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Mittwoch, 24. Januar 2018

Umwelt

Mobiler Hochwasserschutz statt Sandsäcke

Von Renate Ell | 25. Oktober 2013 | Ausgabe 43

Alle paar Jahre ein Jahrhunderthochwasser – das ist tatsächlich so: Ein Wasserstand, der früher statistisch nur alle 100 Jahre auftrat, wird heute zwei- bis dreimal im Jahrzehnt gemessen. Das Klima ändert sich, die Statistiken stimmen nicht mehr - und auf diese Situation ist Europa schlecht vorbereitet. So lautete das Fazit der Veranstaltung "Land unter in Europa", zu der die Messe "acqua alta alpina" Fachleute aus Wissenschaft, Behörden und Industrie Ende September nach Salzburg eingeladen hatte.

Schlimmer hätte es kaum kommen können: die Böden wassergesättigt – Ende Mai wurde die höchste Bodenfeuchte seit 50 Jahren gemessen – und dann noch eine so genannte "Vb-Wetterlage". Also ein Tiefdruckgebiet, das sich über der warmen Adria mit Wasser geradezu vollsaugt, dann um die Alpen herum nach Norden strömt, dort auf skandinavische Kaltluft trifft und deshalb das ganze Wasser wieder verliert – in Form von Dauerregen.

Das war die Situation, aus der sich Anfang Juni das extreme Hochwasser an Donau, Elbe und vielen ihrer Nebenflüsse entwickelte. Und das könnte in Zukunft noch häufiger passieren, sagt Harald Kunstmann vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT): "Wenn es wärmer wird, kann die Luft über der Adria noch mehr Feuchtigkeit fassen, entsprechend kann es dann in Deutschland zu viel größeren Niederschlägen kommen, als wir das bisher kennen. Und Klimamodelle zeigen auch, dass solche Wetterlagen in Zukunft weit häufiger auftreten werden als bisher."

Dann sieht man wieder die bekannten Bilder im Fernsehen: Die Feuerwehr fährt mit Booten durch überflutete Straßen, um die Anwohner zu evakuieren, und Helfer schaufeln Sand in Säcke. Denn vielerorts fehlt immer noch ein wirksamer technischer Hochwasserschutz.

Schäden in Höhe von 6,7 Mrd. € richtete das Wasser im Juni dieses Jahres an. "Was hätte man damit für den Hochwasserschutz tun können", klagt Christian Wirz, Vorstandsvorsitzender des Europaverbands Hochwasserschutz, München. "Aber der scheitert daran, dass die Gemeinden, selbst wenn sie für den Bau Zuschüsse zugesichert bekommen, eigenes Geld für die Co-Finanzierung in die Hand nehmen müssten, davor scheuen sie sich. Also warten sie, bis die Flut kommt, dann gibt es Gelder vom Land, vom Bund, von der EU, und alles wird schöner als vorher."

Aber wenn gebaut werde, so Wirz, dann nicht immer das Optimale. Der Verband klagt regelmäßig gegen Ausschreibungen, in denen – entgegen deutschem und EU-Recht – bestimmte technische Systeme genannt werden. "Je bunter die Referenzmappen, desto verführerischer", sagt Wirz, "denn Planer und Ingenieurbüros wissen wenig über technischen Hochwasserschutz, da wäre Schulung notwendig."

Mancherorts verzögert sich auch der Bau von Hochwasserschutz, weil Bürger, wie in Grimma, gegen eine Mauer klagen, weil sie das Ortsbild zweifellos nicht verschönert. Dabei gäbe es Alternativen: mobilen Hochwasserschutz aus Aluminium oder Kunststoff, der nachhaltiger und wirksamer ist als Sandsäcke, die von der Befüllung bis zur Entsorgung pro Stück immerhin 12 € kosten. In manchen Überschwemmungsgebieten liegt heute noch der mit Heizöl kontaminierte Sand herum, weil das Geld für die Beseitigung fehlt.

Neben der Klimaänderung sind zugebaute Überschwemmungsgebiete der zweite wichtige Grund für Hochwasser. "Gebt den Flüssen ihren Raum", forderte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nach dem Oderhochwasser 1997 – doch variable Polder auszuweisen ist heute sogar noch schwieriger als damals. Denn wegen des Biogasbooms sind Landwirten heute selbst weniger fruchtbare Äcker dafür zu wertvoll.

Entsprechend zäh laufen die Verhandlungen – Politiker drohen schon mit Enteignungen, während Landwirte auf die zunehmende Versiegelung der Böden verweisen. Womit sie nicht ganz unrecht haben: Obwohl in ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten nicht gebaut werden sollte, entstehen dort noch viel zu oft Gewerbegebiete oder Siedlungen.

Viele Schäden ließen sich vermeiden – doch einen 100 %igen Hochwasserschutz wird es nie geben, darin sind sich die Experten einig. Und wenn das Wasser über die Deiche schwappt, ist die optimale Koordination der vielen Helfer entscheidend. "Das Lernen aus der Katastrophe ist heute eine der wichtigsten Funktionen des Katastrophenmanagements", sagt Florian Rudolf-Miklau vom österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.

Eine gute Dokumentation früherer Katastrophen sowie aktuelle Daten helfen sowohl bei der Vorsorge als auch bei der Planung zukünftiger Hilfseinsätze eine Manöverkritik nach dem Einsatz ist inzwischen Standard bei den Hilfsorganisationen. Denn nach dem Hochwasser ist vor dem Hochwasser. RENATE ELL

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