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Mittwoch, 20. Februar 2019

Industrie

Maschinenbauer rüsten auf gegen Produktpiraten

Von Chr. Hammerschmidt | 4. Mai 2012 | Ausgabe 18

Produktpiraterie macht deutschen Exportunternehmen das Leben zunehmend schwer: Auf die Rekordsumme von 7,9 Mrd. € beziffert der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Frankfurt, den Wert des entgangenen Geschäfts im vergangenen Jahr. Doch mit einer breiten Palette technischer und organisatorischer Maßnahmen wollen innovative Spezialfirmen den Plagiatoren jetzt das dunkle Geschäft verderben, wie sich in Hannover zeigte.

Ideen, wie man der Produktpiraterie einen Riegel vorschieben könnte, gibt es viele. Im Rahmen eines Gemeinschaftsstands auf der Hannover Messe demonstrierte die Arbeitsgemeinschaft Produkt- und Know-how-Schutz im VDMA praktische technische Ansätze. Die Bandbreite der Lösungen reicht von der Erzeugung einer unverwechselbaren und fälschungssicheren "Produkt-DNA" für Kunststoff- und Metallteile bis zum Schutz von Maschinensteuerung gegen Manipulation und gegen unerlaubtes Kopieren der Software mittels kryptografischer Techniken.

Die Leuchteigenschaften Seltener Erden nutzt beispielsweise ein Verfahren des Münsteraner Unternehmens Tailorlux GmbH. Um ein Produkt zu markieren, mischen Tailorlux-Kunden ihren Erzeugnissen Spuren eines von den Münsteranern gelieferten Leuchtpigments bei. Für das bloße Auge ist die Beimischung nicht zu erkennen, erst bei Bestrahlung mit einem UV-Laser offenbart sich das markierte Produkt: Je nach Zusammensetzung des Markers antwortet es auf die Bestrahlung durch das Zurücksenden von phosphoreszierendem Licht mit einem Spektrum, dessen Charakteristik ebenso individuell ist wie die beigefügte Mischung. Mehr als 300 Mrd. Varianten lassen sich herstellen und anhand ihres charakteristischen Spektrums unterscheiden. Daraus resultiert ein großer Spielraum für eindeutige Markierungen.

"Damit ist es praktisch unmöglich, eine Pigmentkombination exakt zu kopieren", erklärt Tailorlux-Entwicklungschef Dominik Ulrich. Die individuellen Lichtspektren werden digital erfasst und in einer Datenbank hinterlegt. Der Nachweis vor Ort erfolgt über ein kleines Spektrometer im Taschenformat. Das Spektrum wird mit den hinterlegten Datensätzen verglichen und ermöglicht laut Hersteller eine eindeutige Identifikation.

Ebenfalls mit den Phosphoreszenz-Eigenschaften chemischer Marker arbeitet ein Verfahren der Freiburger Firma Polysecure. Das Material wird beispielsweise im Spritzgussverfahren in der Masse des Produkts verteilt; bei Metallteilen wird es entweder in eine winzige Bohrung gefüllt oder, sofern der Schmelzpunkt des Werkstoffs niedrig genug ist, in das Metall gemischt. Zur Auswertung analysiert ein Messgerät bis zu 50 Parameter, darunter die spektrale Verteilung des erzeugten Lichts und dessen Abklingverhalten. Trotz der hohen Zahl der Messungen führt ein Messgerät die Identifikation eines fraglichen Teils in weniger als einer Zehntelsekunde durch – wichtig für Tests in laufender Produktion.

Das Anwendungsspektrum reicht von der Erkennung von Flüssigkeiten über mechanische Bauelemente bis hin zu sicherheitsrelevanten Verschleißteilen wie etwa Bremsbelägen. "Die Lastenhefte der Autohersteller für ihre Zulieferer enthalten bereits teilweise eine solche Kennzeichnungspflicht", so Polysecure-Geschäftsführer Jürgen Mößlein.

Ein Produktbereich, in dem die Produktpiraterie besonders grassiert, ist die Digitaltechnik. Vom Musikabspielgerät bis zur computergesteuerten Fertigungsstraße wird intensiv kopiert und gefälscht. Denn digitale Daten und Programme lassen sich leicht kopieren und direkt ins Entwicklungslabor der Produktpiraten übertragen. Weil das Know-how der Anbieter zunehmend in der Software steckt, richten sich die Attacken der Piraten denn auch vorrangig auf dieses Ziel – hier lässt sich mit vergleichsweise geringem Aufwand die fetteste Beute machen.

Doch auch hiergegen gibt es Abhilfe, etwa durch Verschlüsselung und Signieren der kritischen Dateien vor dem Ausführen von Programmen. Dem Schutz der Software eingebetteter Systeme hat sich beispielsweise die Fraunhofer-Einrichtung für Angewandte und Integrierte Sicherheit (AISEC) verschrieben. Die Forscher aus Garching bei München zeigten auf dem Gemeinschaftsstand ein Verfahren zur Verschlüsselung der Firmware – jener gerätespezifischen Software, die in einem Festwertspeicher im System gespeichert ist. Das von AISEC vorgestellte Verfahren soll die Firmware während der Verteilung und Aktualisierung sichern. Es ermöglicht damit ein sicheres Update, ohne dass ein Servicetechniker die Installation vor Ort durchführen muss. Auch das nicht autorisierte Auslesen der Firmware lässt sich unterbinden.

Wie sich eine Kundeninstallation gegen missbräuchliche Nutzung schützen lässt, zeigte eine Installation der Firma ZSK Stickmaschinen mit dem Softwareanbieter Wibu-Systems. Das Szenario: Hersteller modischer Textilien und Accessoires beklagen, dass häufig perfekte Fälschungen auf den Markt gelangen, die den Originalen aufs Haar gleichen. Die Herstellung der Plagiate erfolgt nicht selten mit den Originalsteuerdateien, etwa beim Aufsticken von Firmenlogos auf T-Shirts und Baseballkappen mittels digital gesteuerter Stickmaschinen. Das ist einfach zu bewerkstelligen: Die mit der Herstellung der entsprechenden Textilien beauftragte Firma legt einfach mit den Originalmaschinen und -dateien eine "Sonderschicht" ein und vermarktet die Produkte auf eigene Rechnung. Um solches zu verhindern, bedient sich ZSK Stickmaschinen eines Verfahrens zum Rechtemanagement von Wibu-Systems. "Die Steuersoftware zählt gewissermaßen bei der Fertigung mit wird die bestellte Stückzahl überschritten, so verweigert sie die Funktion", erläutert dazu der Wibu-Geschäftsführer Oliver Winzenried.

Die beschriebenen Systeme erschweren die Tätigkeit von Produktpiraten beträchtlich. Eine absolute Sicherheit gegen Produktpiraten bieten auch sie jedoch nicht. Um die Know-how-Diebe und Lizenzbetrüger sicher auszusperren, ist eine umfassende Abwehrstrategie vonnöten. Wie die aussehen könnte, erklärte Rainer Glatz, Geschäftsführer des VDMA-Arbeitskreises Produkt- und Know-how-Schutz. "Den besten Schutz erzielen Unternehmen durch eine Kombination von Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen. Dazu gehört der technische Produktschutz, aber Aufklärungsarbeit und die Sensibilisierung der Kunden sind notwendig. Notfalls müssen auch juristische Schritte erwogen werden." CHR. HAMMERSCHMIDT