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Mittwoch, 20. Februar 2019

Automobil

Notbremssysteme senken Kollisionsgefahr

Von Hans W. Mayer/Wolfgang Pester | 28. Januar 2011 | Ausgabe 4

Trotz stark gestiegener Fahr- und Transportleistungen ist die Zahl von schweren Unfällen mit Nutzfahrzeugen deutlich rückläufig. Die weitere Erhöhung der Sicherheit bleibt im Fokus, vor allem durch aktive Sicherheitssysteme, die bei- spielsweise Auffahrunfälle von Lkw verhindern können.

In Deutschland ist die Zahl der bei Unfällen mit Nutzfahrzeugen Getöteten von 1696 im Jahr 2000 um 47 % auf 892 in 2009 zurückgegangen. Dennoch bleibt ein beträchtliches Verbesserungspotenzial, wie Dekra-Vorstand Clemens Klinke kürzlich auf einem Dekra/VDI-Symposium zur "Sicherheit von Nutzfahrzeugen" hervorhob: "Die drei häufigsten Unfallarten, wie Auffahren auf ein anderes Fahrzeug, Abkommen von der Fahrbahn und Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern, können zwar dank effizienter Fahrerassistenzsysteme wie Notbremsassistent oder Spurhalteassistent wirksam reduziert werden, aber die Ausstattungsquote in schweren Lkw liegt heute erst unter 10 %."

Für deutsche Fernstraßen wird bis 2025 mit einem Anstieg der Güterverkehrsleistung um 71 % gerechnet, wie auf dem Symposium in Altensteig-Wart, Baden-Württemberg, zu hören war. Obwohl die Zahl von schweren Lkw-Unfällen stark abnehmende Tendenz aufweise, bleibe jedoch erheblicher Handlungsbedarf, erklärten Verkehrswissenschaftler und Unfallforscher auf dem internationalen Symposium. Vor allem die weitere Verbesserung von aktiven Sicherheitssystemen rückten sie in den Mittelpunkt des Interesses.

Mit wesentlichen Verbesserungen rechnet Klinke deshalb erst nach Inkrafttreten der entsprechenden EU-Gesetze. Die würden ab November dieses Jahres den obligatorischen Einbau von ESP in alle neuen Lkw vorsehen und 2013 die Notbrems- und Spurhalteassistenten zur Pflichtausrüstung machen.

Durch die Einführung automatischer Notbremssysteme kann laut Klinke nicht nur die Zahl der Auffahrunfälle entscheidend verringert werden – mit 30 % die Hauptursache von Lkw-Kollisionen –, sondern damit ist auch eine neue Dimension im Insassenschutz zu erreichen, weil sich die von der Fahrzeugelektronik generierten Pre-Crash-Daten für eine frühzeitige Aktivierung der Rückhaltesysteme nutzen lassen. Das derzeit passiv abwartende Gurt-Airbag-System könnte sich dadurch in ein proaktives Pre-Crash-Rückhaltesystem verwandeln, das bereits 100 ms vor Crashbeginn auslöst. Durch diesen Zeitgewinn, so Klinke, würde die Insassenbelastung sinken und das Schutzniveau steigen.

Laut einer Studie des Allianz-Zentrums für Technik (AZT) könnten durch flächendeckenden Einsatz von Fahrerassistenzsystemen 24 % der durch Auffahrunfälle und 49 % der durch Abkommen von der Fahrbahn verursachten Schäden vermieden werden. Den jährlichen Schaden allein durch diese beiden Unfallarten bezifferte Jens Wendling von der Kravag-Versicherung auf etwa 370 Mio. € und das Minderungspotenzial auf rund ein Drittel.

Aufschluss über eine eintretende Schadenminderung soll ein derzeit laufender, wissenschaftlich begleiteter Feldversuch mit 2000 Nutzfahrzeugen geben. Eine Hälfte davon sei mit den erwähnten Fahrerassistenzsystemen ausgerüstet, die andere nicht. Untersucht werden soll ferner, ob das Plus an aktiver Sicherheit womöglich durch den sogenannten Titanic-Effekt wieder ganz oder teilweise aufgezehrt wird, also ob die Fahrer im Vertrauen auf die Technik weniger Pausen machen, den Abstand zum Vordermann verringern und generell unaufmerksamer fahren.  

  HANS W. MAYER/WOP