die Fasern und Garne autonom und in atemberaubender Geschwindigkeit zu Textilbeton, Parkettboden und Inkubatoren. Vom 4. bis 7. Mai zeigte die Textilbranche in Frankfurt, was sie alles kann.

Es ist gerade einmal eine Handvoll Leben, doch dank moderner Medizintechnik kann sie ab der 22. Schwangerschaftswoche überleben. Rund 50 000 Frühchen kommen in Deutschland jedes Jahr zur Welt – und werden oft monatelang in Brutkästen aufgepäppelt.

Das Menschliche kommt darin zwangsläufig zu kurz. Dabei sind es gerade die Bewegungen und die Stimme der Mutter, die das Kleine braucht, um sich optimal entwickeln zu können. Ohne diese Reize kommt es bei vielen Kindern zu Defiziten, die später mühsam therapiert werden müssen.

Nun haben Wissenschaftler der Hohenstein-Institute in Bönnigheim die weltweit erste künstliche Gebärmutter konstruiert, die den zu früh geborenen Babys mit sensorischen Reizen in ihrer Entwicklung hilft. „Der Prototyp ahmt über textile Materialeigenschaften wie Haptik, Elastizität und Widerstand die Bedingungen der Gebärmutter realitätsnah nach“, erklärt Projektleiter Dirk Höfer.

Fasermaterial und Flächenherstellung wurden gezielt aufeinander abgestimmt. Zudem vermittelt der künstliche Uterus mithilfe eines Textilaktuators die sensorischen, motorischen und Gleichgewichtsreize, um die Reifung des kindlichen Gehirns zu fördern.

Mit diesem „Smart Textile“, das sie jetzt auf der Messe Techtextil in Frankfurt zeigten, verfolgen die Forscher einen neuen Therapieansatz zur Prävention von Entwicklungsstörungen bei Frühchen. An der Umsetzung beteiligt sind die Beluga-Tauchsport GmbH, Scheeßel, die Global Safety Textiles GmbH, Maulburg, und die M. Zellner GmbH, Michelau.

„Wearables und Smart Textiles, also Gewebe mit integrierter Elektronik und Sensorik, sind ein starker Trend in diesem Jahr“, bestätigte Detlef Braun zum Auftakt der Messe am Dienstag. „Intelligente Textilien überwachen die Vitalparameter, sie können aber als Solarzellen eingewebt sogar Energie produzieren“, sagte der Geschäftsführer der Messe Frankfurt.

Die hochinnovative Branche der technischen Textilien zeigte sich von ihrer besten Seite. Gegenüber der Vorveranstaltung im Jahr 2013 verzeichnete die internationale Leitmesse ein Wachstum von immerhin 4,4 %. Eine positive Entwicklung bestätigte auch die parallel laufende Texprocess, in der sich alles um die Verarbeitung dreht – vom Design und Zuschnitt übers Nähen, Sticken und Stricken bis hin zur Textilveredelung, zum Finishing und Textildruck.

„Techtextil und Texprocess bilden die komplette Prozesskette der textilen Produktion ab – von der Faser bis zur Logistik“, zeigte sich Braun zufrieden mit den gut 1660 Ausstellern aus 52 Ländern.

Und diese präsentierten Naturfasern, die eine ganzjährige Alternative zum Kunstschnee sind oder die helfen, im offenen Meer Biomasse anzubauen; Carbonfasern, bekannt aus Automobil- und Flugzeugbau, die das Holz im Parkett und den Stahl im Beton ersetzen; und textilbasierte Sensoren, die die Therapie von Patienten unterstützen oder die Struktur von Windrädern überwachen.

Laut einer Studie der Commerzbank wird der Umsatz mit technischen Textilien und Fliesstoffen weltweit von derzeit 130 Mrd. $ auf 160 Mrd. $ im Jahr 2018 anwachsen. Das ist auch für den deutschen Maschinenbau ein spannender Markt.

„Die deutsche Näh- und Bekleidungstechnik konnte ihre Umsätze 2014 um fast 20 % steigern und verzeichnet auch aktuell ein zweistelliges Wachstum“, freut sich Elgar Straub, Geschäftsführer Bekleidungs- und Ledertechnik im Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Nähtechnik und Zuschneidemaschinen belegen immerhin Platz 2 innerhalb des Verbandes.

Auch im Bausektor halten Fasern Einzug. Anstelle von Stahlgittern fungieren beim Textilbeton in Kunststoff ausgehärtete 2-D- und 3-D-Textilgelege aus Glas- oder Carbonfasern als Bewehrung.

„Der Beton der Zukunft zeichnet sich damit durch Leichtigkeit und Ästhetik aus“, beschreibt es Chokri Cherif. „Die Symbiose von Carbon und Beton führt zu einer neuen Art des Konstruierens und Bauens“, wagt der Direktor des Instituts für Textilmaschinen und textile Hochleistungswerkstofftechnik an der TU Dresden einen Blick in die Zukunft technischer Textilien. 

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