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Dienstag, 23. Januar 2018

Strahlenschutz

Mit höheren Strommasten allein ist es nicht getan

Von Heinz Wraneschitz | 4. März 2016 | Ausgabe 09

Wie Mensch und Tier vor elektromagnetischen Feldern etwa von Hochspannungsleitungen geschützt werden können, ist in der neuen Verwaltungsvorschrift zum Bundesimmissionsschutzgesetz (26. BImSchV) festgeschrieben. Sie trat zum 1. Februar in Kraft. Doch nicht überall ist sie bereits bekannt.

Strahlen BU
Foto: Heinz Wraneschitz

Engere Abstände zwischen den Hochspannungsleitern oder auch höhere Strommasten sollen die elektromagnetischen Felder minimieren.

Der Schutz vor elektrischen und magnetischen Feldern soll auf Initiative des Bundesumweltministeriums (BMU) mit der Verwaltungsvorschrift verbessert werden. Sie erlaubt den zuständigen Landesbehörden künftig zu prüfen, ob das festgeschriebene Minimierungsgebot für solche Felder, die zum Beispiel von Stromtrassen ausgehen, eingehalten wird.

Strahlenschutz konkretisiert

Peter Ahmels schüttelt da nur den Kopf. Nein, von der neuen Verwaltungsvorschrift weiß er nichts. Dabei ist Ahmels von der Bundesregierung dazu berufen worden, die Bevölkerung über Sinn, Zweck und Gefahren des geplanten Hochspannungsleitungsausbaus kreuz und quer durch Deutschland zu informieren. Denn die Beratungsstellen der Deutschen Umwelthilfe (DUH), bei der Ahmels Leiter für Energie und Klimaschutz ist, werden aus dem Bundeswirtschaftsministerium bezahlt.

Die DUH-Büros, „Bürgerdialog Stromnetz“ genannt, finden sich vor allem an Orten nahe möglicher Trassen von Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ). Die sollen vom Norden in den Süden der Republik führen.

Ulrike Hörchens dagegen kennt die neue Verwaltungsvorschrift. Und sie verspricht: „Wir werden sie umsetzen beim Neubau von Leitungen und anderen Projekten. Mit welchen Maßnahmen, wird sich im Einzelfall zeigen.“ Wir, das ist der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) Tennet, deren Sprecherin Hörchens ist. Tennet soll im Südosten Deutschlands eine neue HGÜ-Trasse planen und bauen.

Offenbar war man sich bei Tennet und den anderen drei ÜNB in Deutschland unsicher, was genau die 26. BImSchV gemeint hat mit dem „Stand der Technik“ für elektrische Felder. Nun freut sich aber Hörchens: „Den beschreibt die Verwaltungsvorschrift erstmals konkret.“

Auch wenn noch nicht klar sei, was genau verändert werden müsse bei neuen und alten Leitungen. Dafür sei die Vorschrift noch zu neu. Und außerdem, so ergänzt die Tennet-Sprecherin, habe man in Deutschland eh schon „sehr niedrige elektrische Felder. Selbst bei voller Auslastung erreicht man die Grenzwerte nie.“

Wilfried Kühling sieht das nicht so positiv. „Bei der Frage der Vorsorge hat der Gesetzgeber einen weiten Ermessensspielraum, aber den nützt er nicht aus“, meint der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des BUND. Es gebe Wirkungsanalysen solcher Strahlungen, sagt er, „deren Erkenntnisse sind relativ sicher. Aufgrund dieser Wirkungen könnte man gesetzgeberisch Maßnahmen festlegen.“

Das aber passiere nicht mit der neuen Verwaltungsvorschrift, kritisiert Kühling. „Tendenziell glaube ich deshalb nicht, dass es dadurch Verbesserungen gibt. Und wirklich minimierend ist die Vorschrift schon gar nicht.“

Als konkrete Minimierungsmaßnahmen schlägt das Bundesumweltministerium (BMU) vor, die Abstände zwischen den einzelnen Leitern zu reduzieren, sodass sich die elektrischen und magnetischen Felder bestmöglich kompensieren; die Distanz zwischen den Leitern einer Anlage und den maßgeblichen Minimierungsorten zu vergrößern, indem Freileitungen auf höhere Masten montiert oder Erdkabel tiefer im Boden verlegt werden; bei Umspannstationen die feldverursachenden Anlagenteile mit größtmöglicher Distanz zu maßgeblichen Minimierungsorten zu errichten oder die Betriebsmittel, die Spannungen und Ströme mit unterschiedlicher Phase führen, möglichst nah zusammen aufzubauen.

Zugleich schränkt das Ministerium wachsweich ein: „Welche technischen Minimierungsmaßnahmen gegebenenfalls bei einer Anlage zur Anwendung kommen, ist in der Regel im Einzelfall zu betrachten.“ Der Einzelfall – das sind laut BMU „ortsfeste Niederfrequenz- (NF) und Gleichstromanlagen, die neu errichtet oder wesentlich geändert werden, mit einer Nennspannung von größer 1000 V für NF-Anlagen von 1 Hz bis 9 kHz und größer 2000V für Gleichstromanlagen.“

Was die 26. BImSchVVwV aber offensichtlich verbessert, ist das einheitliche Umsetzungs-, Prüf- und Bewertungsschema für den Vollzug des Minimierungsgebots. „Die einheitlichen Regelungen kommen dem bundesweit notwendigen Ausbau der Stromnetze zugute“, verkündet Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Auch wenn das Ministerium auf Nachfrage einschränkt: „Die Überprüfung erfolgt im Ermessen der zuständigen Vollzugsbehörden.“

Und wie ist es anderswo in Europa um die Hochspannungsstrahlung bestellt? In der Schweiz etwa gelten sogenannte Anlagengrenzwerte. Die beschränken den Immissionsbeitrag einer Anlage an bestimmten Orten auf 1 µT (Mikro-Tesla), ein Hundertstel des hiesigen Wertes.

Warum gelten nicht auch in Deutschland diese strengeren Regeln? Dazu das BMU: „In Deutschland gelten die gleichen Grenzwerte wie in anderen europäischen Ländern. Die Schweizer Anlagengrenzwerte sind dagegen nicht wissenschaftlich abgeleitet und auch nicht überall einzuhalten.“ Ein Satz, der bei Fachleuten wie Wilfried Kühling Kopfschütteln verursachen dürfte.

 

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