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Mittwoch, 20. Februar 2019

Wissenschaft

"Maschinenbau muss neue Wachstumsbereiche suchen"

Von Jutta Witte | 20. April 2012 | Ausgabe 16

Auf der Hannover Messe werden innovative Produkte vorgestellt. So lautet jedenfalls der Anspruch. Der deutsche Maschinenbau geht fahrlässig mit seinen Innovationspotenzialen um, hält Sabine Pfeiffer dem entgegen. Die Soziologin, Mitarbeiterin am Projekt "Smarte Innovation", fordert nachhaltiges Personalmanagement sowie mehr Zeit und Raum für die Innovationsarbeit.

VDI nachrichten: Frau Prof. Pfeiffer, was verbirgt sich hinter dem Begriff "Smart"?

Pfeiffer: Er steht für Systeme, Menschen, Antizipation, Ressourcen und Technologie, also für die fünf Dimensionen, die entscheidend waren für unsere Analyse und nach unserer Überzeugung auch entscheidend sind für die Innovationsarbeit der Zukunft.

Sie treten für einen Paradigmenwechsel ein. Was steht für Sie im Fokus?

Wir müssen wegkommen von den bislang praktizierten Standardverfahren, die linear ablaufen, ohne das Ganze zu betrachten. Innovationsarbeit muss ganzheitlich angelegt und gleichzeitig zugeschnitten werden auf den individuellen Bedarf, auf die Technologien jedes einzelnen Unternehmens. Sie muss zugleich querdenken. Technik, Technologien und Soziales gehören zu ein und demselben Prozess. Innovation konzentriert sich längst nicht mehr auf die Abteilung Forschung und Entwicklung, sondern spielt in jede Phase des Produktlebenszyklus hinein. Jeder Mitarbeiter kann in einem solchen System theoretisch zur Innovationsfähigkeit des Unternehmens beitragen. Dies gilt besonders für den Maschinen- und Anlagenbau.

Warum haben Sie sich bei den Forschungen auf diese Branche konzentriert?

Der Maschinenbau ist nicht nur Exportweltmeister, sondern eine lange gewachsene, sehr vielschichtige Branche, die traditionell hoch innovativ ist und zwar zunächst in einem sehr technischen Sinn. Sie macht uns aber auch schon jetzt stärker als alle anderen Branchen vor, wie Innovationsarbeit als Gesamtprojekt über alle Stationen im Leben eines Produktes laufen kann – vom Ingenieur bis hin zum Facharbeiter.

Welche Unternehmensbereiche über die Forschung und Entwicklung hinaus können hier Innovationstreiber sein?

Wir sehen sehr viel Potenzial zum Beispiel bei den Servicemitarbeitern, die das Ohr direkt am Kunden haben. Sie können künftige Kundenwünsche einschätzen, sind informiert über die technische Produktreifung nach der Auslieferung an den Kunden und haben die industriellen Entwicklungen im Blick. Im Maschinen- und Anlagenbau, der oft Klein- oder Einzelserien entwickelt und sehr investitionsintensive Innovationen auf den Markt bringt, ist das ein entscheidender Faktor. Diese Mitarbeiter, die viel unterwegs sind, müssen aber auch nachhaltig mit den anderen Abteilungen vernetzt werden und es muss zu einem regelmäßigen Austausch kommen. Das ist natürlich sehr zeitintensiv.

Der Dreh- und Angelpunkt des Innovationsprozesses ist für Sie der Mensch. Nutzt die Maschinenbaubranche ihre Humanressourcen?

Wir haben beobachtet, dass das innovative Potenzial der Mitarbeiter häufig eher "vernutzt" wird. In den letzten zehn bis 15 Jahren ist viel personeller Raubbau betrieben worden, auch im Maschinen- und Anlagenbau. Der Markt und die Kunden geben den Takt vor. Neue Märkte entstehen, neue Produktlinien sind gefragt. Arbeit, auch die der Ingenieure, die bekanntlich als sehr leidensfähig gelten und viel kompensieren können, verdichtet sich immer mehr. Die Zahl der Köpfe allerdings ist nicht mit den steigenden Anforderungen gewachsen. Die Unternehmen sollten jetzt genau hinschauen, wo sie Verstärkung brauchen, ein nachhaltiges Personalmanagement aufbauen und den Menschen damit mehr Zeit und Raum für ihre Innovationsarbeit geben.

Ist der Maschinen- und Anlagenbau ein attraktives Umfeld für junge Ingenieure?

Er ist noch immer eine sehr traditionelle Branche, der an vielen Stellen mehr Offenheit, zum Beispiel gegenüber dem Web 2.0., intelligenten Softwarelösungen oder mobilen Geräten gut täte. Die Unternehmen müssen eine Kultur schaffen, die den Nachwuchs da abholt, wo er steht.

Wo muss der Maschinenbau sich außerdem anpassungsfähiger zeigen?

Die Branche ist vom Erfolg verwöhnt und neigt dazu, ohnehin ausgereifte Produkte technisch immer weiter zu verfeinern. Sie muss aber lernen, auch über den eigenen Tellerrand zu schauen, also neue Wachstumsbereiche und vielleicht auch neue Nischen zu suchen. Denn auch gesellschaftliche Trends und Entwicklungen wie nachhaltiges Wirtschaften, der grüne Umbau der Industriegesellschaft und die Energiewende – um nur drei Beispiele zu nennen – sind relevant für Innovationen. Viele Unternehmen entwickeln noch immer nach dem Prinzip von Joseph Schumpeter: Innovation ist nur das, was sich sofort am Markt durchsetzt. Wir brauchen aber wieder mehr offene Innovation, die neue Technik und Technologien für die Herausforderungen der Zukunft hervorbringt. Dies gilt im Übrigen auch für das Thema Ressourcenschonung. Das ist in der Branche vielfach noch gar nicht angekommen.

Was raten Sie den Maschinen- und Anlagenbauern?

Es sind tolle Unternehmen, die viel bewegen und doch oft auf der Stelle treten. Sie sollten auf ihre eigenen Stärken setzen und sie weiter ausbauen statt auf andere Branchen zu schielen und Prozessstandards von der Stange zu kaufen, die oftmals nicht zur eigenen Technologie passen. Mehr Selbstbewusstsein nach innen und nach außen: Das ist mein Rat. JUTTA WITTE