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Dienstag, 23. Januar 2018

Gebäudeausstattung

Mitalternde Wohnung statt Pflegeheim

Von Bernd Müller | 10. Dezember 2010 | Ausgabe 49

Intelligente Wohnungen können ältere Menschen beim Leben zu Hause unterstützen. Ein Symposium in Stuttgart zeigte Fortschritte, aber auch Nachholbedarf. Die Crux: Architekten und Handwerker reden ihren Kunden den Einbau der Systeme oft aus.

Was ist ein Smart Home? Eine Garage für ein besonders kleines Auto. Diese meist ernst gemeinte Antwort hat Günther Ohland schon oft gehört. Ohland ist Vorsitzender der Smart Home Initiative e.V., die sich mit dem intelligenten Haus der Zukunft beschäftigt und sich fragt, warum die Nachfrage so schleppend verläuft, wo doch die Vorteile so überzeugend klingen: Das Smart Home ist komplett vernetzt, bietet höchsten Komfort durch intelligente Steuerung für Heizung und Licht und lässt sich obendrein vom Smartphone aus fernsteuern.

Beim Smart-Home-Symposium am
3. Dezember in Stuttgart stand die wohl wichtigste Zielgruppe für Smart-Home-Produkte im Fokus: ältere Menschen, die möglichst lange in den eigenen vier Wänden ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. Unter dem Stichwort Ambient Assisted Living (AAL) wurde diskutiert, wie unsichtbare Assistenzsysteme Senioren dabei unterstützen können.

Helfer für Senioren

Treiber für AAL ist der demographische Wandel. Der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt in den nächsten Jahrzehnten rapide an – und damit auch der Pflegebedarf, den die immer weniger jungen Menschen gar nicht mehr erbringen können.

"Technik muss helfen, die Folgen abzufedern", forderte Birgid Eberhardt, Projektleiterin der Innovationspartnerschaft AAL von BMBF und VDE. Die Technik dürfe aber nicht stigmatisieren – wie etwa Seniorenhandys mit klotzigen Jumbotasten. Eberhardt: "Die Menschen wollen alt werden, nicht alt sein."

Wie aber sieht das intelligente Haus der Zukunft aus, das die Senioren unterstützt? "Setzen Sie sich in Ihr Auto", empfahl Thomas Keiser, stellvertretender Vorsitzender des Kompetenzzentrums Telematik, Mobile Computing und Customer Care in Stuttgart. Die vielen Assistenzsysteme, die dort im Hintergrund arbeiteten, seien ein Vorgeschmack auf das, was uns zu Hause noch bevorstehe.

Doch was im Auto selbstverständlich ist, hat sich im Haus noch nicht durchgesetzt. "Es gibt noch keinen Bedarf für Smart-Home-Produkte, weil es kein Bedürfnis gibt", sagte Keiser. An fehlenden Produkten liegt es nicht, da waren sich alle Referenten des Symposiums einig. Es gibt bereits ein Vielzahl von preisgünstigen Angeboten zur Ausrüstung von Wohnungen – vom drahtlosen Lichtschalter über Sturzsensoren im Teppichboden bis zur automatischen Abschaltung von Elektrogeräten.

Ob die schwache Nachfrage tatsächlich am fehlenden Bedürfnis der Senioren liegt, bezweifelt Ohland allerdings. Der Vorsitzende der Smart Home Initiative bekommt ständig verzweifelte Anfragen von Menschen, die sich für AAL-Produkte interessieren, aber nicht wissen, wo sie diese beziehen können.

Beim Nachfragen zeigt sich, dass es vor allem die Architekten sind, die den potenziellen Kunden ihre Wünsche ausreden. Das sei alles noch Zukunftsmusik und nicht ausgereift, heißt es dann.

Gleicher Tenor bei den Handwerkern: Diese denken streng abgegrenzt in Gewerken und haben kein Interesse am Smart Home. Wenn aber zum Beispiel der Fensterbauer nicht mit dem Heizungsinstallateur redet, macht ein Produkt wie der Funksender im Fenstergriff, der den Thermostat bei geöffnetem Fenster automatisch schließt, keinen Sinn. Ohland fordert deshalb eine Qualifizierungsoffensive für Smart-Home-Fachplaner, die Architekten und Bauherren bei der Planung unterstützen.

Auch bei den Produkten gibt es noch Arbeit. Zwar gebe es schon so einiges, doch "viele Zutaten ergeben noch kein Menü", sagte Keiser.

Ein Problem sind immer noch die Nutzerschnittstellen. Dort geht der Trend weg von der Fernbedienung nach TV-Vorbild und hin zu Webpads nach dem Vorbild des iPads. Ein Dutzend AAL-Testwohnungen versucht solchen Vorlieben auf die Spur zu kommen.

Besonders im Fokus: Ältere Frauen. 85 % der über 85-jährigen Frauen leben allein, die Hälfte von ihnen leidet an Demenz. Evaluationen der Johanniter-Unfall-Hilfe zeigen, dass sich gerade diese Zielgruppe besonders für AAL-Dienstleistungen interessiert, von den meist männlich dominierten Entwicklern aber zu wenig berücksichtigt wird.

Die größte Herausforderung aber ist nicht die Technik, sondern die Dienstleistung, die im Hintergrund angeboten werden muss. Hans-Christian Walter, Professor an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin und Projektberater des Deutschen Roten Kreuzes, stellte den Assistenzring des DRK vor. Eine Zentrale wickelt automatische Notrufe von AAL-Geräten der Kunden ab und berät die Patienten rund um die Uhr. Bei Tücken der Technik hilft die Zentrale per Fernsteuerung und lässt zum Beispiel die Rolläden hoch. Doch viele Dienste sind erst im Planungsstadium.

Die Botschaft des Symposiums: AAL für Senioren ist da und kostet verglichen mit Plätzen im Pflegeheim viel weniger. Um endlich eine kritische Masse zu erreichen, unterstützt das Bundesforschungsministerium das Projekt "1000 Wohnungen", in dem Wohnungen mit AAL-Technik altersgerecht nachgerüstet werden sollen. Wichtig ist laut Eberhardt die Begleitforschung: "Damit stellen wir sicher, dass wir die Menschen mitnehmen." BERND MÜLLER

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