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Donnerstag, 21. März 2019

Kreislaufwirtschaft

Recyclingwirtschaft setzt an zum Höhenflug

Von Rolf Müller-Wondorf | 4. Mai 2012 | Ausgabe 18

Der weltweite Rohstoffhunger treibt die Nachfrage nach aufbereiteten Wertstoffen in die Höhe. Bereits heute bezieht die deutsche Industrie 15 % ihres Rohstoffbedarfs von der Recyclingindustrie. Insbesondere im Bereich Elektroaltgeräte will die Branche über neue Erfassungssysteme weitere Potenziale heben.

Die Recyclingwirtschaft gewinnt in Deutschland rasant an Bedeutung. "In etwa zehn Jahren wird die "Green Economy" und damit die Recyclingwirtschaft hierzulande größer sein als die Automobilindustrie. Dies zeigt die enorme wirtschaftliche Macht dieses Industriebereichs", prognostizierte Eric Schweitzer im Gespräch mit den VDI nachrichten. Weltweit, so das Vorstandsmitglied der Berliner Alba Group und Mitglied des Rats für Nachhaltige Entwicklung, Berlin, würden sich die Märkte der Green Economy bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Diese Entwicklung biete der deutschen Kreislaufwirtschaft und der sie beliefernden Maschinen- und Anlagenindustrie große Chancen.

Schweitzer: "Deutschland hat bei hochmodernen Aufbereitungs-, Sortier- und Recyclinganlagen heute einen Weltmarktanteil von 25 %. Und der Bedarf an dieser Technik wird weiter stark wachsen." Denn die deutsche Industrie bezieht beispielsweise nach Aussage des Alba-Vorstands bereits heute 15 % ihres Rohstoffbedarfs von der Recyclingindustrie. Alleine sein Unternehmen gewinne jährlich mehr als 7 Mio. t Rohstoffe aus Abfällen, um sie der produzierenden Industrie zur Verfügung zu stellen.

Allerdings sind nach Ansicht von Schweitzer die Voraussetzungen in Deutschland – insbesondere für das Elektrorecycling – derzeit nicht optimal. Es gebe zwar ein einheitliches Erfassungssystem für Elektroaltgeräte, aber es sei nicht nah genug an den Haushalten. Die Wertstoffhöfe würden von vielen Bürgern nicht genutzt, zudem sorgten die nahezu überall agierenden illegalen Händler dafür, dass große Mengen an Altgeräten gar nicht erst bei den Wertstoffhöfen ankämen. "Um höhere Erfassungsquoten zu erzielen, brauchen wir ein System, das dichter am Bürger dran ist", erklärte der Alba-Vorstand.

Auch Prof. Martin Faulstich, Vorsitzender des von der Bundesregierung eingerichteten Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU), Berlin, ordnete auf einer Fachtagung anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE), Berlin, im Herbst das Thema Elektrorecycling in die globale Rohstoffsituation ein. Die Industrienationen hätten in den vergangenen 50 Jahren einen immer größeren Rohstoffhunger entwickelt. Dieser sei inzwischen so stark, dass der Welt perspektivisch eine Rohstoffknappheit drohe, wie der Wissenschaftler hervorhob.

Faulstich: "Von 103 Elementen des Periodensystems werden heute 90 Elemente für unsere Hightechgesellschaft genutzt. In den USA beträgt der jährliche Ressourcenverbrauch pro Kopf 32 t, in Deutschland 12 t und in Indien 3 t. Wir müssen Wege finden, die diesen extensiven Verbrauch beenden. Wir brauchen mehr Ressourceneffizienz und mehr Recycling." Eine strategische Herausforderung sei es, Recyclingverfahren für alle Hightechmetalle zu finden. Derzeit, so der Experte, läge die Recyclingquote für seltene Erden noch unter 1 %.

"Durch intelligente Materialauswahl und Konstruktion müssen Güter so gebaut werden, dass sie am Ende möglichst vollständig recycelt werden können", skizzierte Faulstich seine Vorstellung einer Wertschöpfungskette, die weitgehend auf der Nutzung von Sekundärrohstoffen basiert. "Wir brauchen langlebige und zeitlose Produkte und bei größeren Produkten – etwa Autos – sollte künftig das Motto ‚nutzen statt besitzen‘ gelten", erklärte der SRU-Vorsitzende und forderte, dass künftig solche Güter nur noch geleast werden sollten. Er habe eine Vision, wie künftig 10 Mrd. Menschen in einer nachhaltigen Industriegesellschaft leben könnte: "Das", so Faulstich, "wird eine Gesellschaft sein, die sich zu 100 % auf erneuerbare Energien und zu 100 % auf Recycling stützt." Ob und wann dieser Zustand erreicht werde, hänge jedoch nicht unwesentlich von den Lebensstilen der Menschen ab.

Auch nach Ansicht von Holger Alwast, Entsorgungs- und Energiewirtschaftsexperte der Berliner Niederlassung des Beratungsunternehmens Prognos sind die aktuellen Erfassungsquoten für Elektroaltgeräte noch deutlich steigerungsfähig. Derzeit würden zwar 93 % der IT-Geräte und 82 % der TV-Geräte, aber nur 34 % der Haushaltsgroßgeräte und 37 % der Haushaltskleingeräte erfasst und einer Verwertung zugeführt. Alwast griff die Forderung von Alba-Vorstand Schweitzer auf, als er sagte: "Je dichter wir mit dem Service an den Endkunden gehen, desto erfolgreicher wird die Erfassung."

Wesentlich größere Reserven als in Deutschland gibt es laut Alwast in Europa. Speziell in Osteuropa habe das Recycling bislang kaum Fuß gefasst, dort würden große Mengen werthaltiger Abfälle unverändert auf Deponien landen. Schlusslicht bei der Siedlungsabfallerfassung sei Rumänien mit einer Quote von 52 %. Insgesamt würden in Europa pro Jahr noch 100 Mio. t Abfälle deponiert. Hier müsse dringend umgesteuert werden, um mehr Materialien für das Recycling zu nutzen und einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Thomas Rummler, Abfallwirtschaftsexperte des Bundesumweltministeriums (BMU), Berlin, verwies während der BDE-Fachtagung darauf, dass sich das Konzept der Stiftung Elektro-Altgeräte Register (EAR) bewährt hat. "Die Registrierung funktioniert und die Recyclingquoten wurden übererfüllt", so der Leiter der BMU-Unterabteilung WA II. Um die Potenziale für mehr Altgeräterecycling weiter zu heben, müsste jedoch die Gesetzgebung weiterentwickelt werden. Derzeit sehe man sich mit etlichen Problemen (z. B. Beraubung bei Sammlung, die Vermischung von Sammelgruppen, illegale Exporte) konfrontiert, die es abzustellen gelte.

Das bestätigte auch EAR-Vorstand Alexander Goldberg: "Die systematische Beraubung bei Elektroaltgeräten belasten das Recyclingsystem und macht uns zu schaffen. Wir bekommen zum Teil entkernte Computer und Geräte, bei denen alle Kabel fehlen. Die Beraubungsquote liegt bei bis zu 40 %. Hier brauchen wir dringend dichtere Kontrollen."   ROLF MÜLLER-WONDORF