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Montag, 22. Januar 2018

Rohstoffpolitik

Rohstoffwende in der chemischen Industrie möglich

Von Oliver Ristau | 25. Oktober 2013 | Ausgabe 43

Aus ein und derselben Pflanze lässt sich Energie gewinnen oder ein Kunststoff produzieren. Die Umwandlung von Biogas zu Strom und Wärme werde gefördert, die Kunststoffproduktion hingegen nicht, kritisiert der Wissenschaftler Hans-Josef Endres im Interview.

VDI nachrichten: Die Prognosen für Biokunststoffe sind positiv: Die Kapazitäten sollen kräftig steigen. Die Realität sieht anders aus. Woran hapert es bei der flächendeckenden Einführung von Biokunststoffen?

Endres: In der Tat lassen sich theoretisch schon heute fast alle bekannten Kunststoffe mit nachwachsenden statt petrochemischen Rohstoffen herstellen. Doch die Bio-Kunststoffe treffen auf einen gesättigten und funktionierenden Markt und sind zudem um den Faktor 1,2 bis 2,5 teurer als herkömmliche Konkurrenzprodukte. Wir haben ein Henne-Ei-Problem: Kleine Mengen treiben den Preis, ein hoher Preis senkt die Nachfrage, und das führt wieder zu kleinen Produktionsmengen.

Hans-Josef Endres

Welchen Anreiz brauchen die Firmen, um die neuen Werkstoffe trotz höherer Kosten einzusetzen?

Analog zur Energiewende können wir eine Rohstoffwende in der chemischen Industrie schaffen. Dafür müssen wir aber die Förderung regenerativer Rohstoffe angleichen, egal ob sie – wie bei der Biomasse – nun energetisch zur Stromerzeugung oder stofflich zur Herstellung von Biokunststoffen genutzt werden. Ein Beispiel: Die Verwertung von Biogas zu Strom und Wärme wird gefördert, die Nutzung des Biomethans zur Herstellung eines Kunststoffes aber nicht.

Ein Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für Biokunststoffe?

Wir brauchen kein neues Fördergesetz für die Kunststoffe, aber ein EEG, das alle regenerativen Rohstoffe unabhängig von der stofflichen oder energetischen Nutzung gleich behandelt. Technisch könnten wir auch wie beim Kraftstoff E10 Quoten für den Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen für einzelne Kunststoffe einführen: etwa von 10 % für biobasiertes PET in herkömmlichen PET-Flaschen oder für biobasiertes Polyethylen in Plastiktüten. Bei der Altautoverordnung könnten wir die Verbrennung von biobasierten Autoteilen bei der Entsorgung erlauben. Das wäre ein Anreiz für die Automobilindustrie, auf solche Werkstoffe zu setzen.

Und ohne Förderung bleiben die Prognosen Makulatur?

Nein, das globale Wachstum der Biokunststoffe wird sich fortsetzen. Wir würden es damit jedoch schaffen, dass Wachstum auch in Deutschland und Europa und nicht ausschließlich nur in Asien und Südamerika stattfindet.

Setzen diese Länder stärker auf Biokunststoffe als wir?

In Brasilien wird schon lange auf Basis von Zuckerrohr Bioethanol erzeugt, und seit ein paar Jahren wird dieser biobasierte Alkohol dort für die Herstellung von Bio-Polyethylen verwendet. Dort sind solche Anlagen politisch gewollt und Fabriken werden gefördert. Die neuen Produktionsanlagen für Biokunststoffe entstehen daher derzeit außerhalb Europas.

Bei Getreide, Pflanzenölen und anderen Rohstoffen handelt es sich um potenzielle Nahrungsmittel. Bekommen wir nicht ein zusätzliches Ressourcenproblem durch Biokunststoffe?

Biokunststoffe stehen unserer Meinung nach nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Selbst wenn weltweit alle als Werkstoffe unverzichtbaren Kunststoffe zukünftig zu 100 % durch biobasierte Kunststoffe ersetzt werden könnten, bräuchten wir für deren Anbau bei durchschnittlichen Effizienzkriterien nur 1 % der heutigen landwirtschaftlich genutzten Fläche.  OLIVER RISTAU

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