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Donnerstag, 21. Februar 2019

Energiewirtschaft

RWE-Tochter Innogy steht vor Radikalkur

Von Ralf Köpke | 24. Januar 2014 | Ausgabe 4

Mit dem Grünstromableger RWE Innogy wollte der Essener Konzern seit 2008 beweisen: Wir können auch anders. Doch die ursprünglichen Investitionsabsichten von 1 Mrd. € per annum in Ökostromanlagen sind nicht mehr haltbar. In Zukunft muss Innogy also kräftig sparen, in zwei Jahren soll die Belegschaft auf etwa 750 Mitarbeiter halbiert sein.

Errichterschiff Victoria Mathias
Foto: RWE

Einst große Pläne hatte RWE Innogy im Bereich Offshore-Windkraft. Große Projekte wurden gestemmt, wie „Thornton Bank“ in Belgien, auch eine eigene Flotte (im Bild: Errichterschiff Victoria Mathias) kam hinzu. Jetzt muss kräftig gespart werden.

Wie es so seine Art war, sprach Jürgen Großmann im November 2007 vollmundig von "einer grundlegenden Weichenstellung". Als damaliger Chef des Energiekonzerns RWE hatte er eine neue Führungsgesellschaft aus der Taufe gehoben, in der konzernweit alle regenerativen Aktivitäten gebündelt werden sollte. Die trägt den Namen RWE Innogy, geleitet bis 2012 vom ehemaligen Hamburger Umweltsenator, SPD-Mitglied und Repower-Chef Fritz Vahrenholt.

Jährlich mindestens 1 Mrd. €, so Großmanns, könnte RWE Innogy in Wind, Solar und Biomasse investieren. Ein hehres Ziel verfolgte Großmann damit: RWE sollte den Anteil der Ökoenergien an der eigenen, extrem kohlelastigen Stromerzeugung von damals 5 % auf über 20 % bis Ende 2020 ausbauen.

Bei seinem Rückblick auf das letzte Geschäftsjahr nannte jüngst Hans Bünting, seit Anfang 2012 Fahrenholts Nachfolger als Innogy-Chef, zwar viele Zahlen, das 20 %-Ziel klammerte er aber aus. Fraglich ist, ob RWE in die Reichweite dieser Marke kommt. Die Essener fahren nämlich ihre Investitionen in grüne Energien weiter zurück – weiter, als ohnehin schon geplant.

Schon auf der letztjährigen Bilanzpressekonferenz im Februar 2013 hatte Peter Terium, Großmanns Nachfolger als RWE-Konzernvorsitzender, verkündet, dass 2014 und 2015 nur jeweils 500 Mio. € für den Fördertopf zur Verfügung ständen. Auf der bevorstehenden Bilanzpressekonferenz am 4. März wird Terium eine weitere Kürzung verkünden. Er muss den Spagat vollbringen, bei einem Schuldenstand von deutlich über 30 Mrd. € bei gleichzeitig wegbrechenden Gewinnen aus der bislang lukrativen Stromerzeugungssparte den Konzern irgendwie auf Kurs zu halten.

Das wirkt sich bei Innogy auch auf die Belegschaftsstärke aus: Hatte der Grünstromableger bis Ende 2013 weltweit rund 1500 Mitarbeiter auf der Lohnliste stehen, gab es durch RWE-interne Umstrukturierungen mit dem Jahreswechsel einen Aderlass von gleich gut 250 Beschäftigten, weitere solcher Verlagerungen sollen folgen.

Betriebsbedingte Kündigungen sind bei RWE bis Ende 2014 zwar ausgeschlossen, dennoch rechnet Bünting damit, dass ihm ein Jahr später nur noch "700 bis 800" Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Sprich, RWE halbiert binnen von zwei Jahren seine grüne Stoßtruppe.

Der bisherigen Mannschaftsstärke hätte es nach Aussage von Bünting auch nicht länger bedurft. Denn die Zeiten, in denen RWE Innogy auf das Wachstum von Megawattzahlen fokussiert gewesen ist, sind vorbei. Für diese Kehrtwende hat RWE mit "From volume to value" einen neuen, wohlklingenden Slogan geschaffen, sprich künftig soll die Ökostromsparte verstärkt mit Dienstleistungen und Services nachhaltig Geld verdienen.

Das beginnt mit der Betriebsführung und dem Service von Windparks. Im Visier hat RWE Innogy auch, in die Projektentwicklung von Windparks einzusteigen. "Wir können dabei auf positive Erfahrungen aus Großbritannien zurückgreifen", sagte Bünting.

Forcieren will RWE Innogy demnächst die Strategie, Ökokraftwerke vor allem zusammen mit Finanzinvestoren, Versicherungen oder Stadtwerken zu bauen. Partnering heißt das neue Zauberwort. Die Vorteile liegen auf der Hand: RWE kann sein Investitionsbudget schonen. Die Gelder der Partner wirken sich zudem "bilanzschonend" (O-Ton Hans Bünting) aus, sprich der Verschuldungsgrad steigt nicht weiter und lässt das Rating bei den Banken nicht weiter sinken.

In der Regel will RWE bei den kleineren Partnerprojekten die Mehrheit sowie den Zugriff auf Betriebsführung und Wartung behalten, sprich sich so kontinuierliche Einnahmen sichern.

Bei größeren Vorhaben wie Offshore-Windparks wird sich RWE mit einer Minderheitsrolle zufriedengeben. "Großprojekte können wir leider nicht mehr allein finanzieren", meinte Bünting. Künftig setzt RWE nicht nur auf das Geld externer Investoren, sondern auch auf eine Bankenfinanzierung. Die Zeiten, in denen der Konzern für seine Tochtergesellschaften in Vorkasse ging, sind einfach vorbei.

Eine Bankenfinanzierung ist beim Vorhaben "Nordsee One" vorgesehen, einem Offshore-Windpark mit 332 MW Leistung, für das in diesem Jahr die Investitionsentscheidung vorgesehen ist. Bei diesem Projekt will sich RWE selbst nur mit 25 % beteiligen.

Auch wenn der Essener Energiekonzern der Offshore-Windenergie verbal die Stange hält, ist eine gedrosselte Euphorie zu spüren. Mehrere geplante Folgeprojekte in Großbritannien, aber auch in der deutschen Nordsee verschieben sich zeitlich nach hinten.

"In Deutschland warten wie ab, wie die künftige Offshore-Windenergieförderung bei der anstehenden Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wirklich konkret ausfällt", begründet Bünting den noch diffusen Zeitplan für die Folgeprojekte. Was sich auch anders ausdrücken lässt: Noch weiß die RWE-Spitze nicht, ob und wenn ja, wie sie diese milliardenschweren Investitionen auf See finanzieren soll.

Eines hat sich in gut sechs Jahren Wirken von RWE Innogy gezeigt: Auch bei dem Verbundunternehmen wachsen die grünen Bäume nicht in den Himmel. Für das vergangene Geschäftsjahr kündigte Bünting einen operativen Gewinn von 183 Mio. € an, ein Wert, der auf dem Niveau von 2012 liegt. Frühere Businesspläne hatten ein operatives Ergebnis von 500 Mio. € für 2013 vorgesehen. Auch das führt mit dazu, dass RWE Innogy wohl – später als geplant – 2015 oder 2016 erstmals unter dem Strich schwarze Zahlen schreiben wird. Eine "grundlegende Weichenstellung" sieht irgendwie anders aus. RALF KÖPKE